Brennende Dornbüsche und tote Tauben

Blog7. Juli 2014, 12:14
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Wenn sich banalste Ereignisse als existenzielle Wahrheiten offenbaren

Ich gebe zu, der letzte Blogeintrag war ziemlich kurz. Ich habe auch schon eine sanfte Rüge dafür bekommen. Zu meiner Entschuldigung könnte ich anfügen, dass die Zeit zwischen Schlafen, Drehen und wieder Schlafen sehr knapp bemessen ist, aber das gilt nicht als Ausrede. Mein Gewissen ist ziemlich empfindlich – es wird schnell schlecht. Deshalb will ich noch rasch ein paar Gedanken zum Thema "Zeichen" nachreichen. Zeichen sind nach meinem Verständnis nichts, was "geschrieben steht", sondern etwas, das "zu lesen" ist. Ich meine damit, dass Gott niemals einen Dornbursch anzünden würde.

Menschliches und Göttliches

Dornbüsche, zumal in Wüstengegenden, brennen sehr leicht und ohne großen äußeren Anlass. Wenn man aber zur rechten Zeit am rechten Ort seine Augen und Ohren offenhält (und auch sein Herz – jawohl!), dann können sich einem die banalsten Ereignisse als existenzielle Wahrheiten offenbaren.

foto: thimfilm

Ein kleines Beispiel: Vor einigen Jahren fuhr ich in Wien stadtauswärts auf der Triester Straße und beobachtete an einer roten Ampel einen jungen Burschen, wie er mit der Spitze seines Schuhs beinahe zärtlich eine offenbar tote Taube anstupste, die im Rinnstein lag. Sie werden jetzt vielleicht sagen: "Aha", aber für mich hatte diese Szene etwas sehr Menschliches, um nicht zu sagen Göttliches – eine Art ehrfürchtige und gleichzeitig hilflose Neugier gegenüber der Schöpfung, die sich für mich wie zeichenhaft in diesem Bild ausdrückte. Womit wir wieder bei meinem etwas sperrigen Gedanken angelangt sind, dass Zeichen nichts sind, was "geschrieben" steht, sondern etwas, das "zu lesen" ist.

In Beziehung treten

Im Falle der eben geschilderten Szene könnte man sinngemäß sagen, dass eine tote Taube und ein von der Schule nach Hause kommender Junge in einer Großstadt nichts Besonderes sind, dass die Verbindung der beiden durch die Geste des Anstupsens und das Beobachten durch einen Dritten (in dem Fall mich) zu etwas Zeichenhaften führen kann. Etwas Größeres dringt nach außen und fordert mit Macht seine Deutung. Wie wir die Zeichen schließlich deuten, liegt weniger im buchstäblichen Auge des Betrachters als in unserer Seele.

Wenn Dinge/Wesen miteinander in Beziehung treten, kommt es unweigerlich zu einer Reaktion. Wenn ein anderer diese Reaktion beobachtet und zu deuten versucht, wird daraus ein Zeichen. Warum mich Zeichen so sehr beschäftigen, das daraus der bislang längste Blogeintrag dieser Reihe wurde? Weil Zeichen Stellvertreter für etwas Unaussprechliches sind. Im Grunde genommen ist Kunst dasselbe. Ob Gott nicht vielleicht doch ein Mathematiker ist?

Nächste Frage

In der Reihe der (bis jetzt und in Zukunft) vermutlich am häufigsten gestellten Fragen zu meinem neuen Film "Superwelt":

"Herr Markovics, wie kamen Sie auf den Titel Ihres neuen Films 'Superwelt'?"

"Also das war so ... zunächst einmal, danke für die Frage. 'Superwelt' ist eine Geschichte über Gott und die Welt, deren Hauptfigur in einem Supermarkt arbeitet. Wie also sonst hätte ich meinen neuen Film 'Superwelt' nennen sollen als 'Superwelt'? Das klingt jetzt ein bisschen wie das Ende eines jüdischen Witzes, dabei wollte ich weder originell noch ironisch sein. Tatsächlich gibt es für mich keinen selbstverständlicheren Titel als 'Superwelt'. Dass ich den Titel 'Superwelt' so häufig erwähne, hat natürlich nichts damit zu tun, dass ich Neugier, Interesse und vielleicht sogar einen kleinen Hype schüren will. Nein. Ich will damit lediglich sagen, dass 'Superwelt' für mich der einzig mögliche Titel für meinen neuen Film 'Superwelt' war. Als Randbemerkung sei erwähnt, dass mein erster Film 'Atmen' ursprünglich 'Roman' heißen sollte, so wie die Hauptfigur in 'Atmen'. Das war für mich ein ebenso zwingender Titel wie jetzt 'Superwelt'. Was dabei rausgekommen ist, wissen Sie ja vielleicht – eben, 'Atmen'. Außer mir fand damals niemand, dass 'Roman' ein guter Filmtitel sei. Die Assoziation zur literarischen Form Roman sei zu naheliegend und deshalb irreführend. Wie auch immer, ein scheinbar zwingender Titel kann schnell zu einer halbseichten Anekdote verkommen; außer natürlich 'Superwelt' - der Titel ist wirklich ein Hammer! Oder?" (Karl Markovics, derStandard.at, 7.7.2014)

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Facebook.com/Superwelt

Karl Markovics stellt für derStandard.at in regelmäßigen Abständen Beiträge über die Dreharbeiten zu dem Film "Superwelt" zur Verfügung.

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