"Es wird kein Finale geben"

4. Juli 2014, 17:39
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Die Proteste sind nicht verstummt, aber leiser geworden. Aktivisten kritisieren das harte Vorgehen von Polizei und Justiz

Rio de Janeiro - Es gibt sie noch, die Proteste. Kleiner, leiser, unauffälliger. Im Copacabana-Viertel in Rio de Janeiro sammelten sich nach Spielen der Seleção hunderte Unentwegte. Sie rollen auch nach drei Wochen Fußball ihre Plakate mit der Aufschrift "Não vai ter Copa" ("es wird keine WM geben") aus. Ein letztes Aufflackern der Wut gegen die überbordenden Kosten der WM, gegen die Verantwortlichen des Weltverbandes Fifa, gegen Korruption und Vetternwirtschaft - dann ertönt der Anpfiff des Fanfestes. Ein Grüppchen zieht unbemerkt Richtung Leme-Strand weiter. Das Gros der Demonstranten ist aber längst im Jubelmeer vor der gigantischen Leinwand untergetaucht.

"Ich habe immer fest daran geglaubt, dass die WM die Energie der Kundgebungen schlucken wird, dass diese Unzufriedenheit einen Moment der Waffenruhe haben wird", sagte Brasiliens Sportminister Aldo Rebelo. Seine Erklärung für das Phänomen: "Die Demonstrationen beim Confed Cup sind falsch interpretiert worden, als hätten diese die WM als Gegenstand. Sie entstanden aber aus Protest gegen Fahrpreise, gegen Probleme bei Sicherheit, Gesundheit und Bildung."

Gastredner Blatter ab durch die Hintertür

Der Unmut vor einem Jahr, als Hunderttausende im ganzen Land die Straßen und Plätze stürmten, richtete sich aber auch gegen das Fußballfest, weil dort Milliarden hingeflossen waren, die in anderen Bereichen fehlen. "Wo ist die soziale Wut jetzt? Wo sind die großen Demonstrationen?", fragte Fifa-Präsident Joseph S. Blatter, als er am vergangenen Mittwoch als Gastredner ein vom Weltverband mitorganisiertes Sportevent-Seminar eröffnete. Kurioserweise musste der 78-jährige Schweizer den Ort der Veranstaltung durch eine Seitentür verlassen: Vor dem Haupteingang lärmte eine kleine Gruppe mit Plakaten ("Fuck Fifa", "Fifa-Mafia").

Dennoch ist die WM plötzlich auch für die Fifa "die beste aller Zeiten". Zumindest was den Fußball betrifft. Meint Jérôme Valcke. Auch die feiernden Fans begeistern den Fifa-Generalsekretär. "Was wir auf den Straßen, in den Städten, in denen die Spiele stattfinden, sehen, hat alle Welt von Brasilien erwartet."

Doch nicht alles lief friedlich ab. Am ersten WM-Tag krachte es gewaltig, in São Paulo, in Rio de Janeiro. Die Bilanz nach einer Woche: mindestens 21 Demonstrationszüge landesweit, zwölf davon mit Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten, Sachbeschädigungen in Millionenhöhe.

Polizei und Justiz reagieren jetzt härter. Sie wollen bewusst abschrecken - und überschreiten nun ihrerseits tolerierbare Grenzen, wie die Menschenrechtsbewegung Human Rights Watch (HRW) urteilt. Sie kämpft für die Freilassung zweier Demonstranten, die seit 23. Juni unter anderem wegen illegalen Waffenbesitzes, Widerstand gegen die Ordnungsmacht und Aufruf zu Gewalt in Haft sitzen. Der Haftbeschluss basiert auf dem Fund einer "hausgemachten Bombe" bzw. "eines Joghurtbechers mit nach Benzin riechendem Inhalt". Laut Zeugen alles Lüge.

Der Demonstrant von gestern ist heute aber lieber Fußballfan. Daran wird sich auch nichts bei der angekündigten Großkundgebung am 13. Juli ändern, nun unter dem reduzierten Motto "Não vai ter final!" (sid, DER STANDARD, 5.7.2014)

  • Proteste gibt es noch, sie werden nun weniger beachtet.
    foto: ap/ nelson antoine

    Proteste gibt es noch, sie werden nun weniger beachtet.

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