Indiskretion ist ihr Geschäft

4. Juli 2014, 17:07
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Die Frankfurter Schirn Kunsthalle zeigt Kunst und Ambivalenz der Schnappschuss-Starfotografen. Den ökonomischen Gesetzen der Aufmerksamkeit huldigen "Täter" und Betroffene

Frankfurt - Natürlich ist gleich der rote Teppich da. Das kann nicht anders sein, wenn die Ausstellung Paparazzi! Fotografen, Stars und Künstler heißt. Sobald man diese Schau betritt, steht man schon im Blitzlichtgewitter, hört "Here! Look here!"-Rufe. Schöner und zugleich ironischer als mit Malachi Farells Installation Interview (Paparazzi) (2000) ist kaum zu beginnen. Denn hier wird beängstigend spürbar, was es heißt, im Blitzlichtgewitter der Promi-Fotografen zu stehen. Ganz am Rand und fast zu übersehen: eine kleine Vitrine mit einer zerbrochenen Hornbrille.

Die vom Centre Pompidou Metz entwickelte Schau entfaltet sich in drei Stationen. Was klug ist. Andererseits aber auch etwas problematisch. Denn die beiden ersten Kapitel sind zum einen viel raumgreifender als das Finale. Andererseits ist dieses dem Umgang der bildenden Kunst mit Phänomen, Mythos und Arbeit der Paparazzi gewidmet - und es zeigt sich, dass die Bildreporter einen Großteil der künstlerischen Methoden, von Ironie bis Camouflage, bereits seit den 1950-ern instinktiv durchexerziert haben.

Im Namen Fellinis

Vor allem die beiden ersten Sektionen von "Fotografen", dem ersten Teil der Schau in der langen, hohen, schmalen Ausstellungshalle, zeigen dies. Der Blick des "Paparazzo", den es bereits vor Federico Fellinis Film La dolce vita (1960) gab, der aber aufgrund eines darin auftretenden rasenden Bildreporters seither so heißt, steht zu Beginn im Mittelpunkt: sein "Abschießen" von Prominenten. Was in den 1950ern hieß: Filmschauspieler und Diven - Marlon Brando, Gina Lollobrigida, Brigitte Bardot. Klatsch- und bildlastige Magazine der Wirtschaftswunderjahre ab den 1950ern gierten nach Material. Und die Paparazzi lieferten es. Auch indem sie Zäune überwanden, sich in Häuser einschlichen, mit Krawattenkameras fotografierten oder bombastische Teleobjektive auf Pools und Yachten richteten. Technische Beispiele sind hier zu sehen: Kugelschreiber- und Zigarettenschachtelkameras ebenso wie ein riesenhaftes Kiflitt-Tele.

Sie bedienten den Starkult. Und waren zugleich die Nachtseite der Sterne am Promi-Firmament. Denn Indiskretion ist das zentrale Charakteristikum der Arbeit der Paparazzi. Was die Schau mit Beispielen von 1930 bis 2004 eindringlich belegt: mit nächtlichen Verfolgungsfahrten, mit Schlägereien, die sich die in privaten Momenten "Abgeschossenen" mit auf der Lauer liegenden Schnappschussjägern lieferten: Sean Penn 1986, Marlene Dietrich 1975, oder Walter Chiari, der 1958 Tazio Secchiaroli die Straße hinabjagt. Und da ist das gestisch weltweit idente Motiv: die vor die Linse der "Schakale" oder "Ratten", so die erstaunlichen Selbsteinstufungen von Paparazzi, gehaltene Hand.

Die zweite Sektion fokussiert sich auf die Stars und deren Versuche, mit den Paparazzi zu spielen. Im Mittelpunkt steht hier das Verhältnis von fast immer männlichem Fotografen und fast immer weiblichem Star oder Starlet. Dies wie auch das Scheitern des "Spiels" wird gezeigt anhand von sechs Kabinetten, gewidmet Jackie Kennedy Onassis, Liz Taylor, Brigitte Bardot, Lady Diana, Britney Spears und Paris Hilton. Auch mittels Aufnahmen früher Paparazzi wie Erich Salomon, der Politiker gern in privaten Situationen aufnahm. Dieses Katz-und-Maus-Spiel kennt keine eindeutigen Opfer. Eines der berühmtesten Fotos zeigt Ron Galella, der zwei Schritte hinter Marlon Brando geht und zum Schutz einen Baseballhelm trägt.

Bereits 1962 griff Richard Avedon die durch Fellinis Film erzeugte Glorie der Paparazzi in einer Werbekampagne "à la Paparazzo" auf. Am Ende der Schau ist aber zu konstatieren, dass nicht jede gezeigte künstlerische Arbeit, darunter Werke von G.R.A.M, Barbara Kruger, Juergen Teller, Gerhard Richter, das bis dato herrschende Niveau halten kann. Und erst recht nicht diesen gewissen Kitzel einer Paparazzo-Aufnahme hat. (Alexander Kluy, DER STANDARD, 5.7.2014)

Schirn Frankfurt, bis 12. 10.

  • Halb ekelt es sie, halb reißt es sie hin: Elisabeth Taylor, einst die "schönste Frau der Welt", in der Promi-Hochburg Gstaad (Heiliger Abend 1979). Abgedrückt hat Daniel Angeli.
    foto: bestimage/ daniel angeli

    Halb ekelt es sie, halb reißt es sie hin: Elisabeth Taylor, einst die "schönste Frau der Welt", in der Promi-Hochburg Gstaad (Heiliger Abend 1979). Abgedrückt hat Daniel Angeli.


  • Sébastien Valiela schoss dieses Bild von Paris Hilton und Britney Spears beim Shopping 26. November 2006.
    foto: sébastien valiela/ schirn

    Sébastien Valiela schoss dieses Bild von Paris Hilton und Britney Spears beim Shopping 26. November 2006.

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