"Türkisch wurde zu lange schief angesehen"

Interview6. Juli 2014, 10:00
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300 Kinder werden der Antrittsvorlesung über Sprachenvielfalt von Brigitta Busch bei der Kinderuni lauschen. Die Sprachwissenschafterin über das Versagen der Schulen, Somali in Simmering und fehlende Maturafächer 

STANDARD: Am Montag erwartet Sie ein spezielles Auditorium im Hörsaal: Sie halten vor 300 Kindern im Alter von sieben bis zwölf Jahren die Antrittsvorlesung der Kinderuni. Wie halten Sie die bei Laune?

Busch: Kinder sind sicher das herausforderndste Publikum. Man muss sich vorstellen, was sie neugierig machen könnte. Es sollte auch möglichst einen konkreten Bezug zum Alltag haben. Ein Fehler wäre aber, Kinder zu unterschätzen. Sie mögen die Herausforderung der Komplexität, sie schätzen es auch, wenn ihnen bewusst wird, dass es nicht auf alle Fragen einfache Antworten gibt.

STANDARD: Ihr Thema lautet "Welche Sprachen spricht die Stadt?". Welche Antworten gibt es da?

Busch: Es dreht sich darum, welche Sprachen Kinder mitbringen, wie die Repertoires der Einzelnen gestaltet sind - je nach Lern-, Familien- und eigener Biografie. Ich werde die Kinder Sprachenporträts malen lassen, also Körpersilhouetten bemalen: Welche Farbe steht für welche Art des Sprechens? Wie reden sie in der Familie, wie im Urlaub, wie mit der Oma? Eines ist jetzt schon klar: Es wird kein einfärbiges Bild geben.

STANDARD: Verstehen Kinder besser, wie wichtig Sprachen sind?

Busch: Bei ihnen ist noch Platz für eine Geheimsprache, für die Sprache mit dem Lieblingstier oder für erfundene Sprachen. Kinder haben ein Verständnis von Sprache, das weniger von den Kategorien determiniert ist. Wir Erwachsenen sehen im Alltagsverständnis Sprachen als voneinander getrennte Gebilde an: hier Deutsch, dort Englisch, Französisch oder isiZulu.

STANDARD: Die Sprache ...

Busch: ... als Abgrenzung. Gerade durch den Nationalstaat kam ja die Ideologie des Monolingualismus, der Einsprachigkeit als Norm. Das ist die Idee: ein Staat, eine Sprache, eine Ethnie, eine Nation et cetera.

STANDARD: Nur ein Konstrukt?

Busch: Natürlich. Es geht nicht nur um die migrationsbedingte Sprachenvielfalt. Es gibt auch die innere Vielfalt, die durch ländlich-städtische Migration da ist oder durch den beruflichen Hintergrund. Gemeinsam ergibt das ein sehr buntes Bild, das eigentlich dieser Idee des homogenen Monolingualen nicht entspricht. Der Sprachphilosoph Michail Bachtin hat in der Sowjetunion der 1930er-Jahre einmal das Bild vom russischen Bauern im Dorf hergenommen - also den Prototypus des Einsprachigen. Nur ist er das gar nicht, sagt Bachtin: In der Kirche hat er es mit Altkirchenslawisch zu tun, bei Behörden mit der Standardsprache, und mit dem Nachbarn kommuniziert er im Dialekt des Dorfes usw. Selbst wer einsprachig zu sein scheint, macht die Erfahrung der Mehrsprachigkeit beziehungsweise des sprachlichen Andersseins.

STANDARD: Wieso gibt es immer noch viel zu viele Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund, die immer noch massive Sprachprobleme haben? Versagt hier die Schule?

Busch: Unser Schulsystem ist sehr wenig auf den Umgang mit Mehrsprachigkeit ausgerichtet. Das Bildungssystem hat sehr stark einen monolingualen Habitus verinnerlicht. Es geht im Grunde genommen von der Einsprachigkeit aus.

STANDARD: Was ist die Folge?

Busch: Wir nutzen das Sprachpotenzial, das die Einzelnen in die Schule mitbringen, nicht - auch die Universität übrigens nicht. Wir haben langsam, aber sicher immer mehr Studierende, die andere Sprachen mitbringen. Forschungsprojekte, auch wenn sie sich mit Mehrsprachigkeit beschäftigen, laufen aber immer noch primär in Deutsch ab.

STANDARD: Sind andere Staaten in diesem Punkt weiter?

Busch: Ich fürchte, nein. Wo man sich sehr für andere Zugänge interessiert, ist Luxemburg. Dort gibt es die offiziell dreisprachige Situation - Deutsch, Luxemburgisch und Französisch. Der Prozentsatz an migrantischer Bevölkerung liegt bei 40 Prozent.

STANDARD: Was müssten die Schulen machen?

Busch: Zentral wäre, dass in der Lehrerfort- und -ausbildung dem Umgang mit sprachlich heterogenen Klassen viel Platz im Curriculum eingeräumt wird. Ich habe vor drei Jahren eine Diplomarbeit betreut, in der Interviews mit Lehrenden im ersten Berufsjahr verarbeitet worden sind. Alle haben geklagt, dass sie nicht auf diese Situation vorbereitet waren.

STANDARD: Was braucht es?

Busch: Viele Lehrer wissen nicht, wie sie didaktisch vorgehen sollen, und müssen sich das selbst erarbeiten. Lehrer sind auf sich selbst zurückgeworfen.

STANDARD: Es gibt mehrere zweisprachige Deutsch-Englisch-Klassen in Wien. Wie viele bilinguale Klassen gibt es für andere Sprachen?

Busch: Es sind nicht rasend viele, meist sind es nur Schulversuche. Und in den meisten Fällen geht es eher um frühes Fremdsprachenlernen als um Sprachen, die die Kinder in der Familie sprechen.

STANDARD: Ist der muttersprachliche Unterricht ein guter Ersatz?

Busch: Das ist sicher ein wichtiges Angebot, das unbedingt ausgebaut werden sollte. Grundsätzlich kommt eine Klasse im muttersprachlichen Unterricht zustande, wenn es genügend Anmeldungen von den Eltern gibt und eine Lehrperson dafür zu finden ist. Ein Beispiel: Wir haben uns am Institut sehr dafür eingesetzt, dass Somali als Unterrichtsfach angeboten wird, weil es in den Schulen in Simmering viele Menschen aus Somalia gibt, die dort in Flüchtlingsunterkünften untergebracht sind. Die Möglichkeit, einmal in der Woche jemanden zu haben, der ihre Sprache spricht, bedeutet den Kindern unglaublich viel - auch wenn es nur diese läppische Stunde ist.

STANDARD: Eltern scheuen sich wohl auch, weil das Kind ja gut Deutsch lernen soll.

Busch: Ja, leider, denn Deutsch lernen und eine Familiensprache ausbauen stehen in keinem Konkurrenzverhältnis zueinander, ganz im Gegenteil. Manchmal geben Eltern nicht an, dass ihre Kinder noch eine andere Sprache als Deutsch beherrschen, weil sie sich vor möglicher Diskriminierung fürchten.

STANDARD: Wirkt das Credo "Du musst Deutsch können"?

Busch: Das ist sicher ein Problem. Ein anderes ist, dass Eltern Angst haben, sie könnten ihre Kinder überfordern. Wir haben bei Somali gesehen, dass Kinder das nicht als Überforderung empfunden haben.

STANDARD: Gerade ist Türkisch als Maturafach im Gespräch.

Busch: Grundsätzlich wäre es sehr gut, die Sprachen zu diversifizieren, die als Maturafach angeboten werden. In der öffentlichen Diskussion herrscht die Meinung, es gehe darum, alle Fächer in türkischer Sprache abzuprüfen. Dabei geht es um ein Sprachfach! Aber warum nur Türkisch? Ich war im Februar Gastprofessorin in Straßburg. Es ist erstaunlich, was in Frankreich alles als Maturafach angeboten wird. Dort gibt es zum Beispiel Hindi, Chinesisch oder Arabisch. Dagegen ist Österreich armselig.

STANDARD: Herrscht in Österreich da eine diffuse Angst?

Busch: Heuer habe ich schon wieder gelesen: "Müssen wir alle auf Türkisch maturieren?" "Auf" sowieso nicht, "alle" schon gar nicht, sondern nur jene, die das Fach wählen. Da ist viel zu viel Desinformation unterwegs.

STANDARD: Gibt es auch so etwas wie diskreditierte Sprachen?

Busch: Ja, es gibt einen sprachlichen Markt und damit Sprachen, die über ein größeres Prestige verfügen. Das hat dann einen großen Einfluss auf Spracheinstellungen und darauf, welche Sprachen im muttersprachlichen Unterricht oder in Sprachkursen gewählt werden. In Österreich ist etwa Türkisch viel zu lange Zeit schief angesehen worden. Das ändert sich ein bisschen. Vielleicht auch deshalb, weil manche die Bücher von Orhan Pamuk gelesen haben und jetzt wissen, dass man sich in Türkisch auch einen Nobelpreis erschreiben kann.

STANDARD: Sie selbst haben in Kärnten auf einem Bauernhof mitten im slowenischsprachigen Gebiet gelebt. Um Ihre Nachbarn zu verstehen, haben Sie die Sprache gelernt. Wie war das damals?

Busch: Das waren die späten 1970er-Jahre. Die Deutschsprachigen haben das überhaupt nicht verstanden. Die meinten: "Wofür? Die sollen Deutsch reden!" Es war auch schwierig. Früher haben nur solche Schüler und Schülerinnen Slowenisch gelernt, die zu Hause auch Slowenisch gesprochen haben. Es hieß: Der soziale Aufstieg ist deutsch. Slowenisch galt als Bauernsprache. Im Slowenisch-Lehrbuch für Erwachsene hieß eine der ersten Lektionen: "Der Knecht füttert die Pferde im Stall. Die Magd melkt die Kühe." Die darauffolgende Lektion war: "Heute fahren wir mit der Dampflok nach Klagenfurt." Da sieht man, aus welcher Zeit die Bücher waren. Ich war dann die erste Absolventin des Slowenischstudiums mit deutscher Muttersprache an der Uni Klagenfurt.

STANDARD: Wie viele Sprachen sprechen Sie heute?

Busch: Deutsch, Englisch, Französisch, Slowenisch, Bosnisch, Kroatisch, Serbisch. Durch meine Arbeit in Ost- und Südosteuropa gibt es auch andere slawische Sprachen, die ich verstehen oder lesen kann. Und durch meine Arbeit in Südafrika etwas isiXhosa. (Peter Mayr, DER STANDARD, 5.7.2014)

Brigitta Busch, geboren 1955 in Wien, ist Professorin am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien. Vergangenes Jahr ist ihr jüngstes Buch "Mehrsprachigkeit" im Facultas-Verlag erschienen. Die Wiener Kinderuni läuft vom 7. bis 19. Juli.

  • "Selbst wer einsprachig zu sein scheint, macht die Erfahrung der Mehrsprachigkeit", sagt Sprachwissenschafterin Brigitta Busch.
    foto: urban

    "Selbst wer einsprachig zu sein scheint, macht die Erfahrung der Mehrsprachigkeit", sagt Sprachwissenschafterin Brigitta Busch.

  • Einfärbig gibt's nicht: das Sprachenporträt einer Volksschülerin.

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