Vom Shitstorm verweht

4. Juli 2014, 17:57
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In dieser Volkserhebung sind die Zeichen geistiger Verwirrung an dem Volkssänger, die man auch als erste Signale von Größenwahn deuten könnte, völlig untergegangen.

Jetzt wird es mehr als einer Partei leid tun, Andreas Gabalier nicht schon vor der Wahl zum Europäischen Parlament als Kandidaten entdeckt und aufgestellt zu haben. Aber das waren ja nicht die letzten Wahlen, und jetzt hat er mehr Zeit, sich einzuarbeiten. Einen Coach oder eine Coachin, wie es Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek in der Farce um die Bundeshymne war, wird er allerdings nie wieder finden. Sein nationales Ständchen beim Formel-1-Grand- Prix wäre verdienterweise ohne jedes Aufsehen geblieben, hätte sich die gute Frau, wieder einmal schlecht beraten, nicht in dem Glauben gewiegt, in diesem Land mit einem Augenzwinkern samt Zwinkersmiley gegen krachledernes Alpenrockertum bestehen zu können, wenn sie ihren Satirebegriff auch noch mit einem rohrstaberlmäßig gereckten Zeigefinger ins Gegenteil verkehrt. Hätte der Bundeskanzler sich nicht wieder einmal gedrückt, sondern höchstselbst auf der korrekten Abwicklung des hymnischen Textes bestanden, wäre uns und ihr der Shitstorm zweifellos erspart geblieben.

In dieser Volkserhebung sind die Zeichen geistiger Verwirrung an dem Volkssänger, die man auch als erste Signale von Größenwahn deuten könnte, völlig untergegangen. In "Österreich" bekannte er: Die Originalversion hat uns jahrzehntelang stolz und glücklich gemacht, man kann sie nicht ändern. Jahrzehntelang stolz und glücklich zu sein, nur weil in der Originalversion das Wort "Töchter" nicht vorkommt, zeugt von einer intellektuellen Anspruchslosigkeit, die mit der Qualität seiner Musik mithalten kann. Ich würde mich im Grab umdrehen, wenn die Politik meinen Text ändert, sprach er eine Verlegenheit an, in die er nie kommen wird, ohne indes sein musikalisches Licht unter den Scheffel zu stellen: Das wäre ja so, wie wenn man Wolfgang Amadeus Mozart seine Perücke abspricht.

Den Boulevard hatte der Trotzkopf - "Ich werde immer die alte Version singen" - als Vertreter alpenländischer Dreiklangsmusik von vornherein hinter sich, auch wenn ein musikalischer Feinspitz wie Wolfgang Fellner einräumen musste: Der von mir hoch geschätzte Andi Gabalier hat die Hymne matt gesungen. Es war nicht sein musikalisch bester Live-Auftritt, offensichtlich schlecht vorbereitet und deshalb wohl auch mit nicht aktuellem Text, womit er unterstellte, bei der Eliminierung der Töchter wäre es gar nicht um irgendein Prinzip gegangen, sondern um einen gewöhnlichen Fall von Textschwäche.

Sollte das stimmen, wäre es kein Wunder, wenn erst Heinisch-Hoseks Kritik "Das ist ziemlich machomäßig" den Misogyn in Gabalier geweckt hätte. Dann könnte man auch die wie immer tief empfundene Empörung verstehen, mit der sich via "Kronen Zeitung" Michael Jeannée in die Debatte einschaltete. Im Internet war die Ministerin schon als abgehobene saublöde Tussi oder auch als zu verbrennende Hexe apostrophiert worden. Jeannée konnte das mühelos steigern. Sie sind der Toni Faber der Politik! schleuderte er ihr entgegen. Aus seiner Sicht verständlich, unterstellte er ihr doch die Erschleichung von Popularität mit den Mitteln eines societysüchtigen Dompfarrers. Die Folge ihrer Zeigefingeraktion: Ein Facebook-Shitstorm, der Sie in die Zeitungen schwemmt. Toni Faber zeigt bloßfüßig seine Penthouse-Wohnung und fährt bleifüßig Autorennen. Sie bedienen sich der Prominenz eines volkstümlichen Sängers.

Wer sich in dieser nationalen Angelegenheit da bisher wessen bediente, wird sich noch herausstellen. Jetzt heißt es einmal, die Volks-Abstimmung ("Österreich") beziehungsweise die Volksbefragung ("Krone") abwarten, für die sich die üblichen Verdächtigen des Boulevards nach Anstößen von Gabalier und Strache aufwärmen könnten, sollte sich die Sache rechnen. Er spricht vielen Österreichern aus der Seele stellte sich das Kleinformat als Lautsprecher zur Verfügung und zitierte den Volksrocker: "Die Leute draußen sind nicht befragt worden. Die breite Masse wünscht sich die originale Version zurück." Denn nichts will die breite Masse lieber, als befragt zu werden, wenn es um die Artreinerhaltung der Poesie geht.

Die Ministerin hat dazugelernt. ,Für die sollte man wieder die Gaskammern öffnen.' Oder: ,Die Hexe gehört am Scheiterhaufen verbrannt.' Das sind keine direkten Morddrohungen, tröstete sie sich im "Falter". Denn ich sage mir selbst: Dieser Shitstorm ist gegen meine Funktion gerichtet, nicht gegen die Gabriele Heinisch-Hosek als Person. Na dann.

  • Gabriele Heinisch-Hosek: Hätte der Bundeskanzler sich nicht wieder einmal gedrückt, sondern höchstselbst auf der korrekten Abwicklung des hymnischen Textes bestanden, wäre uns und ihr der Shitstorm zweifellos erspart geblieben.
    foto: apa/georg hochmuth

    Gabriele Heinisch-Hosek: Hätte der Bundeskanzler sich nicht wieder einmal gedrückt, sondern höchstselbst auf der korrekten Abwicklung des hymnischen Textes bestanden, wäre uns und ihr der Shitstorm zweifellos erspart geblieben.

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