Heinisch-Hosek: "Ich hätte manchmal gern eine Tarnkappe auf"

Interview5. Juli 2014, 12:00
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Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek und Künstlerin Deborah Sengl über Tarnen und Täuschen, Samba, Macht und ein Gefühl, das beide kennen: "Shitstorm"-Ziel zu sein. Ein 2+1-Sommergespräch

STANDARD: Frau Sengl, Sie haben in Ihrer künstlerischen Arbeit den Begriff der "Ertarnung" als aktives Gegenteil zur passiven Enttarnung durchdekliniert. Wie und wo beobachten Sie dieses Prinzip in der Politik?

Sengl: Ich sehe das Prinzip Ertarnen in allen Lebensbereichen. Wir spielen permanent Rollen, egal, in welcher Situation wir sind, ob privat oder beruflich. Wir wollen ja immer etwas Besseres scheinen, als wir sind, und natürlich ist das auch in der Politik ganz präsent, weil natürlich jeder Politiker viele Menschen, viele Wähler ansprechen will und deswegen ertarnt er sich da natürlich auch im allerbesten Sinne.

STANDARD: Frau Ministerin, wie sehr geht's denn in der Politik um das Prinzip Tarnen und Täuschen?

Heinisch-Hosek: Ich habe immer versucht, möglichst authentisch meine Funktion wahrzunehmen. Ich wollte fast sagen, in der Rolle zu sein, denn in der Tat stimmt's. Aber gerade in der Politik kann das auch ins Auge gehen. Tarnen und Täuschen spürt die Bevölkerung sofort. Ich hätte nur manchmal gern eine Tarnkappe auf (lacht), weil wenn viel Negatives passiert, ist das natürlich unangenehm, aber egal, da muss man durch. Ansonsten stehe ich sehr dazu, immer in einer relativ authentischen Rolle zu sein, nur dann kann ich glaubwürdig sein.

STANDARD: Aber wenn Sie mit der Lehrergewerkschaft verhandeln, werden Sie ja wohl schon auch mit Tarnen und Täuschen arbeiten?

Heinisch-Hosek: Da komponiert man mitunter sogar Rollen, weil es da schon wichtig ist, auf das Gegenüber ganz genau einzugehen. Man überlegt, in welche Richtung die Debatte gehen könnte, dann muss man reagieren. Da kommt man nur mit Authentizität nicht immer weiter. Die Gewerkschaft auch nicht.

nimmervoll & puktalovic
5+1: Fünf Fragen aus Max Frischs Fragebögen und eine Bonusfrage.

STANDARD: Sie sagten einmal: "Ich glaube, es ist gut, dass wir Menschen die Möglichkeit haben, durch verschiedene Tarnungen in verschiedene Positionen zu gelangen." Wo muss eine Künstlerin sich "ertarnen"?

Sengl: Man sagt immer, Künstler haben die Freiheit, alles zu tun, und wir können uns ja quasi benehmen, wie wir wollen. Ich sehe das nicht so, weil eine gewisse Verantwortung trägt man auch mit dem, was man tut und damit auch mitteilen möchte. Was Künstler sehr stark von Politikern unterscheidet: Ich bin vergangenes Jahr das ganze Jahr alleine in diesem Atelier gesessen und habe eine große Ausstellung vorbereitet, und auf einmal kommt man an die Öffentlichkeit und spielt eine öffentliche Position. Also von der totalen Isolation zum Im-Zentrum-Stehen. Das ist ein Rollenwechsel, für den man lernen muss zu switchen.

STANDARD: In Ihrer Arbeit spielen Tiere bzw. Tiermetaphern eine zentrale Rolle - es gibt Zebralöwen, den Pumazahnarzt, operierende Tiger, das Schaf im Wolfspelz. Sie illustrieren damit Macht- bzw. Täter-Opfer-Verhältnisse. Welches Verhältnis haben Sie zur Macht?

Sengl: Man entkommt Machtverhältnissen ja nicht. Es ist immer die Frage, wie sehr man selber Opfer oder Täter der jeweiligen Struktur ist. Ich versuche, mein Leben und meine Gedanken möglichst autonom zu leben und mich nicht zu sehr von irgendwelchen Hierarchien steuern zu lassen.

Heinisch-Hosek: Um die Macht der Freiheit, Ideen, nicht nur zu wählen, sondern auch unmittelbar zu verwirklichen, beneide ich Künstlerinnen und Künstler schon. Politik unterliegt auch Zwängen, aber das Schöne ist, dass man Macht positiv steuernd einsetzen kann. Macht ist, gegen den Widerstand von jemand anderem etwas durchzusetzen. Ich stehe dazu, ich habe gerne Macht, um Dinge durchzusetzen, von denen ich glaube, dass sie beispielsweise für unsere Kinder gut sind. In diesem Spannungsverhältnis befindet sich die große Koalition immer, etwa in meiner Debatte als Bildungsministerin mit den Ländern.

STANDARD: Diese Ländermacht ist zurzeit wieder rein in Männerhand. Frauen und Macht war historisch ohnehin lange Zeit eher eine theoretische Beziehung.

Heinisch-Hosek: Ja, und bis Mitte der 1970er-Jahre war sogar gesetzlich geregelt, wer daheim die Macht hat. Zum Glück ist das anders geworden. Aber ich glaube, dass wir jetzt in einer Zeit leben, in der genau diese Möglichkeiten, die wir uns als Frauen erarbeitet haben, zurückgedrängt werden. Das heißt, Machtverlust steht an. Und da sollten wir sehr sehr geeint dagegen auftreten. Da geht es zum Beispiel darum, ob wir uns im Fernsehen anschauen müssen, dass leichtbekleidete Sambatänzerinnen - nichts gegen Sambatänzerinnen" - als Pausenfüllerinnen einer Fußball-WM auftreten. Das ist schwer zu kritisieren, nämlich Frauen als Sexualobjekt reduziert einzusetzen.

Sengl: Ich habe eine Erziehung mit einer sehr starken, selbstbewussten Mutter - auch einem sehr starken, selbstbewussten Vater - genossen. Für mich ist das seit meiner frühesten Kindheit kein Thema. Aber ich bin mir bewusst, dass es gesellschaftlich leider noch immer ein sehr großes Thema ist, an dem man arbeiten muss, und das erschüttert mich. Ja, ich bin biologisch eine Frau, aber ich bin primär mal ein Mensch, und darum geht es.

STANDARD: Und da war ja noch was vergangene Woche ... Frau Ministerin, Sie wissen jetzt auch, wie sich das meteorologische Sonderphänomen "Shitstorm" anfühlt. Was war der Lerneffekt Ihrer "Lernhilfe" für Andreas Gabalier in Sachen Bundeshymne für Sie? Welche Botschaft lesen Sie aus so einem digitalen Wutexzess heraus?

Heinisch-Hosek: Ich habe auf den gültigen Text der Bundeshymne hingewiesen, der vor zwei Jahren aus gutem Grund geändert wurde. Eine so heftige Welle an Reaktionen habe ich nicht erwartet. Die Anonymität des Internets birgt offensichtlich die Gefahr, dass Hemmschwellen im Umgang miteinander fallen. Wenn ich mir einzelne Postings anschaue, frage ich mich: Würden mir das die Poster auch ins Gesicht sagen? Es braucht eine Debatte über den Umgang mit den neuen Medien in einer öffentlichen Diskussion.

STANDARD: Frau Sengl, auch Sie sind "Shitstorm"-erfahren. In Ihrer Arbeit "Via dolorosa" thematisierten Sie 2012 das Tierleid in der modernen Nahrungsproduktion anhand eines Huhns in der Märtyrerrolle. Es gibt u. a. eine Szene, in der ein Huhn gekreuzigt wird. Es folgten wüste Drohmails, SMS etc. Was erzählen solche digitalen Ausbrüche über unsere Gesellschaft?

Sengl: Wir leben in einer sehr angespannten Zeit. Frust und Enttäuschung sind da leider an der Tagesordnung. Ich denke, dass einige Menschen nicht mehr wissen, wo sie ihren Unmut abladen sollen. An sich sind Foren eine wunderbare Möglichkeit der freien Meinungsäußerung. Leider werden sie oft missbraucht, um andere für die eigene Unzufriedenheit zu bestrafen. Diese Arbeit, die als blasphemisch missverstanden wurde, bescherte mir über Wochen Beleidigungen und Drohungen. Die verbalen Entgleisungen, die ich erhalten habe, haben mich sprachlos gemacht und mir durchaus auch Angst bereitet. Ich habe daraus gelernt, noch umsichtiger mit sozialen Netzwerken umzugehen, und natürlich hat mich dieses Erlebnis auch ein wenig abgehärtet. Ich versuche Beleidigungen dieser Art nicht persönlich zu nehmen, sondern als traurigen Beweis einer teils verzweifelten und hilflosen Gesellschaft zu sehen.

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Im Atelier von Künstlerin Deborah Sengl: Welches Kunstwerk würde sich die Bildungsministerin für ihr Ministerium aussuchen?

STANDARD: Bildung könnte ja auch zivilisierend wirken und Menschen zu einem besseren Leben verhelfen, also frustmindernd sein.

Heinisch-Hosek: Ich bin auch deswegen angetreten, damit ich ein gutes Leben für unsere Kinder, die Schülerinnen und Schüler mitgestalten kann. Das mag etwas abgedroschen klingen, aber ich will Bildungsnachteile ausgleichen, denn ich habe das auch selber gespürt. Ich hatte nicht das Privileg, in einer Familie wie Frau Sengl aufzuwachsen. Meine Eltern waren Arbeiter.

Sengl: So toll war meine Schule auch nicht. Ich wäre gern in einer "normalen" gewesen. (lacht) Ich war im Lycée und habe das österreichische System nicht erlebt. Darum finde ich die Debatte auch recht spannend, weil ich zum Beispiel eine Zentralmatura hatte, und für mich ist das das Selbstverständlichste.

Heinisch-Hosek: Ich habe von meiner Familie die Möglichkeiten erhalten, mich zu emanzipieren und meinen Weg gehen zu können. Und ich will, dass das für alle Kinder möglich ist. Dieser Optimismus darf uns, vor allem frauen-, geschlechter- und gleichstellungspolitisch nicht abhandenkommen, sonst würden wir die Dinge so hinnehmen, wie sie sind.

STANDARD: Frau Sengl, was hat Sie denn an Ihrer Schule genervt?

Sengl: Das Schöne an dieser französischen Schule ist, dass sie international ist. Aber es ist eine Privatschule, die nicht für alle die Möglichkeit bietet, dorthin zu gehen, und dadurch eine gewisse Klassenfeindlichkeit transportiert hat, was mich sehr gestört hat. Es hat einen irrsinnigen Stress verursacht dazuzugehören. Meine Arbeit, das Thema Tarnen und Täuschen, kommt sehr stark aus meiner Schulerfahrung, weil ich war das untypische Lycée-Kind. Meine Eltern, beide Künstler, haben sich das geleistet, weil sie mir eine gute Bildung gönnen und mir eine zusätzliche Sprache beibringen lassen wollten, die sie selber nicht konnten. Mir wurde daheim also nicht geholfen. Meine Schule hat mich stark gemacht, indem sie mich noch individualistischer hat werden lassen, weil dort schon ein sehr mainstreamiges Gruppenverhalten gelebt wurde, was mir komplett widerstrebt hat.

Heinisch-Hosek: Was ich so schade finde, ist, dass das staatliche Bildungssystem ja auch Internationalitäten beherbergt, warum wird dieser Schatz oft nicht positiv gesehen? Wir haben Klassen mit Schülern aus über 20 Nationalitäten. Wenn das dann noch - das Lycée ist ganztägig - eine ganztägig verschränkte Schule werden könnte, in der die Schüler ihre Muttersprache und einige Fremdsprachen austauschen können, könnten wir sagen: Für alle Kinder ist alles möglich. Das ist meine Passion und Vision.

STANDARD: Wenn Sie Teil eines Tier-Mensch-Objekts von Frau Sengl wären: Welchen Tierkopf bekämen Sie am liebsten aufgesetzt?

Heinisch-Hosek: Obwohl ich mich nicht schwach fühle, hätte ich gern ein Tier, das Stärke zeigt: Eine Tigerin würde ich gern sein.

STANDARD: Und welchen Tierkopf würden Sie sich selbst aufsetzen?

Sengl: Eine Katze, mein Lieblingstier. Ich finde sie charakterlich mit ihrer Sturheit am spannendsten. Wenn sie kommen, dann aus freien Stücken und nicht, weil sie dressiert wurden. Ich mag nichts weniger als dressierte Lebewesen. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 5.7.2014)

ZU DEN PERSONEN

Gabriele Heinisch-Hosek (52) unterrichtete als Hauptschullehrerin Deutsch und Bildnerische Erziehung bzw. bis 2002 an der Schwerhörigenschule Wien. Ihre politische Karriere begann 1990 im Gemeindrat in Guntramsdorf, 1999 wurde sie für die SPÖ in den  Nationalrat gewählt. Im April 2008 Rückkehr nach Niederösterreich als Landesrätin für Gesundheit und Soziales. Von Dezember 2008 bis 2013 war die SPÖ-Frauenvorsitzende Ministerin für Frauen und öffentlichen Dienst, jetzt ist sie Ministerin für Bildung und Frauen.

Deborah Sengl (40) studierte an der Universität für angewandte Kunst Wien (Meisterklasse Mario Terzic, Abteilung Visuelle Mediengestaltung) bzw. an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee (Modeabteilung). 1997 Diplom in der Meisterklasse Christian Ludwig Attersee. Zentrale Themen ihrer Arbeit sind Machtverhältnisse und das Wechselspiel von Täter und Opfer. Zuletzt inszenierte sie mit 200 präparierten weißen Ratten im Essl-Museum Die letzten Tage der Menschheit nach Karl Kraus in 44 Szenen. www.deborahsengl.com

  • Gabriele Heinisch-Hosek und Deborah Sengl wissen beide, wie es ist, plötzlich Ziel eines "Shitstorms" zu sein.
    foto: heribert corn

    Gabriele Heinisch-Hosek und Deborah Sengl wissen beide, wie es ist, plötzlich Ziel eines "Shitstorms" zu sein.

  • "Bei einzelnen Postings frage ich mich: Würden mir das die Poster auch ins Gesicht sagen?", sagt Bildungs- und Frauenministerin angesichts der bis zu Morddrohungen gehenden Ausfälle im Netz rund um die Bundeshymnen-Debatte.
    foto: heribert corn

    "Bei einzelnen Postings frage ich mich: Würden mir das die Poster auch ins Gesicht sagen?", sagt Bildungs- und Frauenministerin angesichts der bis zu Morddrohungen gehenden Ausfälle im Netz rund um die Bundeshymnen-Debatte.

  • "An sich sind Foren eine wunderbare Möglichkeit der Meinungsäußerung - leider oft missbraucht", sagt Künstlerin Deborah Sengl, die "ihr" Shitstorm "sprachlos gemacht", aber auch "ein wenig abgehärtet hat".
    foto: heribert corn

    "An sich sind Foren eine wunderbare Möglichkeit der Meinungsäußerung - leider oft missbraucht", sagt Künstlerin Deborah Sengl, die "ihr" Shitstorm "sprachlos gemacht", aber auch "ein wenig abgehärtet hat".

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