Krimiautor Andreas Pittler: "Der Wiener Dialekt legt sich nicht gerne fest"

Interview16. Juli 2014, 05:30
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Der Schriftsteller über die Herausforderung der Übersetzung von Sprüchen wie "Des Reißerte hob i"

Wie ist es, wenn seine eigenen Bücher in eine ganz andere Sprache übersetzt werden, etwa ins Englische oder Serbische? daStandard.at sprach mit Andreas Pittler über das Übersetzen von Literatur und die Zusammenarbeit zwischen Autoren und Übersetzern.

daStandard.at: Ihre Kriminalromane spielen in der Zwischenkriegszeit in Wien. Die Hauptfigur ist David Bronstein, ein Polizeioffizier, der aus einer assimilierten jüdischen Familie stammt. In Ihren Büchern arbeiten Sie gerne mit Dialektausdrücken. Was passiert damit in Übersetzungen? 

Pittler: Das erste Buch, das ein großer Erfolg war, hieß "Zores", das ist ein jüdischer Dialektausdruck für Ungemach, Probleme, Unheil. Die Handlung spielt im Jahr 1938, als Österreich unterging. Dieses Thema hat international Interesse hervorgerufen. Vincent Kling, ein US-amerikanischer Professor in Philadelphia, hat diese Serie in Wien entdeckt, als er über seine Eltern Forschungen anstellte, die in Wien aufgewachsen waren. Er setzte sich mit mir in Verbindung und fragte mich, ob ich etwas dagegen hätte, dass er das Buch ins Englisch übersetzt. Selbstverständlich hatte ich nichts dagegen.

daStandard.at: Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Ihrem Englisch-Übersetzer?  

Pittler: Ich hatte Glück, denn Vincent Kling ist schon 70 und kennt eine Vielzahl der Dialektausdrücke noch aus seiner Kinderstube, die ein durchschnittlicher Wiener kaum mehr kennt. Da ich selbst gut Englisch spreche, konnte ich seine Übersetzung nachvollziehen und jeden Schritt mit ihm besprechen.

daStandard.at: Inzwischen ist "Zores" auch auf Serbisch erschienen. Wie gestaltete sich da die Zusammenarbeit mit der Übersetzerin?

Pittler: Die Übersetzerin Mirjana Popović hat mir gleich zu Beginn ihrer Arbeit an meinem Buch eine Mail geschrieben, und ich habe sie ermuntert, mich zu kontaktieren, wenn sie Hilfe braucht. Meine Bücher leben nämlich von den Dialogen im Wiener Dialekt. Und das ist dann schon eine schwierige Aufgabe und eine sehr spezielle Herausforderung für einen Übersetzer. Mirjana Popović hatte natürlich nicht dieselben Voraussetzungen wie Vincent Kling, sie musste sehr viel selbst recherchieren, beispielsweise dass ein "Pharisäer" ein Kaffee mit Rum und Schlagobers ist.

daStandard.at: Haben Sie das Gefühl, mit einer Übersetzung eine andere Leserschaft zu erreichen als mit dem Original?

Pittler: Ja, absolut. Wenn du als Wiener über einen Wiener in Wien schreibst, ist das immer ein Heimspiel. Es genügt, eine Szene anzureißen, und jeder in deinem Auditorium weiß, was gemeint ist. Schreibe ich "Cordoba", weiß sofort jeder, dass jenes Fußballspiel 1978 gemeint ist, in dem Österreich Deutschland schlagen konnte. Aber in Serbien weiß das natürlich keiner. Mit jeder Übersetzung dringst du in eine neue Dimension ein und kannst etwas von dir und deinem Hintergrund mitteilen. Hoffentlich wissen die Leser nach der Lektüre deines Buches mehr.

daStandard.at: Wie kann man als Autor Vertrauen haben, dass in der Übersetzung nichts verloren geht oder anders ankommt? Wie steht es mit der eigenen Interpretation des Übersetzers?

Pittler: Wenn man in eine Sprache übersetzt wird, die man gar nicht versteht, ist man vollkommen ausgeliefert, man muss einfach vertrauen. Aber Literatur ist ja immer ein Mittel zur Kommunikation und zur Steigerung des gegenseitigen Verständnisses. Das kann nur funktionieren, wenn es Leute gibt, die diese Literatur in andere Sprachen übersetzen, denn sonst schmort ja jedes Buch nur im eigenen Saft. Die Übersetzer sind diejenigen, die uns Autoren in die Welt hinaustragen.

Übersetzungsprobleme hat man schon in der eigenen Sprache. Wenn man ein Buch mit einem starken Wiener Einschlag schreibt, muss man schon in Innsbruck oder München einiges erklären, und in Hamburg und Bremen hat man dann überhaupt keine Chance mehr. Bei einer Lesung in Nürnberg habe ich spontan beschlossen, die Dialoge auf Hochdeutsch vorzulesen, ich musste mich gewissermaßen selbst übersetzen. Dadurch ging der ursprüngliche Gag verloren, aber die Botschaft ist wichtiger als der Gag. Das Wichtigste beim Übersetzen ist mir, dass der Inhalt dessen, was ich mitteilen wollte, konserviert bleibt.

daStandard.at: Was ist die besondere Schwierigkeit beim Übersetzen des Wiener Dialekts?

Pittler: Der Wiener Dialekt ist berühmt dafür, dass er mit Wendungen agiert, die so oder so verstanden werden können, je nachdem, zu wem gesprochen wird. Es wird gerne der Konjunktiv eingesetzt, "ich würde sagen", denn der Wiener legt sich nicht gerne fest. Da muss man schon manchmal überlegen, was eigentlich wirklich gemeint war. (Mascha Dabić, daStandard.at, 16.7.2014)

Andreas Pittler (geboren 1964) ist Historiker, Germanist und Autor von Sachbüchern und Romanen. Er ist Mitglied mehrerer literarischer Verbände, unter anderem des österreichischen P.E.N.-Clubs und des "Syndikats", der Vereinigung deutschsprachiger Kriminalschriftsteller. Sein Roman "Tinnef" wurde 2012 für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Pittler lebt und arbeitet in Wien-Margareten, geboren wurde er in Wien-Dornbach.

Beispiel für die Übersetzung aus dem Wienerischen ins Englische:

"Jedlicka. Ottilie Jedlicka. Na ja, mei Vota hat Otto g'haßen, und der wollt halt immer an Buam, ned. Dazua hot's oba ned g'langt. Oiso bin i a Ottilie wurd'n. Na, aa wurscht. Ollaweu, des warat mei anzige Surg."

Bronstein beging den Fehler, eine Zehntelsekunde zu lange einen fragenden Gesichtsausdruck an den Tag zu legen. Die Jedlicka fasste dies als Aufforderung auf, ihm ihre Krankengeschichte zu servieren.

"Des Reißerte hob i. Seit ewig, versteh'n S'! Wasser in die Fiaß, Bluat im Rotz und Papp im Hirn. Schaaßaugert bin, hatschen tua i, und waun i amoi scheißen kau, dann is der Dreck so hoat wia a Zwetschenkern. I huast in aner Tour, des Schädelweh is mei anziger Gost, der dafür oba dauerhaft, und waun i den nächsten Winter nu daleb, daun is des a Wunda.  Oiso frogen S' mi schnö, weu sunst bin i am End vurher hin, bevur S' fertig san."

Bronstein bemühte sich um ein optimistisches Lächeln: "Aber geh'n S'. Doch ned eine so patente Person, wie Sie es sind. Sie sind doch allerhöchstens Mitte 50."

Der leidende Gesichtsausdruck der Frau changierte augenblicklich zu furienhaftem Zorn: "Hörst, G'füllter! Letzten Oktober bin i 50 wor'n!"


"Jedlicka. Ottilie Jedlicka. My father's name was Otto, see, and he always wanted a boy. But that never happened, so that's how I got to be Ottilie. But never mind, I wish that were my only trouble."

Bronstein made the mistake of letting a question show in his face for a tenth of a second too long. The Jedlicka woman interpreted his look as a request to dish up the whole history of her ailments.

"I have trouble with my nerves. Always did, y'know! Water in my feet, blood in my phlegm and pressure on my brain. I'm cross-eyed, my foot drags, and whenever I can finally take a crap, the turd's as hard as a plum pit. I cough non-stop and headache is my only company, but that for a long time. If I´m alive next winter it will be a miracle. So ask your questions quick, or else I kick off before you're finished."

Bronstein tried hard to summon up an optimistic smile. "Come on now, you are too sharp for that. Plus you must only be in your mid-fifties at the most."

The suffering expression on the woman's face instantly changed to the wrath of the Furies: "Listen, Chubby, I only turned 50 last October."



"Und wea beistn du?"

Bronstein zeigte seine Marke.

"Sou schaust a aus, dou bleida Trouttl."

Bronstein nahm Haltung an. "Aber ich muss doch sehr bitten, mein Herr."

"Wouhea denn. Des wirst jou nou aushoultn."


"And who the hell are you?"

Bronstein produced his badge.

"Yeah, you're looking, damn idiot."

Bronstein stood up a little straighter: "I ask you right now to change your tune."

"Ah, you can take it, can't you?"

  • Autor Andreas Pittler vor dem Haus des Schriftstellerverbands in Belgrad.

    Autor Andreas Pittler vor dem Haus des Schriftstellerverbands in Belgrad.

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