Volltreffer auf Multitasking, Wellness und vieles mehr

Bericht4. Juli 2014, 18:25
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Richard Schuberth hat mit seinem teuflischen Wörterbuch einen Klassiker neu belebt

Ein fideles Kerlchen, das sich die fiesesten Beleidigungen erlauben darf, ohne Lynchung oder gar Streichung von der Gästeliste fürchten zu müssen, weil sie die Menschen, die damit gemeint sind, nie auf sich, sondern immer auf ihre Nachbarn beziehen."

So lautet der Eintrag "Schuberth, Richard" in einem Wörterbuch, in dem viele Hunderte Begriffe, Zustände, Dinge und Namen definiert werden, von Abgehobenheit bis Zyste. Sein Autor: Richard Schuberth.

Er nennt das Lexikon Das neue Wörterbuch des Teufels. Darin steckt Referenz wie Reverenz. Denn die ursprüngliche Version, im Original The Devil's Dictionary, hat der Amerikaner Ambrose Bierce 1911 veröffentlicht, und dessen Witz und aphoristisches Genie erklärt Schuberth zu seinem Vorbild.

"Mit Stolz bekennen wir, dass uns mit dem gewöhnlichen Esel San Franciscos mehr verbindet als mit dem gewöhnlichen Journalisten dieser Stadt." Vor mehr als 100 Jahren schrieb Bierce, selber neben anderem auch Journalist, diesen Satz und vieles noch Kräftigeres, voll der Verachtung für seine Zunftgenossen. Schuberth zitiert ihn zustimmend. Das verwundert nicht, hat der aus Ybbs stammende Schriftsteller und Gesellschaftskritiker doch seinerseits die Miseren der Kultur und insbesondere der Medien im Visier.

Wie weit er dabei ausholt, zeigen die über die Jahre angesammelten Essays, Kommentare, Polemiken, die er verschiedentlich, auch im Standard, veröffentlichte und in drei Bänden unter dem bezeichnenden Titel Rost und Säure zusammenfasste. Eine umfangreiche Zwischenbilanz; sie weist Schuberth als messerscharfen Kritiker aus. Sie belegt auch, wie wenig, wie wenige er als Maßstab gelten lässt - neben Bierce und mehr als ihn eigentlich nur noch Karl Kraus.

Kraus ist die Elle, die er anlegt, als er sich an die Neufassung einer Sammlung diabolischer Definitionen macht. Es sind Aphorismen, Verdichtungen auf eine kleinste Form. Kraus war darin Meister. Ihn zitiert Schuberth in einem Plädoyer, das er dem Wörterbuch beifügt: "Es gibt Schriftsteller, die schon in zwanzig Seiten ausdrücken können, wozu ich manchmal sogar zwei Zeilen brauche."

Don't roll over Beethoven

Kein geringer Anspruch, insbesondere, wenn man auf diese Weise ein enormes Potpourri gegenwärtiger Phänomene - Klischees, Moden, Schlagwörter, you name it - auf seine Essenz destillieren will. Schlagen wir nach:

"Multitasking - Der verzweifelte Versuch, der eigenen Verblödung durch ziellose Betriebsamkeit im Nachhinein Rechtfertigung zu geben."

"Ladendieb - Kleinkrimineller, dessen Mangel an Ehrgeiz, Millionenbeträge zu rauben, mit der geballten Härte des Gesetzes bestraft werden muss."

"Wellness - Menschen das ihnen geklaute Behagen als Ware wieder andrehen."

Man kann viele dieser Bosheiten durchaus auf sich und nicht bloß auf die Nachbarn beziehen. Nur manchmal möchte man nicht mitgehen oder -denken - was sicher mit eigenen Vorlieben zu tun hat. Besteht Rock 'n' Roll wirklich vor allem aus dem Wunsch, Beethoven zu überfahren (siehe unter: Roll over ...)? Und hat Notwehr nur mit dem Erschlagen von Außenseitern zu tun?

Es sind aber genau solche Übertreibungen, die den Leser dazu herausfordern, bei jeder Definition genau abzuwägen: Was ist dran? Wieso lese ich das nirgendwo sonst? Hat Schuberth womöglich recht?

Er hat, meistens. Dabei scheint es ihm, ähnlich wie Kraus und Bierce, auf autokratische Weise egal zu sein, ob er mit seinen Volltreffern und seinen gelegentlichen Schüssen am Ziel vorbei den Beifall der Öffentlichkeit findet. Darum ist er bis heute kein Publikumsliebling feuilletonistischer Schaukämpfe. Aber genau deswegen sollte man ihn genau lesen. (Michael Freund, DER STANDARD, ALBUM, 5./6.7. 2014)

Richard Schuberth, "Das neue Wörterbuch des Teufels". € 19,90/ 228 Seiten, Klever, Wien 2014

Richard Schuberth, "Rost und Säure. Essays, Polemiken, Reden und Satiren 1994-2014". 3 Bände im Schuber. € 29,- / 460 Seiten. Drava, Klagenfurt 2013

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