Ostende: Mauseloch mit Meeresbrise

6. Juli 2014, 15:05
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Den Sommer 1936 verbrachten einige gut bekannte österreichische und deutsche Literaten in Ostende. Für die vorwiegend jüdischen Autoren war der belgische Badeort Exil und Sehnsuchtsort zugleich. Eine Spurensuche

Baden im Meer - die Sache des Schriftstellers Joseph Roth war das nicht. Fische würden ja auch nicht ins Kaffeehaus gehen, begründete er seinen Entschluss, lieber trocken und auf der Strandpromenade zu bleiben. Aber was machte er dann in Ostende, einem Badeort an der belgischen Küste?

Ort der Ruhe gesucht

Joseph Roth kam 1936 auf Einladung seines Freundes Stefan Zweig, der hier den Sommer verbrachte. Entmutigt von der politischen Lage in Deutschland und Österreich und deren Auswirkung auf die Literatur- und Verlagslandschaft, suchte Zweig in der Küstenstadt mit den weißen Häusern und der Zuckerbäckerpromenade einen Ort der Ruhe. Oder schlichtweg einen Platz, an dem man leben konnte.

Ostende ist vor allem unter den Belgiern, den Franzosen und Holländern beliebt, weil sie eine kurze Anreise haben. Auch Engländer kommen - mit der Fähre.

Zu Zweig und Roth gesellte sich in jenem Sommer auch die Berliner Autorin Irmgard Keun, deren Bücher in Deutschland beschlagnahmt worden waren. Und von den Schriftstellern Egon Erwin Kisch, Hermann Kesten und Arthur Koestler weiß man ebenfalls, dass sie zu unterschiedlichen Zeiten in der Gegend weilten.

Mondänes Mauseloch

Als "ein Mauseloch für diesen Sommer" beschreibt der Journalist und Autor Volker Weidermann das Domizil in seinem Buch Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft, das vor wenigen Wochen erschienen ist. Ein durchaus attraktives Mauseloch, wohlgemerkt: Seit der Unabhängigkeit Belgiens im Jahr 1830 hatte sich Ostende zu einem mondänen Seebad entwickelt. 100 Jahre später, in den 1930er-Jahren, warb es damit, die Königin der Badestädte an der Küste zu sein. Ein ausgelassener Ort, mit palastartigem Kasino und vielen Promenadenbistros.

Vieles hat sich durch den Zweiten Weltkrieg verändert. Deutsche Truppen marschierten Ende Mai 1940 ein, 1944 wurde die Stadt durch Luftangriffe der Alliierten völlig zerstört. Statt der Belle-Époque-Prachtbauten reihen sich heute entlang der Promenade Appartementhäuser aneinander - viele davon im klobigen Stil der 1960er-Jahre.

Die belgische Küste ist etwas für Leute, die keine mediterrane Hitze mögen und keine Wettergarantie brauchen. Es ist immer windig, selten beständig.

Die Marmortische vor den Häusern sind Plastikstühlen gewichen, auf denen Eltern in Badegewand sitzen und ihre Nerven mit einer belgischen Waffel beruhigen, während der Nachwuchs auf der Strandpromenade mit "Kinderfietsen", kleinen Fahrrädern, herumsaust. Die Pensionisten, die hier von Frühling bis Herbst verweilen, bringen sich an den Promenadenrändern in Sicherheit.

Keine mediterrane Hitze

Ostende ist vor allem unter den Belgiern, den Franzosen und Holländern beliebt, weil sie eine kurze Anreise haben. Auch Engländer kommen - mit der Fähre. Die belgische Küste ist etwas für Leute, die keine mediterrane Hitze mögen und keine Wettergarantie brauchen. Es ist immer windig, selten beständig: Ein Tag, der mit Regen beginnt, kann hier mit dem schönsten Sonnenuntergang enden.

Die Stadt von heute bietet nicht genau das Ambiente, in dem man sich die Literaten von damals in aller Seelenruhe schreibend vorstellt.

Und wenn es regnet, tröstet man sich in Ostende nicht nur mit belgischen Bieren, sondern auch mit Sangria - er wird offenbar angeboten, um doch ein wenig Mittelmeerfeeling zu erzeugen. Die Stadt von heute bietet jedenfalls nicht genau das Ambiente, in dem man sich die Literaten von damals in aller Seelenruhe schreibend vorstellt.

Den Sommer ’36 spüren

Literarisch Interessierte werden  beim Spaziergang durch die Stadt aber noch ein wenig von diesem Sommer 1936 erspüren. Auf der Promenade etwa kann man sich schon ausmalen, warum Zweig mit seiner Sekretärin und Geliebten Lotte Altmann so gerne vom Wohnhaus, der Maison Floréal an der Albert-I-Promenade, zum Kasino Kursaal flanierte. Ursprünglich im Jahr 1875 errichtet, wurde das Kasino allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg zerstört und erst im Jahr 1953 wiederaufgebaut - dafür aber mit einer beeindruckenden Wandmalerei des belgischen Surrealisten Paul Delvaux im Spielsaal.

An dieser Promenade, wo Irmgard Keun, mit Kopftuch dem Wind trotzend, geschrieben haben mag, kann man heute viele junge Menschen beobachten, wie sie im Kunstbistro Beau-Site sitzen und auf ihre Laptops einklopfen. Und wo die Exilliteraten nur zwei Straßen weiter abends im Restaurant Almondo zusammenkamen, sitzen nunmehr tätowierte Männer vor der Schank.

Das Ensor-Museum ist das Geburtshaus des Künstlers James Ensor, dessen Familie hier ein Souvenirgeschäft führte.

Heute heißt dieses Lokal in der Langestraat Manuscript, und ist Teil eines Viertels mit vielen Bars geworden: Ostende mit seinen 70.000 Einwohnern hat dort so etwas wie ein Nachtleben. Die alte Geschichte des eleganten Seebads wird nun vorwiegend an Orten wie dem Stadsmuseum konserviert, das ebenfalls in der Langestraat liegt.

Lebendige Zeitreise

Eine lebendigere Zeitreise bietet da schon das benachbarte Ensor-Museum: Es ist das Geburtshaus des Künstlers James Ensor, dessen Familie hier ein Souvenirgeschäft führte. Für Stefan Zweig war diese Adresse die erste Anlaufstelle in Ostende, als er 1914 herkam - ein Dichterkollege hatte ihn zu Ensor geschickt. Zweig fand einen skurrilen Ort vor - vollgestopft mit Totenköpfen, Muscheln und irren Masken.

Heute können Besucher um zwei Euro Eintritt in dieses Kunterbunt eintauchen. Ensors Werke, die den europäischen Symbolismus mitprägten, sind dagegen vorwiegend im "Mu.Zee" in der Nähe des Hafens ausgestellt.

Sammelsurium mit Kleinoden

In der Fußgängerzone reihen sich die üblichen Handelsketten aneinander, gespickt mit Waffelständen, Fritterien und Pralinengeschäften. Die Spezialität Letzterer: Babelutte-Karamellzuckerln. Mitten in diesem Sammelsurium ist die Buchhandlung Corman in der Witte Nonnenstraat ein leicht zu übersehendes Kleinod. Der ursprüngliche, größere Laden ist heute ein Schuhgeschäft, befand sich um die Ecke und versorgte die Exilautoren mit Lesestoff.

Die Kommerzialisierung hat aber nicht alles Alte verdrängt: Gleich am Beginn der Fußgängerzone liegt die Brasserie Du Parc: ein Art-déco-Café mit Originaleinrichtung aus den 1930er-Jahren, in dem Roth häufig Gast gewesen sein soll. Von hier aus hatte er es nicht weit zu seiner Unterkunft am Hafen, dem Hotel de la Couronne. An dessen Adresse Vindictivelaan 14 befindet sich heute nur ein weiteres Appartementhaus - geblieben sind der Blick über den Hafen und der Fischgeruch.

Am Visserskai, reihen sich Lokale aneinander, die die Landesspezialität Moules-frites, Miesmuscheln mit Pommes frites, anbieten.

Ein paar Schritte weiter preisen die Fischer täglich ihren Fang auf dem Markt an. Daneben, am Visserskai, reihen sich Lokale aneinander, die die Landesspezialität Moules-frites, Miesmuscheln mit Pommes frites, anbieten. Von den Terrassen hat man direkten Blick auf den Bahnhof, ein imposantes Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert, errichtet im Stil der Belle Époque.

Bis 1993 fuhr hier der Luxuszug Ostende-Wien-Express

Für die exilierten Literaten aus Österreich hatte er eine besondere Bedeutung: Von 1894 bis 1993 fuhr hier der Luxuszug Ostende-Wien-Express ein, der die beiden Städte ohne Umsteigen miteinander verband. Vor diesem Bahnhof hält auch die Kusttram - eine Straßenbahn, die die gesamte belgische Küste abdeckt, also fast von der holländischen bis zur französischen Grenze fährt.

foto: tourismus flandern-brüssel/westtoer
In den Abendstunden und ab September gehört der urbane Strand von Ostende wieder den Flaneuren.

1885 wurde sie als Dampfstraßenbahn eröffnet, heute ist sie ein hochmodernes Gefährt - und während der Hochsaison meistens voll besetzt. Für die Ostender Autoren-Clique des Jahres 1936 muss die Fahrt mit der Tram zwar noch etwas entspannter gewesen sein, wenn sie etwa in den Badeort Bredene, nur eine Bucht weiter zu Egon Erwin Kisch tuckerten. Aber kein Grund, den Hochsommer zu verklären: Viel Ruhe zum Schreiben hatten wohl auch sie nicht während der Saison in Ostende. (Emily Walton, Album, DER STANDARD, 05.07.2014)

Anreise und Öffis

Flug: Von Wien aus bietet sich die Anreise über den Flughafen Brüssel  an - nonstop zum Beispiel mit Austrian oder Brussels Airlines. Von hier aus geht es entweder mit dem Mietauto weiter (1,5 Stunden über die E40) oder mit dem Zug von Bruxelles-Central bzw. Bruxelles-Nord (jede Stunde, rund 1 h 50 min).

Vor Ort sind die Öffis ausgesprochen gut: So lässt sich die belgische Küste bequem mit der Kusttram erkunden. Eine 7-Tage-Karte für zwei Personen kostet 30 Euro (für eine Person 20 Euro). Die gesamte Strecke umfasst 68 Kilometer mit 69 Stationen. Mit diesem Ticket sind auch Busfahrten möglich - etwa nach Brügge.

Unterkunft

In Ostende ist man gut beraten, ein Appartement zu mieten. Viele lassen sich über Online-Plattformen wie www.booking.com oder airbnb.com buchen.

Hotels: In unmittelbarer Nähe zur Promenade liegt das Drei-Sterne-Haus Du Parc, oberhalb der sehenswerten Art-déco-Brasserie Du Parc (Doppelzimmer ab 180 Euro pro Nacht). Den Glanz der Vergangenheit kann man im Thermae- Palace-Hotel spüren. Es wurde 1933 eröffnet, die Architektur zeugt von der einstigen Gigantomanie. Allerdings entspricht es nicht mehr unbedingt dem angegebenen Vier-Sterne-Standard - ein Besuch der Brasserie ist empfehlenswert.

Literatur und Info

Der Titel des Buchs aus dem Artikel: "Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft" von Volker Weidermann (Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2014, 160 Seiten, € 18,50). Lohnend in diesem Zusammenhang ist auch der Briefwechsel zwischen Joseph Roth und Stefan Zweig - gesammelt erschienen im Titel: "Jede Freundschaft mit mir ist verderblich: Briefwechsel 1927-1938" (Diogenes-Verlag, 2014, 624 Seiten, € 19,50).

Touristische Infos sowie zu Veranstaltungen und Ausstellungen unter:

www.visitoostende.be oder Tourismuswerbung Flandern, Mariahilfer Straße 121 b/ 6. Stock, 1060 Wien, www.flandern.at

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