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4. Juli 2014, 17:52
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Zweiter Tag beim Wettlesen in Klagenfurt: Mythen und Manien bei den "Tagen der deutschsprachigen Literatur"

Klagenfurt - Der Bachmannpreis sei so etwas wie eine "Insel der Literatur", meinte Karin Bernhard, Landesdirektorin des ORF Kärnten, am Eröffnungsabend der heuer zum 38. Mal ausgerichteten Tage der deutschsprachigen Literatur. Sollte dem tatsächlich so sein, dann würde es sich bei diesem Eiland der Lesewütigen um einen gegen außen recht gut abgeschirmten Ort handeln.

Am Eröffnungsabend etwa war - eine Neuigkeit - nur mit Einladungskarte ins Klagenfurter ORF-Theater vorzudringen, und auch der 1984 in Sri Lanka geborene, in Berlin lebende Autor Senthuran Varatharajah strandete am zweiten Lesetag mit seinem die Asylthematik aufnehmenden Text irgendwo im seichten Wasser vor der Küste. Es ist nicht so, dass Varatharajahs Text, der in Form eines Dialoges auf Facebook zwei Asylbiografien in Deutschland umreißt, literarisch herausgestochen wäre. Aber er brachte immerhin so etwas wie das Jetzt, ein Heute mit seinen gesellschaftlichen und ökonomischen Verwerfungen in diesen Bewerb, an dem bisher erstaunlich viele Familien- und Befindlichkeitsgeschichten vorgelesen wurden.

Leider auch von der dezidiert politisch engagierten Grazer Autorin Birgit Pölzl, die einen Text über den Versuch einer Frau vortrug, in Tibet über den Tod der von ihrem Mann überfahrenen Tochter hinwegzukommen.

Eine geografische Insel inmitten Europas, nämlich die Schweiz mit zweien ihrer Autoren - Michael Fehr und Romana Ganzoni -, stand dann im Zentrum des zweiten Lesenachmittags. Fehr, ein 32-jähriger Berner, las seinen Beitrag nicht vom Blatt, sondern betrieb das, was er "simultanes Übersetzen ohne Fremdsprache" nennt. Das heißt: Fehr, der an einer angeborenen Sehbehinderung leidet und optisch nur diffus Formen wahrnimmt, hört seinen Text mit Kopfhörer vom iPod ab. Oder er trägt ihn ganz frei vor, und zwar stehend und hin und her gehend. Der performative Akt, die sinnliche Breite der Sprache, grundiert von einem soliden Text, der mit schweizerischen Klischees, Mythen und der Paranoia des Kleinstaates spielt, überzeugte - anders als der Beitrag der Rätoromanin Ganzoni - die Jury. Es spricht viel dafür, dass man 20 Jahre nach Reto Hänny bei der Preisentscheidung wieder einen Schweizer mit auf der Rechnung haben muss.

Den allerersten Bachmannpreis gewann 1977 Gert Jonke (1949- 2009). Dieser "26-Buchstaben-Komponist", an dessen Klagenfurter Geburtshaus (Dr.-Franz-Palla-Gasse 2) gestern eine Gedenktafel enthüllt wurde, hätte seine Freude an Fehr gehabt. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 5.7.2014)

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