Der Reichenauer metaphysische Ehebrecher

3. Juli 2014, 17:28
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Die erste Premiere der Festspiele Reichenau 2014 verhandelt ingeniös den moralischen Kollaps einer Epoche. Hermann Beils Inszenierung von "Das weite Land" entwickelt Dichtung als Gedankenmusik.

Reichenau - In der Frage, wie man eine Ehe hygienisch handhabt, ist der Fabrikant Hofreiter (Joseph Lorenz) kalt bis ans Herz. Der Neue Spielraum des Theaters Reichenau ist der von allen Seiten bequem einsehbare Präsentierteller (Bühne: Peter Loidolt). Von diesem bedient sich der Held aus Arthur Schnitzlers Das weite Land reichlich. Hofreiter ist eine betörende, tadellos gebürstete und gekleidete Bestie von Mensch. Sie ernährt sich nach den Prinzipien der Trennkost erotisch, und zwar stetig. Vor allem aber verströmt ihr Fauchen eine kalte, nach neuen Kompositionskünsten (Mahler, Wolf) tönende Euphorie.

Von einer der Tribünentreppen stürzt sich der weißblonde Panter herab auf die öde Parkettfläche, die seinen Badener Luxuskäfig darstellt. Hofreiter stürzt natürlich nicht (außer andere ins Elend). Er fegt eher wie eines dieser neuartigen, eleganten Automobile durch eine flache, wegen der in ihr lebenden Heuchler widerwärtige Landschaft. (Erst im dritten Akt weicht das Raubtier in die Dolomiten aus.) Und weil Regisseur Hermann Beil vom Aasgeruch, der von Hofreiter ausgeht, völlig zu Recht fasziniert ist, gleicht seine packende Inszenierung von Das weite Land dem Spiel einer verzwickten, fünfsätzigen Sonate vom Blatt. Ihr möglicher Untertitel: "Das schöne, reißende Vieh im Jahre 1911".

Die anderen behaupten von sich, gezähmt zu sein. Hofreiters Frau Genia (Julia Stemberger) ist zum lebenden Ornament erstarrt. Dabei scannt ihr schönes Auge bereits die möglichen Seitensprungpartner, etwa den fragilen Marinefähnrich Otto (Dominik Raneburger). Herzenswärme erhält ihre Manieren geschmeidig. Der Vorwurf ihres Gemahls, sie habe ausgerechnet ihrer Treue wegen einen gemeinsamen Freund auf dem Gewissen, zeitigt das Übel, das er bannen soll.

Die jungen Tennisspieler verbringen die Zeit zwischen den Eheerörterungen wie tollpatschige Welpen. Die charismatische Erna Wahl (Johanna Arrouas) bezaubert Hofreiter durch ihr Draufgängertum. Die Herren werden keine vier Jahre später ihr Blut zu Tausenden in Wolhynien und in den Karpaten vergießen. Die ertaubten Arme und die spröden Manieren (Daniel Jesch, der famose Eduard Wildner) sind Beils Vorgriff auf die kommende Katastrophe von 1914.

Noch aber spreizen sich die Damen wie Goldhühner (Chris Pichler), die der Marder im Stall besuchen kommen wird. Hofreiter bewegt sich durch die erotisch hoch aufgeladene Landschaft mit ihren Faktoten (André Pohl) sicheren Schritts. Jeder Satz aus seinem Mund ist eine Elastizitätsprobe.

Schnurrender Sound

An seine Angel hängt er Schönbrunner-Deutsch-Brocken. Sein kalter, wunderbar schnurrender Sound ist die Musik zur Menschheitsdämmerung. Dieser überragende Hofreiter ist Reichenaus Geschenk an die Schnitzler-Pflege. Allenfalls Wolfgang Hübsch vor gut 20 Jahren kam ihm am nämlichen Spielort nahe.

Am Schluss ist ein Fähnrich über den Haufen geschossen. Hofreiter im schwarzen Mantel öffnet die Arme: "Da bin ich." Das Zeitalter von seinesgleichen neigt sich dem Ende zu. Nie war die Lust am Sündigen kälter gewesen, schockierender, rasender. Ein nihilistisches Wüten am Ende der Zeit. Der Applaus brauchte, um mit der unbehaglichen Aussage dieses großen Reichenauer Auftaktabends mitzuhalten. Dann war er nicht enden wollend.

(Ronald Pohl, DER STANDARD, 4.7.2014)

  • Erna Wahl bezaubert Hofreiter durch ihr Draufgängertum: Johanna Arrouas und Joseph Lorenz in "Das weite Land".
    foto: apa/jäger

    Erna Wahl bezaubert Hofreiter durch ihr Draufgängertum: Johanna Arrouas und Joseph Lorenz in "Das weite Land".

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