Pippis Schwester Effi aus Pommern

4. Juli 2014, 18:07
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Nicht von dieser Welt: Haggs "Effi Briest" nach Fontane im Theater Reichenau

Reichenau - In der literarischen Abfolge großer Ehebrecherinnen des 19. Jahrhunderts ist Effi Briest womöglich die liebenswürdigste. Als Gutsherrentochter und halber Backfisch wird sie in die Ehe mit einem Landrat gestoßen. Baron von Innstetten (Michael Dangl) kleidet sein nicht unproblematisches Ich in einen Panzer aus Konventionen.

Effi stößt sich nicht an den gesellschaftlichen Vorschriften. Sie durchquert sie eher wie ein quirliger Fisch. Im Theater Reichenau blickt man auf eine verhuschte Flusslandschaft. Bordüren aus Spitze bilden die Fassung für das Geschehen. Gleich meint man, Theodor Fontane, der Spaziergänger durch die Mark Brandenburg, werde persönlich um die Ecke biegen und den Zylinder lüften (Bühne: Peter Loidolt).

Doch Klein Effi (Alina Fritsch) klettert im Garten zu Hohen-Cremmen als Wildfang auf der Strickleiter herum. Sehr viel erwachsener wird sie nicht mehr werden. Die Mama (Regina Fritsch) tadelt das verspielte Gör. Effi kann mit ihrem silberhellen Lachen als Ahnfrau von Pippi Langstrumpf durchgehen. Mit aller Noblesse entrollt Regisseurin Regina Fritsch die Theaterfassung des Romans Effi Briest (1895).

Bearbeiter Nicolaus Hagg hat das wunderbare Fontane-Deutsch in den Grundzügen erhalten. Alles webt, flimmert und fließt. Die Musik Bernhard Moshammers träumt sich durch das Wähnen dieser Figuren, die vor jeder Bekundung ihrer Seelen wie vor einem Rätsel stehen. Man wünscht sich sehr heftig die Segnungen der Psychoanalyse herbei.

Achtung: Untreue

Effi, die einen Papa zum Knuddeln hat (Martin Schwab), für den das ganze Leben "ein weites Feld" ist, landet mit ihrem Mann, dem Landrat, in einer Gemeinde in Hinterpommern. Dort kommt sie bald nieder. Dort lernt sie - neben einem schüchternen Apotheker mit glänzenden Augen (Hans-Dieter Knebel) - auch den schneidigen Landwehrmajor von Crampas (Sascha Oskar Weis) kennen.

Es passiert, was unter solchen Umständen zu geschehen hat. Kaum wähnt man, die Befangenheit des Ehemanns hätte sich verflüchtigt, da deckt ein Zufall Effis Untreue auf. Die schöne Ehe ist beim Teufel, der nunmehrige Herr Ministerialdirektor schießt ein dickes Loch in die Luft. Der Aufführung kann es plötzlich nicht schnell genug gehen. Fritschs/Haggs Unternehmung ist nicht von dieser Welt. Das ist ihr Segen, aber auch ihr Fluch. Hätte Fontane ein Stück zu schreiben gewünscht, hätte er das getan. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 5.7.2014)

  • Zeigt, wo es langgeht: Innstetten (Michael Dangl) mit Effi (Alina Fritsch).
    foto: apa/schlager

    Zeigt, wo es langgeht: Innstetten (Michael Dangl) mit Effi (Alina Fritsch).

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