Selbst denken macht schlau

6. Juli 2014, 12:26
21 Postings

Über die permanente Bestätigung des Selbstkonzepts

Laufend wird Zustimmung eingeholt. "Siehst du das auch so wie ich?" "Bist du hier meiner Ansicht?" Permanent will das eigene Selbstkonzept bestätigt werden. Warum? In unserer Psyche sitzt ein Fatalist, der darüber wacht, dass unser Selbstkonzept keinen Schaden erleidet. Durch Worte werden unsere Fatalismen nach außen verteidigt.

Wir sind nicht zimperlich, wenn es darum geht, Erklärungen, Rechtfertigungen oder Killerphrasen abzufeuern. Kontrollieren Sie selbst, ob Sie sich wirklich über eine schräge Meldung geärgert haben oder über die fehlende Bestätigung für Ihr Selbstkonzept!

Während wir permanent für oder gegen eine Sache eintreten, verlernen wir, eigene Denkansätze darzubieten. Dabei sind gerade die Redner charismatisch, die uns eigene Überlegungen liefern und neue Sichtweisen. Welk wird Kommunikation dort, wo Informationen bloß geteilt oder nur noch kommentiert werden.

Hinter die Kulissen von Facebook & Co schauen

Gedankliche Eigenständigkeit hingegen drückt sich darin aus, individuelle Ansätze zu formulieren und bestehende Behauptungen einer Prüfung zu unterziehen. Hinter die Meinungskulissen von Facebook & Co zu blicken ist gerade in einer auf Kommunikation zentrierten Gesellschaft essenziell.

Postings beispielsweise bieten schriftlichen Lobbyisten eine günstige Plattform. Viele der Poster sind "gekauft", was besonders vor Wahlkämpfen mit freiem Auge erkennbar ist. Tagesaktuell arbeiten manche fleißig daran, öffentliche Meinungen zu unterschiedlichen Themen zu beeinflussen - unter dem Deckmäntelchen des aufgeklärten Bürgerjournalismus. In Blogs werden Produkte lanciert, Politiker gehypt oder unliebsa- me Konkurrenten vernadert.

Der eigene Ansatz ist gefragt

Postings sind genauso käuflich wie "Likes". Wenn wieder einmal "über Nacht" eine unbekannte Singer-Songwriterin Millionen Klicks einfährt, dann liegt das vielleicht nicht nur daran, dass so viele Menschen nicht schlafen können und ausgerechnet ihren Stream anklickten. Vielleicht hatte sie einfach ein gutes Postingnetzwerk, obwohl sie noch unbekannt war.

Egal, ob jemand für eine Öffentlichkeit schreibt oder für eine Minderheit postet - der eigene Ansatz ist gefragt. Viel zu oft geht es nur darum, für oder gegen etwas zu sein, ohne dafür mit der eigenen Identität geradestehen zu müssen (wie beim geschätzten Leserbrief). Vielen geht es vor allem darum, wie zackig oder witzig man formulieren kann.

Fazit: Legen Sie öfter einmal selbst ein Thema auf den Besprechungstisch, und haben Sie den Mut, sich an eigenen Gedanken messen zu lassen. Wenn Ihr Perspektivenwechsel oder die analytische Betrachtung dann auch noch Weitererzählwert garantieren, ist das bereits hohe Kunst. (Tatjana Lackner, DER STANDARD, 5.7.2014)

Tatjana Lackner ist Gründerin der Schule des Sprechens. Aktuelles Buch: "Die Kommunikationsgesellschaft - Lackners Labor", Austrian Standards plus.

  • Tatjana Lackner.
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    Tatjana Lackner.

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