Barbara Kopple: "Es ist mir leicht gefallen, mich für eine Seite zu entscheiden"

Interview2. Juli 2014, 18:26
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Anlässlich einer Werkschau war die unabhängige US-Dokumentarfilmerin und zweifache Oscar-Preisträgerin in Wien

STANDARD: In Ihrem Debüt von 1976, "Harlan County, USA", ist das Arbeiterlied "Which Side Are You On?" eine Art Leitthema. Wie haben Sie sich für eine Seite - fürs Filmemachen - entschieden?

Kopple: Es ist mir ganz leicht gefallen, mich für eine Seite zu entscheiden. Ich bin ein Kind der Sixties. Ich habe gegen den Vietnamkrieg demonstriert und bin immer davon ausgegangen, dass meine Generation die Dinge verändern könnte. Danach habe ich mein Leben ausgerichtet. Florence Reece, die Frau, von der das Lied stammt, hat es ursprünglich in den Dreißigerjahren gesungen - und das eigentliche Wunder war, dass sie es in den 1970ern wieder sang. Es hatte so eine Kraft, Leidenschaft! Ihr persönlich zu begegnen war mehr, als ich erträumt hätte.

STANDARD: Sie haben mit "Harlan County" und "American Dream" zwei Filme über Arbeitskämpfe und gewerkschaftliche Organisation in den USA gedreht, die auch eine Entwicklung von den 1970ern bis 1990 veranschaulichen. Haben Sie je vorgehabt, diese bis in die Gegenwart zu verfolgen?

Kopple: Ich habe manchmal daran gedacht. Es wäre interessant, sich jemanden anzuschauen, der heute 16 ist: Wie kann er oder sie überhaupt Arbeit finden, eine Ausbildung machen? Es macht mir Angst, dass es keine oder nur sehr geringe Wahlmöglichkeiten gibt - außer man hat Geld. Ich würde also weniger im Hinblick auf eine gewerkschaftliche Perspektive, mehr aus einer menschlichen Perspektive wissen wollen, wie wir überhaupt weiter existieren sollen. Das ist ja kein auf die USA beschränktes Problem.

STANDARD: Neben Arbeitswelten ist die Musik ein weiteres großes Thema Ihrer Filme.

Kopple: Die Musik spielt in meinem Leben und in meinen Filmen eine große Rolle. Im Moment arbeite ich an einem Film über Sharon Jones und die Dap-Kings, ich konnte nicht glauben, dass sie gerade jetzt, wo ich auch hier bin, in Wien gastiert!

STANDARD: Hängen Ihre Vorliebe für Musik und die Tatsache, dass Sie bei Ihren Filmen häufig den Ton machen, irgendwie zusammen?

Kopple: Ich habe siebzehn Jahre lang als sound recordist gearbeitet. Vor allem weil ich auf keinen Fall etwas verpassen will. Ich wollte immer alles hören, was passiert. Danach habe ich auch meine Kameraleute instruiert. Sogar jetzt, wo ich den Ton nicht mehr selbst mache, hab ich am Set immer die Kopfhörer auf.

STANDARD: Die Protagonistin Ihres jüngsten Films "Running from Crazy" ist Mariel Hemingway. Im Film geht es um deren Familiengeschichte, aber sie hat auch ein politisches Anliegen: Sie setzt sich für Hinterbliebene ein, deren Angehörige Suizid begangen haben.

Kopple: Nicht nur das - sie hat sich dem Thema Gesundheit verschrieben. Das wiederum greift in meinen nächsten Film über: Sharon Jones hatte einen Pankreastumor. Ich habe sie während der Behandlung begleitet, als sie mit der Musik pausieren musste. In ihrer Band ging es dann auch darum, wie lange das Geld für die Krankenversicherung reicht. Sie hätten dafür einen Kredit aufgenommen, aber es hieß: "Wenn Sharon Jones nicht spielen kann, wie wollt ihr da Geld verdienen?"

STANDARD: Als Sie begonnen haben, da waren Sie Teil einer Generation von Filmemacherinnen ...

Kopple: Ja, wir waren viele, aber nicht genug. Deborah Shaffer hat die Gewerkschaftsdoku The Wobblies gemacht, es gab Julia Reichert, Amalie Rothschild und andere. Männer haben gleich größere Budgets angestrebt, sie wollten Geld verdienen. Frauen haben sich darum weniger geschert: Wir wollten rausgehen, Gesellschaftsthemen aufgreifen und an die Öffentlichkeit bringen.

STANDARD: Hat man Ihnen nach dem ersten Oscar auch große Produktionen angeboten?

Kopple: Ich habe einfach weitergemacht, aber es war leichter, Termine zu bekommen. Die Leute sagten sich wohl: "Ich sollte sie zumindest treffen, sie hat einen Oscar gewonnen."

STANDARD: Umso besser, dass Sie noch einen zweiten gekriegt haben.

Kopple: Ja! Aber nicht deswegen - sondern damit ich diese Geschichten erzählen konnte: Damit sie bleiben und die Menschen nicht vergessen, wie wichtig und bedeutend es ist, wer sie sind und was sie getan haben. (irr, DER STANDARD, 2.7.2014)

Barbara Kopple (geb. 1946) drehte seit den 1970ern neben den Oscar-prämierten Dokumentarfilmen "Harlan County, USA" und "American Dream" unter anderen "Wild Man Blues", "Woodstock '94" und "The Dixie Chicks: Shut Up & Sing". Auch in diesen Musikfilmen spielt das gesellschaftliche Außen mit.

  • "Wir wollten rausgehen, Gesellschaftsthemen aufgreifen und an die  Öffentlichkeit bringen": Filmemacherin Barbara Kopple präsentierte eine  Auswahl ihrer Dokumentarfilme in der Reihe "Framing Reality".
    foto: regine hendrich

    "Wir wollten rausgehen, Gesellschaftsthemen aufgreifen und an die Öffentlichkeit bringen": Filmemacherin Barbara Kopple präsentierte eine Auswahl ihrer Dokumentarfilme in der Reihe "Framing Reality".

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