Allein sein mit sich ist hart

3. Juli 2014, 20:00
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Menschen sind unfähig, Zeit nur mit Denken zu verbringen

Charlottesville/Wien - Menschen wollen beschäftigt werden und haben ernsthafte Probleme mit ihren Gedanken allein zu sein. In einer Reihe von elf Versuchen mit Testpersonen zeigten US-Wissenschafter der University of Virginia in Charlottesville, dass Musikhören und das Nutzen von Smartphone-Apps die häufigsten Alternativen bei mangelnder Beschäftigung sind. Einige Versuchspersonen verabreichten sich sogar lieber leichte Elektroschocks, berichten die Wissenschafter in der aktuellen Ausgabe des Fachmagzins "Science".

Die Forscher um den Psychologen Timothy Wilson baten zunächst eine Gruppe von College-Studenten, sechs bis 15 Minuten in einem schmucklosen Raum ihren Gedanken nachzuhängen. Anschließend fragten sie die Studenten, wie sie das Alleinsein empfunden hatten. Die meisten fanden es besonders schwierig, sich zu konzentrieren. Die Hälfte sagte, sie habe die Erfahrung gar nicht genossen.

Die Wissenschafter gaben in einem weiteren Versuch einigen Testpersonen die Möglichkeit, sich zur Ablenkung einen leichten Elektroschock zu verabreichen, wenn ihnen das Nichtstun zu viel wurde. Während der 15-minütigen Denkzeit entschieden sich nicht weniger als zwölf von 18 Männern und sechs von 24 Frauen dazu, sich selbst leichte Stöße zu versetzen. Sie widmeten sich also lieber einer unangenehmen Aktivität als gar keiner, heißt es in der publizierten Arbeit.

Ablenkung auch im Alter

Erstaunlich war die Erkenntnis, dass der Wunsch, nicht den eigenen Gedanken nachzuhängen, im Alter nicht abnimmt: In einer breiter angelegten Kontrollstudie mit Teilnehmern zwischen 18 und 77 zeigten auch die älteren Versuchspersonen ähnliche Reaktionen. Auch sie wollten nicht alleine mit sich sein und konnten sich schwer konzentrieren.

Studienleiter Wilson schrieb, dass Amerikaner ihre Freizeit hauptsächlich mit Fernsehen und dem Treffen von Freunden verbringen. Ist die Unfähigkeit, sich auf eigene Gedanken zu konzentrieren, eine Folge der schnelllebigen Zeit und der starken Verbreitung von Smartphones? Nicht unbedingt, schreibt Wilson. Die Geräte und ihre Apps seien vielleicht auch eine Antwort auf die Sehnsucht der Menschen, stets beschäftigt zu sein. (pi; APA, DER STANDARD, 4.7.2014)

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