"Man sollte sich von der schweren Geschichte befreien"

Interview7. Juli 2014, 14:15
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Für die bosnische Künstlerin Gordana Andjelić-Galić ist Kulturpolitik in ihrem Land kaum existent

Die bosnische Künstlerin Gordana Andjelić-Galić war anlässlich des Weltkrieg-Gedenkjahres zu Gast in Wien. Im Rahmen des Projekts "Share - Too Much History" präsentierte sie ihre Arbeit über die Stellung von Kunstschaffenden in Bosnien. Mit daStandard.at sprach sie über die unterschiedlichen Lebenswelten von bosnischen und westeuropäischen Künstlern und darüber, wie Künstler allen widrigen Umständen zum Trotz Wege finden, ihren Ideen Ausdruck zu verleihen.

daStandard.at: Sie haben anlässlich des Gedenkjahres Ihre Arbeiten in Wien gezeigt. Außer Ihnen waren auch andere Künstler aus Bosnien eingeladen. Im Gegenzug waren österreichische Künstler sehr präsent bei den Gedenkfeierlichkeiten in Sarajevo. Da scheint ein Transfer in beide Richtungen stattzufinden?

Gordana Andjelić-Galić: Um sich der politischen Sprache des Ersten Weltkriegs zu bedienen, könnte man sagen, der Anlass für meinen Aufenthalt in Wien ist der Erste Weltkrieg, die Ursachen sind andere ... (lacht) Wenn wir, Künstler aus Bosnien, nach Wien kommen, ist es nicht dasselbe, wie wenn österreichische Künstler nach Sarajevo kommen.

Es ist nämlich so: Der österreichische Staat hält etwas auf seine Künstler und schickt sie deshalb ins Ausland. Wir dagegen bekommen keinerlei Unterstützung von unserem eigenen Staat, aber zum Glück wurden wir von Österreich oder von anderen Ländern eingeladen, sodass wir die Möglichkeit haben, unsere Arbeiten im Ausland zu präsentieren. Solche Initiativen kommen immer nur von außen.

daStandard.at: Liegt das am fehlenden Budget? Oder gibt es auch andere Gründe, warum das offizielle Bosnien keinen Wert darauf legt, seine Künstler im Ausland zu präsentieren?

Andjelić-Galić: Es liegt natürlich am Budget, aber nicht nur. Das Problem ist, dass unsere Politiker sich nicht einmal für Politik interessieren, geschweige denn für Kunst und Kultur. Es fehlt schlicht das Interesse. Es gibt zwar keine Zensur, künstlerische Arbeiten werden also nicht verboten, aber das liegt nicht an der demokratischen Gesinnung der Politiker, sondern am fehlenden Interesse. Es gibt nicht einmal ansatzweise so etwas wie eine Kulturpolitik.

daStandard.at: Der 28. Juni, an dem das Attentat sich zum hundertsten Mal jährte, wurde von allen Seiten und aus jeweils unterschiedlichen Blickpunkten medial berichtet. Wie haben Sie als bosnische Künstlerin dieses Datum erlebt?

Andjelić-Galić: Vielleicht bin ich die falsche Person für diese Frage, ich begehe nicht einmal meinen eigenen Geburtstag, geschweige denn den hundertsten Jahrestag eines Attentats. (lacht) In der Tat wurde dieses Datum künstlich aufgeblasen, und es wurde eine Art Spannung produziert.

daStandard.at: Geht die Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg ein Stück weit auf Kosten der Beschäftigung mit dem jüngsten Krieg der Neunzigerjahre?

Andjelić-Galić: Die Folgen des jüngsten Krieges sind noch stark präsent, dieser Krieg ist noch nicht wirklich vorbei. Aber wir glauben, hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg irgendwelche Wahrheiten finden zu können, die bislang nicht gefunden worden waren. Bald kommen wir zum Zweiten Weltkrieg, und so geht das ewig weiter.

Ich persönlich bin absolut dagegen, dass man die Geschichte recycelt. Das Recycling der Vergangenheit gebiert neues Unheil. Indem wir ständig in die Vergangenheit zurückkehren, produzieren wir das Böse von neuem. Gerade in Bosnien, wo die ökonomische Situation zum Verzweifeln ist, sollte man sich lieber auf die Gegenwart konzentrieren und zusehen, dass man sich von der schweren Geschichte befreit.

daStandard.at: Der Balkan ist eine sehr geschichtsträchtige Gegend. Würden Sie sagen, dass die Menschen dort besonders stark auf die Vergangenheit fokussiert sind?

Andjelić-Galić: Ja. Auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens lebt man immer in der Vergangenheit, was vollkommen sinnlos ist. Immer wieder werden Slogans geschwungen wie „wir müssen uns erinnern“, „niemals vergessen“, „damit es sich nicht wiederholt“, aber ich bin da anderer Meinung. Wir müssen zusehen, dass unsere Gesellschaft toleranter und zivilisierter wird, und dann wird es in Zukunft keine Probleme geben. Allein davon, dass wir andauernd zurückblicken, wird nichts besser.

daStandard.at: In Ihren Arbeiten setzen Sie sich mit der Stellung der Künstler in Bosnien und Herzegowina auseinander. Wo gibt es Unterschiede und Parallelen zur Position des Künstlers in Westeuropa?

Andjelić-Galić: Sowohl in stabilen als auch in instabilen Gesellschaften gibt es talentierte Künstler, und Künstler finden immer einen Weg, ihre Arbeiten zu produzieren, auch wenn die Bedingungen schlecht sind. Unser Problem ist, dass wir im Gegensatz zu österreichischen Künstlern oft keine Mittel haben, um unsere Ideen zu realisieren, also machen wir Kompromisse und produzieren billigere Arbeiten. Außerdem stehen existenzielle Fragen bei uns stark im Vordergrund.

Auf der anderen Seite hören wir manchmal von westeuropäischen Kollegen „Ihr habt es gut, ihr habt immerhin Themen für eure künstlerischen Arbeiten!“ (lacht), aber darauf können wir nur antworten: „Macht euch keine Sorgen, das habt ihr bald auch“, weil die Folgen der Globalisierung auch in Westeuropa zunehmend spürbar werden. Das freut natürlich niemanden.

Aber es hat Auswirkungen auf die Kunst, denn Kunst ist nichts, das von außen kommt; sie kommt aus den Menschen und aus ihrem Leben, ganz gleich, ob es sich um engagierte, politische Kunst handelt oder auch um Stillleben und Porträts. Unsere Malerei ist einfach anders als in Westeuropa, selbst dort, wo klassische Formen und Materialien zur Anwendung kommen, denn Kunst ist immer in einem Kontext eingebettet. (Mascha Dabić, daStandard.at, 4.7.2014)

Gordana Andjelić-Galić wurde in Mostar geboren und studierte an der Philosophischen Fakultät sowie an der Kunstakademie in Sarajevo. Derzeit lebt und arbeitet sie in Sarajevo.

Links: 
SHARE - Too Much History, MORE Future im 21er-Haus

Sarajevo Center For Contemporary Art 

  • Gordana Andjelić-Galić: "Indem wir ständig in die Vergangenheit zurückkehren, produzieren wir das Böse von neuem."
    foto: mascha dabić

    Gordana Andjelić-Galić: "Indem wir ständig in die Vergangenheit zurückkehren, produzieren wir das Böse von neuem."

  • Artikelbild
    foto: mascha dabić
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