Einmal Röntgen und kein zurück

3. Juli 2014, 11:02
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Nicht kreditwürdig? Wenig noble Wohngegend? Wie die Bewertung der Bonität zustande kommt, wissen Konsumenten kaum. Die AK fordert mehr Transparenz

Wien -  Ein Universitätslektor bemüht sich um eine Kreditkarte. Trotz bester finanzieller Ausstattung und eines sicheren Jobs bekommt er das begehrte Gut nicht. Wie ihm auf Nachfrage beschieden wird, ist die Lage seines Hauses - am wenig noblen Wiener Rennbahnweg - für die Absage entscheidend. "Wir würden uns freuen, dass Sie sich bei positiven Veränderungen Ihrer Lebensumstände wieder bei uns melden würden", heißt es in einem Begleitschreiben.

Geht es nach der Arbeiterkammer Wien, ist dieses Beispiel keineswegs singulär. Wer einen Kredit aufnehmen oder einen Mobiltelefonvertrag oder ein Geschäft mit einem Online-Händler abschließen will, wird auf seine Bonität abgeklopft. Dagegen wäre im Grund auch nichts einzuwenden, wären nicht die Bonitätsprüfungen - das sogenannte "Credit Scoring" – viel zu intransparent, wie die AK moniert.

Wer sammelt welche Daten?

Konsumenten würden oft gar nicht wissen, wer welche Daten sammelt und, vor allem, wie sie dann bewertet und im Scoring gewichtet werden. Am Ende sitze aber eben der Verbraucher auf dem kürzeren Ast, denn wehren könne er sich nur schwerlich, sagte Gabriele Zgubic, Leiterin der AK-Konsumentenpolitik, am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Wien. AK-Konsumentenschützerin Daniela Zimmer spricht von einem Machtgefälle zwischen dem "immer gläserner werdenden Konsumenten" auf der einen Seite und seinem Nichtwissen, was mit seinen Daten passiert, auf der anderen. Besonders die Sammlung und Verwendung weicher Daten ist Zimmer ein Dorn im Auge.

Geht es nach einer Studie, die das Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Akademie der Wissenschaften im Auftrag der Arbeiterkammer in den vergangenen Monaten durchgeführt hat, sind die Folgen für den Konsumenten zuweilen mehr als unangenehm und bewegen sich von abgelehnten bis teureren Krediten bis zu verweigerten Mobilfunkverträgen. Bei den Bonitätschecks geht es "nicht nur um eine Analyse der Zahlungsfähigkeit", sagt Zgubic. Tatsächlich wird auch Augenmerk auf eine Auswertung der Lebensumstände gelegt. "Geo-Scoring" nennt man etwa die Methode, die dem Rennbahnweg-Bewohner den Weg zu seiner Kreditkarte verwehrte. Den Studienautoren zufolge eine Methode, die genauso Verwendung findet wie zum Beispiel eine Bewertung von Vornamen, die oft eine Diskriminierung von Personen mit Migrationshintergrund zur Folge hat.

Detail am Rande: "Credit Scoring" dient nicht immer dazu, zu ermitteln, ob jemand überhaupt für kreditwürdig befunden wird. Zimmer zufolge verlangte ein Onlineversandhaus beim Verkauf eines T-Shirts, abhängig von der Bewertung der Kunden, unterschiedliche Preise. Eine Praktik, die das Unternehmen erst nach massiven Protesten wieder eingestellt habe.

Fehlerhafte Prüfung

Im Zuge der Recherche hätten die Studienautoren Extrembeispiele gefunden, die zeigen, dass diese Bonitätschecks automatisiert und dabei oft fehlerhaft arbeiten würden, sagt Studienautor Jaro Sterbik-Lamina. So sei bei einer großen heimischen Bank im Zuge eines Software-Updates der Überziehungsrahmen für Bezieher von Arbeitslosengeld auf null gestellt worden. Der Fehler lag darin, dass das System keinen Unterschied zwischen vom Arbeitsmarktservice Betreuten und AMS-Angestellten machte, die ihre Konten ebenfalls nicht mehr überziehen durften.

"Erst wenn jemand Probleme hat, wird er versuchen, Einblick zu bekommen", konstatiert Sterbik-Lamina. An sich ist das ein Recht, das in nationalen und internationalen Rechtsgrundlagen auch verankert ist. In der Praxis funktioniere das allerdings mehr schlecht als recht, so der Forscher, "weil die Branche (dazu gehören etwa Kreditauskunfteien, Anm.) nicht sehr auskunftsfreudig ist". Auch die Verhältnismäßigkeit stellt Sterbik-Lamina mit einem Beispiel infrage: Der Geschäftsführer eines Verlags und Besitzer zweier Häuser bekam keinen Paybox-Zugang. Die Auskunft habe gelautet, dass seine Bonität negativ bewertet worden sei. Eine Begründung gab es dafür nicht, so der Studienautor. Der Verlust für Paybox hätte im schlimmsten Fall nur 18 Euro betragen.

Dürftige Regulierung

AK-Konsumentenschützerin Daniela Zimmer kritisiert die "ziemlich dürftige Regulierung" beim Auskunftsrecht. "Wir brauchen einen klaren rechtlichen Rahmen beim Datenschutzgesetz", sagt auch Zgubic. Betroffene müssten Klarheit haben, was in eine Bonitätsbewertung einfließe. Konsumenten müssen derzeit informiert werden, wenn ihre Daten verarbeitet werden.

Nach der Vorstellung der AK sollte die Auskunft auch die Datenherkunft sowie allfällige Datenempfänger und die Logik des Bewertungsprozesses umfassen. Darüber hinaus sollte geregelt werden, welche Informationen einfließen dürfen und wie alt diese sind. Nicht zuletzt fordern die Konsumentenschützer unternehmensinterne Kontrollen. Sie weisen auf die Verankerung einer Regelung im Regierungsübereinkommen hin. Das müsse rasch angegangen werden, so Zgubic. (rebu, derStandard.at, 3.7.2014)

  • So durchsichtig wie dieser Teddy fühlen sich mittlerweile vermutlich manche Konsumenten.
    foto: ap/jan woitas

    So durchsichtig wie dieser Teddy fühlen sich mittlerweile vermutlich manche Konsumenten.

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