Antipsychiatrie für Einsteiger

3. Juli 2014, 17:54
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Festspiele Stockerau: "Einer flog über das Kuckucksnest"

Stockerau - Am Fuße des Kirchturms steht ein hoher Käfig, ähnlich denen, die man für Ballspielende in der Stadt baut. Er dient in Zeno Staneks Inszenierung von Einer flog über das Kuckucksnest, die bei den Festspielen Stockerau zu sehen ist, als "Irrenhaus".

Geschrieben wurde das Stück 1963 vom Amerikaner Dale Wassermann. Es entstand vor der preisgekrönten Verfilmung durch Milos Forman mit Jack Nicholson. Der beiden zugrunde liegende Roman von Ken Kesey aus dem Jahr 1962 erzählt die Geschichte des Kleinkriminellen Randle McMurphy, der den Verrückten spielt, um in die Psychiatrie zu kommen und so der Gefängnisarbeit zu entgehen. Mit herzhafter Renitenz stellt er das System in Frage, reanimiert die Autonomie seiner Mitinsassen oder eignet sich das Gebaren der Oberschwester Ratched an. Die antipsychiatrische Erzählung stellt die Frage nach der Normalität des Verrückten und danach, wie krank das Verwahrsystem selbst ist.

Sicherheitsabstand

In Stockerau bleibt die Story im Sicherheitsabstand zum Sommertheaterpublikum. Wiewohl in seiner Analyse von Machtsystemen zeitlos, ist Keseys Tragikomödie amerikabezogen: Die Erzählung vom Kampf des Kapitalismus gegen die Natur wird vom vermeintlich taubstummen Indianerhäuptling Bromden aus dem Off erzählt. In Stockerau ist diese vielschichtige Figur, die trotz immenser Körpergröße oft fast unsichtbar wird, mit Horst Heiss idealbesetzt.

Staneks Inszenierung ist konventionell, aber smart. Die Schauspieler leisten ganze Arbeit, nicht zuletzt, weil sie durch das Gitter hindurch spielen müssen. Kabarettist Karl Ferdinand Kratzl gibt einen liebenswerten Bombenbauer, Christian Strasser heftet sich als vollautomatischer Jesus immer wieder mit ausgebreiteten Armen an die Gitterstäbe. Zwischen Marlboro-Man McMurphy (Klaus Huhle) und seiner meist höflichen Unterdrückerin Ratched (Elke Hartmann) funkt es unterdessen mehr oder weniger subtil, verfügt sie doch über seine Elektroschocktherapie.

Das dicke Ende kommt nach einer wilden Party mit Hippie-Mädchen, Sex und Überdosen von Drogen, die man früher oder später sowieso verabreicht bekommen hätte.  (Roman Gerold, DER STANDARD, 4.7.2014)

Bis 9. 8.

  • Auch der Wärter hat es faustdick hinter den Ohren: Die Festspiele Stockerau zeigen "Einer flog über das Kuckucknest".
    foto: johannes ehn, www.ehnpictures.com

    Auch der Wärter hat es faustdick hinter den Ohren: Die Festspiele Stockerau zeigen "Einer flog über das Kuckucknest".

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