Wie das Burgtheater unter Beobachtung in den Graben stürzte 

2. Juli 2014, 17:31
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Aufsichtsrat forderte erst Ende 2013 Ertragsanalyse 

Der "Angermair-Bericht" zur Causa Burgtheater beschäftigt sich auch mit der Verantwortung des Aufsichtsrats des Theaters. Die Kontrollore kommen recht gut weg, hätten bis Ende 2013 "wohl keine Kenntnis" vom "mangelhaften Rechnungswesen" und "nicht vorhandenen Internen Kontrollsystem (IKS)" gehabt. Von den Liquiditätsproblemen der Burg habe der Aufsichtsrat im Jänner 2010, also "relativ früh" erfahren. Ob er in der Folge Sorgfaltspflichten verletzt hat, lasse sich anhand der vorhandenen Unterlagen aber nicht beurteilen.

Jurist Thomas Angermair und Kollegen stützen sich dabei auf eine andere Expertise: den "Due-Diligence-Bericht" der Kanzlei CMS Reich-Rohrwig Hainz von Februar 2014. CMS hat im Auftrag des Burg-Aufsichtsrats geprüft, was der Burg-Aufsichtsrat "von den Geschehnissen" wusste. Sorgfaltspflichtverletzungen des Gremiums unter Bundestheaterholdingchef Georg Springer (bis April 2014) werden darin nicht festgestellt. Aus den Sitzungsprotokollen erschließt sich, wie die Kontrollore informiert wurden - und ob und wie sie reagierten.

Sitzungsprotokolle

Am 27. Jänner 2010 berichtet Wirtschaftsprüfer PwC über den Jahresabschluss 2008/2009. "PwC gibt 'ein sehr positives Urteil' über das Unternehmen ab und bestätigt, dass das IKS 'umfassend und erfolgreich implementiert' ist. Das Rechnungswesen bzw. das (...) Zahlenwerk sei in einem 'transparenten und gut strukturierten Zustand'", heißt es im Protokoll. Die Geschäftsführung berichtet allerdings bereits über die "angespannte Situation in der Liquidität" - ohne Zahlen zu nennen. Die kaufmännische Burg-Chefin Silvia Stantejsky kündigte an, die Spielzeit 2009/10 werde die Burg "noch ausgeglichen" abschließen. Drei Monate später wird der Aufsichtsrat informiert, dass man rund eine Million Euro einsparen müsse; die Burg-Chefs versprechen einen "Maßnahmenkatalog". Ob der erarbeitet und vorgelegt wurde? Ist nicht zu eruieren.

Grimmiger wird es Mitte 2010, als Springer von einem "bedenklichen Minus" im Cashbestand von 9,5 Millionen berichtete. Das sei aber "nur eine Momentaufnahme", die sich bessern werde. Dass der Burg-Kontostand mit fünf Millionen Euro im Minus liege, lässt den "besorgten" Aufsichtsrat zwar nach Gegenmaßnahmen fragen, Antwort darauf findet sich aber keine.

Apell an alle

Noch heißer wird es im Oktober 2010. Aufsichtsratschef Springer spricht "von einer schwierigen Situation in finanzieller Hinsicht für den Konzern" (Burg, Staats- und Volksoper unter der Holding) und "hohem zusätzlichen Finanzbedarf" wegen steigender Personalkosten. Die Burg brauche 7,5 Millionen Euro, weswegen letztlich der Überziehungsrahmen bei der Bawag um 7,5 Millionen erweitert wurde.

Fortan spitzte sich die Lage zu. Die Prognosen zur Liquiditätslage schwankten zwischen Plus und Minus, was laut Due Diligence "unter Umständen auf mangelnde Planungsgenauigkeit schließen" ließ. Und keine Folgen zeitigte.

Im Juni 2012 "appelliert" Springer an alle, "die dramatische Finanzierungssituation bewusst wahrzunehmen", der Aufsichtsrat diskutiert die Dringlichkeit (...) der Finanzierungsprobleme". Anfang 2013 berichtet der neue Wirtschaftsprüfer KPMG erstmals über die Abschreibungsproblematik bei den Produktionen - und weist auf ein "nicht unwesentliches Liquiditätsrisiko" hin. Erst in den nächsten Sitzungen fordern die Kontrollore "konkrete Lösungsvorschläge für die Situation".

Ums Ganze

Im Herbst 2013 geht es dann ums Ganze, "der Spielbetrieb ist nicht mehr gewährleistet". Mittels "Notfallplan" hofft man, den Spielbetrieb bis Jänner 2014 aufrechterhalten zu können. Erst jetzt verlangt der Aufsichtsrat eine Analyse zur Ertragssituation des Burgtheaters. Der Verlust 2012/13 lag dann bei fast 20 Millionen Euro. (gra, DER STANDARD, 3.7.2014)

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