Svetlana denkt über ihr Leben nach

6. Juli 2014, 14:54
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Fantastische Geschichten aus der Welt der Werbung. Diese Woche: Prada Candy. Warum Svetlana neben Rosarot auch ganz spezielle Blumen liebt

Ach, heute wollte sich Svetlana mal so einen richtig faulen Tag machen. Ihren Schmuck ordnen, über ihr Leben nachdenken, sinnend die Natur betrachten … Die junge Russin – ihre Bekannten in Paris wiesen sie immer wieder auf ihre Ähnlichkeit mit der Schauspielerin Léa Seydoux hin – hatte ihren Termin im Ritz Health Club absagen lassen und ihr Mittagessen mit Ivana im L’Atelier von Robuchon auf übermorgen verschoben. Einfach nur ein bisschen im rosaroten Zimmer herumlungern und vielleicht ein paar Gläser Champagner trinken, das würde ihr heute gut tun.

Die „Chambre rose“ war ein Geschenk von Dimitrij gewesen, zu ihrem 24. Geburtstag. Sie waren zusammen mit den Orochowskys ein Woche zum Skilaufen in St. Moritz gewesen im vorletzten Februar, und als sie wieder nach Paris zurückgekommen waren, war ein Nebenzimmer ihres Schlafzimmers, in dem zuvor nur ein kaum benutzter Crosstrainer und ein paar Louis-Vuitton-Koffer und -Reisetaschen herumgestanden waren, wie von Zauberhand in diese Wunderwelt aus Rosa verwandelt worden. Svetlana fühlte eine Regung, die sie noch nie zuvor in ihrem Leben verspürt hatte: Es musste wohl Rührung sein.

foto: lukas friesenbichler

Sie war in einem Moskauer Vorort aufgewachsen, im 11. Stock eines abgewrackten Plattenbaus, und hatte sich mit ihren vier Brüdern ein Zimmer teilen müssen. An einem kalten Januarvormittag, Svetlana war gerade sieben geworden, hatte ihre Mutter sie zu reichen Leuten mitgenommen, bei denen sie putzte. Dort gab es ein richtiges Kinderzimmer für das Mädchen, und fast alles darin war rosa gewesen. Svetlana sah es und empfand zum einen Glück über so viel Schönheit und eine Sekunde später Scham für die überbelegte graue Gefängniszelle, in der sie aufgewachsen war.

Dimitrij war natürlich ein Glückstreffer gewesen, sie hatte ihn im Kashmir kennengelernt, dem luxuriösesten Nachtclub Moskaus. Ihm gehörten ein Großteil der russischen Kupferminen, ein paar Gasfelder in Sibirien und sonst noch alles Mögliche. Er war im Bett eine Mischung aus Wildsau und Maschine, aber das ging schon in Ordnung; Svetlana war diesbezüglich nie ein Kind von Traurigkeit gewesen. Obwohl sie in den letzten Monaten immer wieder diese melancholischen Momente hatte ...

Unten in diesem süßen Blumenladen in der Avenue Montaigne hatten sie diese feinen kleinen Stoffblumen; die Margerite mit den schwarzen Punkten hatte es Svetlana besonders angetan: Sie wirkten wie kleine schwarze Tränen. Und so fühlte sie sich auch: jung, schön und in voller Blüte, und doch lasteten auf ihrem Gemüt unerklärlicherweise dunkle Flecken. Seltsam. Sie hatte doch alles. Svetlana seufzte. Sie würde den hübschen Floristen um eine Zustellung eines Dutzends dieser Stoffmargeriten bitten. Vielleicht konnte er sie ihre trüben Gedanken vergessen lassen. (Stefan Ender, derStandard.at, 6.7.2014)

  • Die Kreativität der Werbebranche ist grenzenlos. Genauso wie die Fantasie unseres Autors Stefan Ender. Er denkt sich an dieser Stelle wöchentlich eine Geschichte zu einer aktuellen Werbekampagne aus. Das Magazin mit dem aktuellen Werbesujet fotografierte Lukas Friesenbichler, das Werbemotiv stammt von Steven Meisel.
    foto: lukas friesenbichler

    Die Kreativität der Werbebranche ist grenzenlos. Genauso wie die Fantasie unseres Autors Stefan Ender. Er denkt sich an dieser Stelle wöchentlich eine Geschichte zu einer aktuellen Werbekampagne aus. Das Magazin mit dem aktuellen Werbesujet fotografierte Lukas Friesenbichler, das Werbemotiv stammt von Steven Meisel.

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