"Sicherheit entsteht durch viel Licht und viel Luft"

Interview4. Juli 2014, 14:39
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Große, schlecht beleuchtete Parks oder Garagen sind häufig Orte von Verbrechen. Architekt Bo Grönlund fordert kleinere Einheiten und will so die Sicherheit erhöhen. 

STANDARD: Wurden Sie schon mal überfallen?

Grönlund: Nein. Bisher noch nie.

STANDARDUnd würden Sie sich als ängstlich bezeichnen?

Grönlund: Ach, Sie meinen wegen meines Berufs? Nein, ganz und gar nicht!

STANDARD: Seit Mitte der Achtzigerjahre beschäftigen Sie sich mit Kriminalprävention im städtischen Raum. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Grönlund: Die Kriminalprävention unter Zuhilfenahme von Architektur und Stadtplanung kommt, wie man sich unschwer vorstellen kann, aus den USA und nennt sich Crime Prevention through Urban Design and Planning (CPUDP). Auf Basis der Theorie, dass die gebaute Umwelt Einfluss auf das Kriminalpotenzial eines Ortes hat, werden städtische, öffentliche Freiräume so gestaltet, dass die Häufigkeit und Art von Kriminalfällen langfristig eingedämmt wird.

STANDARD: Nun ist Dänemark nicht unbedingt mit den USA vergleichbar.

Grönlund: Würde man annehmen! Tatsächlich ist Dänemark, was Raub betrifft, statistisch betrachtet gefährlicher als die USA. Laut International Crime Victim Study ist die Überfallsrate auch deutlich höher als etwa in Schweden, Finnland und den Niederlanden.

STANDARD: Woran liegt das?

Grönlund: Der größte Anstieg war von 1968 bis 1993 zu verzeichnen. In diesen 25 Jahren hat die Kriminalität in Dänemark um mehr als 400 Prozent zugenommen! Das liegt natürlich in erster Linie an politischen, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren. Ich denke da nur an die rechte und linke Szene oder etwa an die Ausschreitungen der Hells Angels, die in Dänemark sehr aktiv sind. Zu einem geringen Prozentsatz liegt der Kriminalitätsanstieg aber auch daran, wie die Stadt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitergebaut wurde. In vielen Ländern Europas ist dies leider in einer sehr schlechten Qualität erfolgt. Für diese Fehler müssen wir nun einstehen. Hier beginnt meine Arbeit.

STANDARD: Welchen Beitrag kann CPUDP leisten?

Grönlund: Einerseits trägt CPUDP dazu bei, dass die Kriminalitätsrate eingedämmt wird. Andererseits jedoch sorgt CPUDP für eine Erhöhung des subjektiven Sicherheitsgefühls in der Stadt. Auch das wirkt sich positiv aus.

STANDARD: Inwiefern?

Grönlund: Ein Ort kann - unabhängig davon, ob er als statistisch sicher gilt oder nicht - entweder als Wohlfühlort mit einer gewissen Atmosphäre und Aufenthaltsqualität wahrgenommen werden - oder aber als Angstraum, um den man lieber einen großen Bogen macht. Ein zwar sicherer, aber letztlich ungenutzter Raum ist aus sozialer Sicht genauso kontraproduktiv wie ein unsicherer.

STANDARD: Welcher der beiden Faktoren ist denn wichtiger?

Grönlund: Beide sind wichtig. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Stellen Sie sich eine perfekt ausgeleuchtete, gut gestaltete Parkanlage vor, in der es zu keinerlei Raub, Überfall oder Vandalismus kommt. Unglücklicherweise jedoch fühlen sich die Einwohner, obwohl kein Grund dazu besteht, in diesem Park emotional unwohl und meiden ihn. Was wird passieren? Wie jeder schlecht frequentierte Ort in der Stadt wird der Park Kriminelle anlocken. Daran wird auch das beste kriminalpräventive Design nichts ändern können.

STANDARD: Wie sieht Crime Prevention through Urban Design and Planning im Detail aus?

Grönlund: Viel Licht, viel Luft, viel Einsehbarkeit, eine gleichmäßige Straßenbeleuchtung in der Nacht und keine allzu hohen Zäune und Mauern. Das klingt zwar banal, weil wir das in der Theorie längst schon wissen, die Praxis jedoch sieht anders aus. Die meisten Bauträger, Projektentwickler und Investoren interessieren sich kaum dafür. Vor allem aber - und hier kommt die Stadtplanung ins Spiel - geht es darum, den Raum zu segmentieren und in möglichst heterogene, raumpsychologisch konsumierbare Einheiten aufzuteilen.

STANDARD: Das müssen Sie bitte erklären!

Grönlund: Zu große Räume, egal ob innen oder außen, machen Angst, denn sie wirken anonym und unpersönlich. Studien haben ergeben, dass in großen Parkhäusern beispielsweise mehr Kriminalität pro Stellplatz passiert als in kleinen, überschaubaren Garagen, die einen gewissen persönlichen Rahmen wahren. Das Gleiche gilt für Straßen und Plätze.

STANDARD: Und wie kann man eine Straße unterteilen?

Grönlund: Auf einer Metaebene unterteilt man sie, indem man in den Häusern ausreichend Fenster und Türen zum Straßenraum vorsieht. Das sind die Kommunikationsorgane, da wird man gehört und gesehen. Andere Möglichkeiten sind Kreuzungen, Spielplätze, Haltestellenbereiche und Bänke. Es braucht Abwechslung und viele unterschiedliche Charaktere. Wenn man das berücksichtigt, dann senkt das die Kriminalität.

STANDARD: Klingt einfach.

Grönlund: Ist es aber nicht. Ich habe schon bei der Erstellung etlicher Guidelines mitgewirkt. Und erstaunlicherweise ist unser Appell der Kleinteiligkeit und Heterogenität, den wir an Planer und Investoren richten, so ziemlich das Gegenteil davon, was seinerzeit die Moderne propagiert hat.

STANDARD: Sie meinen die Charta von Athen?

Grönlund: Ja, vor allem die! Die Charta von Athen, die beim Congrès international d'architecture moderne (CIAM) 1933 verfasst wurde und an der sich so namhafte Architekten wie Walter Gropius oder Le Corbusier beteiligt hatten, hat durch ihre propagierte Trennung von Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Verkehr - das wage ich zu behaupten - langfristig die europäische Stadt ruiniert. Aus soziopsychologischer Sicht sind die Forderungen der Moderne eine Katastrophe. Mit den Folgen haben wir bis heute zu kämpfen. Ich denke da nur an überdimensionierte Wohnsilos, an Schlafstädte und ihre bis heute anhaltenden kriminologischen Folgen. Da ist vieles wiedergutzumachen.

STANDARD: Gibt es bereits Statistiken über den Erfolg von CPUDP?

Grönlund: Die kausale Zusammenführung von Architektur, Stadtplanung und Kriminalität ist ein junges Forschungsgebiet. Bislang ist nur wenig dokumentiert. Ein kleines Beispiel: In Großbritannien haben wir Einfamilienhäuser - wo die meisten Einbrüche erfolgen, indem die Einbrecher auf der Rückseite des Hauses einsteigen - mit versperrbaren Gartentüren zwischen Vorgarten und Backyard ausgestattet. Die Kriminalität ist drastisch zurückgegangen. Statistisch betrachtet hat sich die Investition der Bewohner bereits nach nur einem Jahr amortisiert.

STANDARD: Die eingezäunte Stadt - die Zukunft, in der wir leben wollen?

Grönlund: Auf keinen Fall! Zäune, Mauern und Gated Communities sind so ziemlich das Gegenteil von dem, wofür ich mich mit meiner Arbeit einsetze.

STANDARD: Was ist Ihre Vision?

Grönlund: Meine Vision lautet Differenzierung. Es geht darum, in der Architektur und Stadtplanung nicht nur das ideale Sozialverhalten zu berücksichtigen, wie dies in der Moderne der Fall war, sondern auch extreme, abnormale Verhaltensweisen. In gewisser Weise ist bauliche Kriminalprävention eine Optimierung für jeden. Der eine profitiert durch Sicherheit und mehr Qualität im städtischen Freiraum, der andere durch eine Reduktion verführerischer krimineller Reize. (DER STANDARD, 2.7.2014)


Bo Grönlund (72) studierte Architektur und arbeitete zunächst als Stadtplaner. Heute leitet er ein eigenes Beratungsunternehmen und erstellt Konzepte für Sicherheit im städtischen Raum, u. a. für Stadtregierungen, für den Nordic Counsel of Ministers sowie für die EU. Er ist Mitglied der CPUDP Association und Autor internationaler Safety-Guidelines.

  • Dunkelheit und  große Räume und Flächen in der Stadt machen nicht ohne Grund Angst.
    foto: darrell sapp/zuma press/corbis

    Dunkelheit und große Räume und Flächen in der Stadt machen nicht ohne Grund Angst.

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