Ein familiärer Maulkorb in Sachen Putin 

Kolumne4. Juli 2014, 18:11
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Von Julya Rabinowich

"Tu, was du willst", sagte meine Mutter, als unlängst Wladimir Putin in Wien weilte, mit flehentlicher Grabesstimme. Meine Mutter kann das. Wirklich. Die bekommt auch einen zerstreut-warmen Empfang hin oder eine kratzbürstige Umarmung. "Tu, was du willst!"

Sie stellte ihre Teetasse ab, nahm sie wieder hoch und sah mich sehr besorgt an."Aber ich bitte dich: Schreib ja nichts über Putin." Sie wirkte ganz ehrlich verzweifelt. "Und sag am besten auch nichts über Putin." "Ich glaube nicht, dass mich demnächst jemand nach Putin fragt." "Aber für den Fall, dass doch. Bitte."

Das war wirklich blöd, denn natürlich wollte ich über Putin schreiben. Tatsächlich gibt es wirklich viel, das man täglich über Putin schreiben könnte! Sogar dann, wenn er nicht gerade mit Pomp, Trara, großem Empfangskomitee und einer Hubschrauberarmada, die meinen Hund fast um den Verstand gebracht hätte, in Wien eintrifft, um uns vor einer neuen Eiszeit zu retten.

"Warum, um alles in der Welt, soll ich denn nichts über ihn schreiben?" Solche Zensurbedrohungen hatte ich bisher von keiner Stelle je erlebt. Mir hatte noch nie jemand gesagt, was ich nicht zu schreiben hätte. Und es war noch unerwarteter, das aus dem Privaten und nicht aus dem Beruflichen zu erleben. "Du bist ein Anschlag auf die Pressefreiheit", fügte ich an. Das beruhigte sie erwartungsgemäß wenig.

Die Tasse begann einen erneuten Auf- und Abstieg, knapp bevor sie ihre Lippen erreichte, ging es wieder hinab und dann mit zögerlichen Pausen wieder hinauf. "Du weißt doch, dass ich nächste Woche nach Moskau fahre" , sagte sie schließlich. "Ja. Weiß ich. Und?" Es ist für jemanden, der in keiner Diktatur gelebt hat, kaum nachzuvollziehen, wie die auferlegten Kontrollmechanismen das innere Vorsichtsuhrwerk gnadenlos auch noch Jahrzehnte später bestimmen. Was mir, die großteils in Österreich aufgewachsen war, schleierhaft schien, hatte für sie aber eine unerschütterlich bestechende Logik und Bedrohung.

"Und ich will keinen Ärger dort haben." Es hatte keinen Sinn, ihr ihre Bedenken ausreden zu wollen. "Als ob Putin meine Kolumne lesen würde", warf ich ein. Oder meine Facebook-Einträge. Twitter, ja. Vielleicht las er Twitter. Ich versprach zähneknirschend und aus rein familiärem Sinn, nichts über Putin zu twittern. "Denk an NSA", sagte meine Mutter. "Darf ich wenigstens darüber schreiben, dass ich nichts schreiben darf? Sokrates ist mit einem ganz ähnlichen Spruch übrigens weltberühmt geworden", sagte ich. Sie enthielt sich diplomatisch der Stimme. Meine Kritik blieb im Kern dieselbe. Wo Putin, da auch Zensur. So oder so. (Julya Rabinowich, DER STANDARD, 5./6.7.2014)

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