Pilgerherberge aus dem 17. Jahrhundert virtuell rekonstruiert

6. Juli 2014, 18:46
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Drei Institute der Ludwig Boltzmann-Gesellschaft "auf den Spuren des heiligen Wolfgang"

Archäologie/Geschichte/Wien/Salzburg - Klause aus dem 17. Jahrhundert wurde 2009 mit Bodenradarmessungen entdeckt und nun virtuell rekonstruiert - Finanzierung für drei LBG-Institute aufgrund positiver Evaluierung gesichert

Wien/St. Gilgen - 2009 entdeckten Archäologen unweit der Wallfahrtskirche am Falkenstein am Wolfgangsee eine Verpflegungsstätte für Pilger aus dem 17. Jahrhundert. Drei Institute der Ludwig Boltzmann-Gesellschaft (LBG) ließen ihre Erkenntnisse in eine nun fertiggestellte virtuelle Rekonstruktion einfließen, die auch als Vorlage für einen Wiederaufbau dienen könnte.

Im Jahr 2009 führten Wissenschafter des Ludwig Boltzmann Instituts (LBI) für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie (LBI Arch Pro) Bodenradarmessungen in der Umgebung der Kapelle am Falkenstein - einer Erhebung zwischen St. Gilgen und St. Wolfgang - durch. Dort soll der Legende zufolge bereits der Heilige Wolfgang im zehnten Jahrhundert als Eremit gelebt haben. Vom Falkenstein aus soll auch der sagenumwobene "Hackelwurf" erfolgt sein, der zur Wahl des Bauplatzes für die Wallfahrtskirche St. Wolfgang geführt habe.

Starke Verkehrsströme religiöser Art

Auf einer Lichtung unterhalb der Falkenstein-Kirche stießen die Archäologen auf die Fundamente einer als einfache Holzhütte erbauten Klause aus dem 17. Jahrhundert. Unmittelbar am Pilgerweg zur damals nach Rom, Santiago de Compostela und Aachen viertgrößten Wallfahrtsstätte Europas in St. Wolfgang gelegen, diente sie Eremiten als Behausung und Pilgern als Raststätte.

Das ständige Kommen und Gehen von etwa 100.000 bis 200.000 Pilgern jährlich hat in den etwa 150 Jahren, in denen die Klause bewohnt war, jede Menge Spuren hinterlassen. Diese erlauben es den Forschern nun, neben den baulichen Begebenheiten auch auf die damaligen Lebensumstände zu schließen.

Laut LBI Arch Pro-Leiter Wolfgang Neubauer handelt es sich hier um ein "kleines, aber feines Projekt", bei dem einige überraschende Entdeckungen gemacht wurden. Dass es in der Umgebung der Kapelle eine solche Klause gab, sei durch historischen Quellen belegt gewesen, die vom LBI für Neulateinische Studien analysiert wurden. Darüber hinaus war aber fast nichts bekannt.

Merchandising

Neben der Analyse zahlreicher Alltagsgegenstände, die von den Pilgern dort zurückgelassen wurden, sei vor allem die Entdeckung zweier Kellerräume sehr interessant gewesen. In einem Raum fand sich ein Holzrohr, das als Wasserleitung direkt in die Klause diente. Zahlreiche Scherbenfunde zeigen, dass dort die als Souvenirs sehr beliebten "Wolfgangiflascherl" abgefüllt wurden. Die Leitung haben die Eremiten wahrscheinlich gelegt, um der freien Entnahme des Wassers durch die Pilger aus der - der Legende nach - vom Heiligen Wolfgang selbst entdeckten Quelle einen Riegel vorzuschieben, vermuten die Experten.

Vor dem Gebäude fand sich auch eine Grube, die wahrscheinlich bis zum Ende des Betriebes der Klause zwischen 1860 und 1880 als Latrine diente. Auf deren Grund fanden sich hohe Konzentrationen an Quecksilber. In Kooperation mit dem LBI für Lungengefäßforschung wurde klar, dass es sich dabei um Überbleibsel der damals gängigen Praxis der Behandlung von Syphilis mit Quecksilber, welches vom Körper fast unverändert wieder ausgeschieden wird, handeln muss.

Wiederaufbau angedacht

Die gesammelten Erkenntnisse flossen in die 3D-Rekonstruktion ein, die auch als Grundlage für einen etwaigen Wiederaufbau dienen könnte, erklärten die Forscher. Angedacht sei eine solche bereits, die Finanzierung ist allerdings noch nicht geklärt, hieß es.

Bei dem Projekt, in das unter anderem auch das Heimatmuseum St. Gilgen und die Universität Wien eingebunden waren, handle es sich um ein gutes Beispiel für wissenschaftliche Zusammenarbeit über Institutsgrenzen innerhalb der Boltzmann-Gesellschaft hinweg, so LBG-Präsident Josef Pröll. Aufgrund "sehr guter Ergebnisse" in der kürzlich von externen Experten durchgeführten Zwischenevaluation der drei beteiligten Institute sei deren Finanzierung in der Höhe von insgesamt 7,8 Mio. Euro durch die LBG in den nächsten drei Jahren gesichert, erklärte der Ex-Finanzminister und -Vizekanzler. (APA/red, derStandard.at, 6. 7. 2014)

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