"Man kann nicht nur zum Geldvermehren da sein"

Interview4. Juli 2014, 09:40
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Charly Kleissner wurde "unabsichtlich reich" und investiert nun in soziale Projekte. Aber auch diese müssen Gewinne abwerfen 

STANDARD: Nachhaltiges Investieren mit sozialen Aspekten ist bekannt. Wie unterscheidet sich Impact-Investing von diesem Ansatz?

Kleissner: Impact-Investitionen sind so definiert, dass man neben der finanziellen Rendite auch eine messbare soziologische oder ökologische Rendite erzielen muss.

STANDARD: Wie misst man diesen nichtfinanziellen Aspekt?

Kleissner: Dafür gibt es drei Möglichkeiten: Erstens die quantitativen Kennzahlen, die sind sehr ähnlich wie finanzielle Kennzahlen. Wenn man beispielsweise Wasser aufbereitet, kann man messen, was die Aufbereitung pro Liter kostet. Die zweite Art ist ein qualitativer Ansatz. Wir investieren oft in Projekte, die noch keine Marktreife haben und für viele Investoren daher tabu sind. Da messen wir unseren Erfolg daran, ob eine Nachfolgefinanzierung aufgestellt werden kann. Da geht es darum, etwas zum Laufen zu bringen. Die dritte Messung sind die Geschichten, die alles zusammenbinden.

STANDARD: Welche Story aus Ihren Investments war die berührendste?

Kleissner: In unserem Geschäft geht es nicht um Emotionen. Wir sind daran interessiert, das finanzielle System zu ändern. Emotionen müssen daher mit finanzieller Disziplin gekoppelt werden. Macht man das nicht, verliert man wahrscheinlich viel Geld. Ich will einen Beitrag dazu leisten, neue Finanzinstrumente zu kreieren, die einen finanziellen Return abhängig machen vom sozialen Einfluss. Das ist für das, was ich in meinem Leben erreichen will, sehr wichtig.

STANDARD: Was wollen Sie denn in Ihrem Leben erreichen?

Kleissner: Ich will einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass der Planet und die Menschen nachhaltiger leben. Das finanzielle System ist ein wesentlicher Hebelpunkt für mich. Da wir einiges an Kapital zur Verfügung haben, ist das mein Beitrag.

STANDARD: In welche Projekte investieren Sie?

Kleissner: Wir sind in einer breiten Range engagiert. Impact-Investoren unterscheiden sich auf drei Ebenen. Die erste ist, wo sie investieren: also nur in Afrika, Europa oder global. Dann in welche Thematiken sie investieren: Bildung für Frauen, Gesundheitswesen oder etwa Wasser. Die dritte Komponente ist der finanzielle Return. Die meisten Impact-Investoren wollen auch einen kompetitiven Return. Einige sind auch in der Lage, für einen Teil ihrer Investition einen kleineren Return zu akzeptieren. Vor allem, wenn man "in the bottom of the pyramid" investiert (in jene Bereiche, wo Menschen weniger als einen Dollar pro Tag verdienen, Anm.). Wir haben in unserem Portfolio drei Prozent so konzipiert, dass wir für diesen Bereich keinen kompetitiven Return erwarten. Sondern nur, dass wir das Geld über mehrere Jahre wieder zurückbekommen, und das nicht einmal inflationsangepasst.

STANDARD: Stichwort "bottom of the pyramid": Um welche Investments geht es da?

Kleissner: Um die Etablierung von sozialen Businesses. Ein Beispiel dafür ist Healthpoint-Services, in die wir investiert haben. Damit bieten wir medizinische Leistungen und sauberes Wasser für die ländliche Bevölkerung in Indien an. Für solche Investitionen braucht es Startkapital von 50.000 US-Dollar bis mehrere Hunderttausend Dollar. Solch ein Netzwerk braucht später mehr Geld, da arbeiten wir auch mit Banken zusammen, um Investoren ins Boot zu holen.

STANDARD: Wie entsteht aus einem medizinischen Zugang für die ärmste Bevölkerung eine Rendite?

Kleissner: Indem wir es als Business führen, und das muss einen Profit abwerfen. Die Leute, die den Service in Anspruch nehmen, zahlen dafür. Selbst die ärmsten Leute können zahlen. Ich bin den reinen Spendenaktionen gegenüber kritisch eingestellt. Diese kreieren oft Abhängigkeit und erzielen keinen wirklichen Fortschritt. Natürlich sind Spenden für Notfälle wichtig und um Unternehmer am Anfang zu unterstützen. Aber man muss damit vorsichtig umgehen.

STANDARD: Wird Ihnen vorgeworfen, dass Sie für das eingesetzte Kapital auch einen Return wollen?

Kleissner: Kaum. Es gibt Philanthropen, die gegen Gewinne sind. Wir stimmen nicht mit Mohammed Yunnus (Gründer der Mikrofinanz, Anm.) überein, dass soziale Investments keinen Gewinn abwerfen müssen. Sie müssen profitabel sein. Bei manchen Projekten begrenzen wir den Profit, damit es keine Ausbeutung gibt.

STANDARD: Arbeiten Sie mit Hilfsorganisationen zusammen oder haben Sie eigene Netzwerke?

Kleissner: Es ist eine Kombination. Gibt es in einem Bereich keine Organisation, gründen wir eine. Eine davon ist das Investorennetz Toniic. Hier geht es darum, das Geld unterschiedlicher Investoren in Projekte zusammenzuführen.

STANDARD: Gibt es einen Fonds, in den alle einzahlen?

Kleissner: Nein, wir sind eine Membership-Organisation. Beim Eintritt unterschreibt jeder, dass er bereit ist, pro Jahr mindestens zwei Investments zu machen und dafür je 25.000 US-Dollar zu geben. Wir haben auch das "100-Prozent-Impact-Netzwerk" gegründet. Das ist eine Organisation von Investoren, die sich verpflichten, 100 Prozent ihrer Investments auf positiven Impact auszurichten. 35 dieser Investoren gibt es bei uns schon. 3,5 Milliarden Dollar stehen hier zur Verfügung.

STANDARD: Wohin geht dieses Geld?

Kleissner: Etwa in grüne Minen, wo nicht mit Chemikalien gearbeitet wird und Arbeiter fair bezahlt werden. Da sind wir auch bereit, auf einen Teil unseres Returns zu verzichten, weil die Führung so einer Mine mehr Geld kostet. Wenn alle weiterhin in herkömmliche Minen investieren, sieht es bald sehr schlecht aus mit der Umwelt. Bei einer spanischen Wind-Firma etwa haben wir herausgefunden, dass beim Bau der Windfarmen in Nicaragua Familien ohne adäquaten Ersatz abgesiedelt werden. So etwas können wir als ein Impact-Investor nicht finanzieren. Der ökologische Return wäre zwar positiv, aber der soziale Return ist unakzeptabel.

STANDARD: Wo liegt da die Grenze?

Kleissner: Das hängt davon ab. Kein Investment hat keinen negativen Impact. Wir wollen aber auch hier Transparenz. Es geht darum, den negativen Impact zu minimieren und den positiven zu maximieren. Je länger man im Gebiet aktiv ist, desto mehr positiven Einfluss will man haben. Es hat sich auch im Bereich der Reputation einiges verändert. Apple kann es sich nicht mehr erlauben, dass sich die Leute bei Foxconn umbringen, obwohl Apple dafür legal nicht verantwortlich ist - die Reputation hängt auch daran.

STANDARD: Wie war Ihr Weg zum Impact-Investment?

Kleissner: Ich bin unabsichtlich reich geworden, und wenn man 100 Millionen Dollar zur Verfügung hat, dann muss man dieses Vermögen dazu verwenden, um etwas Positives zu gestalten. Man kann nicht einfach nur zum Geldvermehren da sein.

STANDARD: Wie haben die Leute in Ihrer Umgebung darauf reagiert?

Kleissner: In Silicon Valley haben viele gefragt, warum ich auf dem Höhepunkt meiner Karriere den Job aufgebe. Aber meine Frau und ich haben nicht mehr Geld gebraucht und wollten etwas Gutes tun. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, 4.7.2014)

Charly Kleissner (57) wuchs in Innsbruck auf, studierte an der TU Wien und erhielt ein Stipendium für eine Uni in Hawaii. Später entwickelte er in Silicon Valley mit Steve Jobs das Apple-Betriebssystem OS X. Heute investiert Kleissner in soziale Projekte. Ausgleich sucht er in der Natur. Seine Devise: "Geist und Körper muss man fit halten."

  • Versorgung mit Wasser oder Medizin sind Projekte, die Impact-Investoren hochziehen.
    foto: epa/kai-uwe warner

    Versorgung mit Wasser oder Medizin sind Projekte, die Impact-Investoren hochziehen.

  • Charly Kleissner: "Emotionen müssen mit finanzieller Disziplin gekoppelt werden."
    foto: modul / martin lusser

    Charly Kleissner: "Emotionen müssen mit finanzieller Disziplin gekoppelt werden."

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