Das Zehnerduell in Neymars Hinterhof 

3. Juli 2014, 17:42
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Das Duell der Spielgestalter und Torjäger - Neymar da, James Rodríguez dort - steht beim südamerikanischen Viertelfinalheuler zwischen Brasilien und Kolumbien im Mittelpunkt. In Fortaleza geht es aber noch um weit mehr als um persönliche Reputationen

Fortaleza - Psychologin Regina Brandão scheint ganze Arbeit geleistet zu haben. Neymar jedenfalls trat äußerst selbstsicher vor die Presse, versprühte seinen jugendlichen Charme und drückte bei seinen Kampfansagen das Kreuz durch. Die als weinerlich verspotteten Brasilianer wollen wieder Helden sein - mit einem Sieg über die unbequemen Cafeteros aus Kolumbien um Shootingstar James Rodríguez wären sie es.

"Wir müssen nicht so viel über Druck nachdenken. Wir spielen doch hier im Hinterhof unseres Hauses, die Fans sind unsere", sagte Neymar: "Ich stecke das locker weg, weil das mein Traum ist." Jenen unter seinen Kollegen, die das nicht so locker wegstecken, sprach der 22-Jährige Trost zu: "Wir tragen eine große Verantwortung, aber wir müssen das auch  als Spiel ansehen. Wenn wir verlieren, sind wir nicht tot."

Die Pflicht als Tränentreiber

Allerdings stürzte ein Scheitern der Seleção das Land in ein Tal der Tränen, die Euphorie schlüge flott in Wut um. Die Emotionsausbrüche der Spieler nach dem Achtelfinalkrimi gegen Chile kamen nicht von ungefähr, die Titelpflicht ist ein Tränentreiber.

Coach Luiz Felipe Scolari hat den Seinen wegen der enormen Anspannung professionelle Hilfe zur Seite gestellt. "Ich hatte so etwas vorher nicht gemacht, aber ich habe es genossen", sagte Neymar, der auch körperlich für das Duell gegen Kolumbiens James Rodríguez bereit ist. Der linke Oberschenkel und das rechte Knie schmerzen nicht mehr.

Die Vergleiche mit "King James", der für das kolumbianische Spiel trotz seiner bisher fünf Tore nicht ganz so wichtig ist, wie er für das brasilianische, lassen Neymar ziemlich kalt: "Keine Ahnung, wer der bessere Spieler ist. Ich hoffe, sein Zyklus endet jetzt."

Die tiefe Depression als Ziel

Rodríguez, der schon alleine mit der Namhaftmachung seines Traumvereins - Real Madrid und ausdrücklich nicht der FC Barcelona - seine Rivalität ausdrückt, nahm Neymars Namen nicht in den Mund. Er nannte Brasilien einen schwierigen Gegner mit großartigen Spielern, "aber das gleiche müssen sie auch über uns denken". Kollege Carlos Sánchez glaubt, dass Rodríguez und dessen kongenialer Partner Juan Cuadrado die Gastgeber in eine tiefe Depression schießen: "Wir haben unsere Waffen, mit denen wir jedem Team wehtun können."

Doch nicht nur auf dem Rasen wird es heiß zugehen. Die Rivalität der beiden südamerikanischen Teams dürfte für eine hitzige Stimmung im Estádio Castelão sorgen. Da die traditionelle Trikotfarbe beider Mannschaften gleich ist, wird in der Arena das Gelbfieber umgehen.

Schranken schließen

Die benachbarten Grenzstädte Tabatinga in Brasilien und Letícia in Kolumbien schließen am Spieltag sogar ihre Schranken, weil Krawalle befürchtet werden. Der Bürgermeister von Bogotá hat ab 10 Uhr für zwölf Stunden "Ley Seca" ausgerufen, ein Ausschankverbot für Alkohol.

Scolaris Sorgen werden naturgemäß als wichtiger erachtet. Die Gelbsperre von Luiz Gustavo reißt ein Loch ins defensive Mittelfeld, vermutlich ersetzt ihn Paulinho, der sich in den ersten beiden Partien aus der Elf gespielt hatte.

Kolumbiens Coach José Pékerman hat keine Personalsorgen in diesem Sinn. Allerdings sah die Abwehr rund um den schon 38-jährigen, also nicht mehr ganz so flinken Mario Yepes schon bisher nicht rasend sicher aus. Immerhin hielt Goalie David Ospina stets hervorragend. Gelingt der Aufstieg, ist auch die Bilanz einerlei. Der letzte der bisher nur zwei kolumbianischen Siege ereignete sich 1991. Die jüngsten vier Partien endeten remis. (sid, lü, DER STANDARD, 4.7.2014)

Brasilien - Kolumbien
Freitag, 22 Uhr MESZ, Fortaleza, Estadio Castelao, SR Carballo (ESP)

Mögliche Aufstellungen:

Brasilien: 12 Julio Cesar - 2 Dani Alves, 3 Thiago Silva, 4 David Luiz, 6 Marcelo - 5 Fernandinho, 8 Paulinho - 7 Hulk, 11 Oscar, 10 Neymar - 9 Fred

Ersatz: 1 Jefferson, 22 Victor - 13 Dante, 14 Maxwell, 15 Henrique, 23 Maicon, 16 Ramires, 18 Hernanes, 19 Willian, 20 Bernard, 21 Jo

Es fehlt: 17 Luiz Gustavo (gesperrt)

Teamchef: Luiz Felipe Scolari

Kolumbien: 1 Ospina - 18 Zuniga, 2 Zapata, 3 Yepes, 7 Armero - 11 Cuadrado, 8 Aguilar, 6 Sanchez, 10 James Rodriguez - 9 Teofilo Gutierrez, 21 Jackson Martinez

Ersatz: 12 Vargas, 22 Mondragon - 4 Arias, 13 Guarin, 16 Balanta, 23 Valdes, 5 Carbonero, 14 Ibarbo, 15 Mejia, 20 Quintero, 17 Bacca, 19 Adrian Ramos

Teamchef: Jose Pekerman (ARG)

  • Brasiliens Zehner.
    apa/epa/ballesteros

    Brasiliens Zehner.

  • Kolumbiens Zehner.
    foto: ap/dana

    Kolumbiens Zehner.

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