Rudolf Fußi: "Aber ja, die digitale Psychiatrie gibt es"

Interview3. Juli 2014, 05:30
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140 Zeichen reichen!? Social-Media-Experte Rudolf Fußi über Politik am virtuellen Stammtisch, Tücken sozialer Medien und den Zusammenhang von Shitstorm und Kühen. Ein Twitterview

@derStandardat: Für Ministerin Heinisch-Hosek war ihr Social-Media-Auftritt verhängnisvoll. Hymnen-Shitstorm. Wie wichtig sind soziale Medien für Politiker?

@rudifussi: Wichtig, weil man damit Zielgruppen ansprechen kann, die man über andere Kanäle nur schwer erreicht.

@derStandardat: Der klassische, "alte" Weg, Wähler anzusprechen, war: TV, Radio, Zeitung, Plakat. Social Media - das moderne Bierzelt?

@rudifussi: Eine Art virtueller Stammtisch. Dazu kommt noch ein gewisser Multiplikatoreneffekt, weil auf Twitter viele Journalisten aktiv sind.

@derStandardat: Aber welche ernstzunehmende politische Botschaft ist denn in 140 Zeichen auf Twitter zu formulieren?

@rudifussi: Gegenfrage. Welche ernstzunehmende politische Botschaft haben Faymann und Spindelegger in hunderten Stunden Medienarbeit postuliert?

@derStandardat: Erarbeiten wir einen kleinen Social-Media-Knigge für Politiker. Ihr wichtigster Rat an Social-Media-Novizen?

@rudifussi: Wenn du nicht bereit bist, auf Augenhöhe zu kommunizieren, dann lass es und bleib bei deiner monologartigen Verlautbarungskommunikation.

@derStandardat: Müssen Politiker im Jahr 2014 in sozialen Netzwerken aktiv sein? Oder reicht aktiv sein lassen, z. B. das Presseteam?

@rudifussi: Politiker müssen sich 2014 erklären. Warum sie das tun, was sie tun. Soziale Medien sind ein Weg. Selbst nichts zu tun, ist zu wenig.

@derStandardat: Was sind die wichtigsten Don'ts bzw. absolute No-Gos in Social-Media-World?

@rudifussi: Die Interaktion verzeiht keine Lügen und keine platten Botschaften. Social Media ist die härteste, direkteste Feedbackschleife, die es gibt.

@derStandardat: Stichwort Shitstorm: Was hat Heinisch-Hosek falsch gemacht mit ihrer Facebook-Nummer gegen Andreas Gabaliers Bundeshymnenversion?

@rudifussi: Oberlehrerhafter Text. Nicht vorhandene Krisenkommunikation. "Was findet ihr schlimm dran, dass Frauen Teil der Hymne sind?" hätte gereicht.

@derStandardat: Aber warum sollte sie sich irgendwelchen Erwartungen der Community vorauseilend anpassen und lieb und nett sein, nur damit's nicht stürmt?

@rudifussi: Geht nicht ums Liebsein. Hymnen-Diskussion ist ja nur ein Symptom, Ursache ist eine tiefe Kluft zwischen Politik und Bevölkerung.

@derStandardat: Etwas über 18.300 Facebook-Kommentare sind im Vergleich zu knapp 6,4 Millionen Wahlberechtigten aber eine echte Mini-Gruppe ... laut halt.

@rudifussi: Ich warne davor, das zu unterschätzen. Die Gruppe jener, die "nur" lesen und nichts kommentieren, ist um ein Vielfaches größer. Reichweite!

@derStandardat: Heinisch-Hosek hat sich die Finger am Facebook verbrannt. Wie steht's um Twitter? Noch riskanter, weil schneller und nur 140 Zeichen?

@rudifussi: Wenn man authentisch, inklusiv, angstfrei und auf Augenhöhe kommuniziert, kann wenig schiefgehen. Andrä Rupprechter macht das ganz gut.

@derStandardat: Sein "Who the hell is Cameron"-Tweet wurde schnell als potenzieller "Highway to hell"-Sager wieder gelöscht. Gut gemacht oder peinlich?

@rudifussi: Ich fand das erfrischend ehrlich. Geradezu ein Lichtblick in dieser Welt voll einheitsbreiartiger Kommunikationsdiarrhöe.

@derStandardat: FPÖ-Chef Strache ist Social-Media-"Topseller". Was macht er richtig - oder nicht falsch?

@rudifussi: Er bindet ein und bedient eine Erwartungshaltung. Er ist bei Wahlen bei Arbeitern klare Nummer eins und folglich auch am virtuellen Biertisch.

@derStandardat: Wie steht's generell um die Social-Media-Kompetenz der österreichischen Parteien bzw. Politiker?

@rudifussi: Grüne+Neos machen das gut. Bei den Großparteien ist mehrheitlich eine Verweigerungshaltung auszumachen.

@derStandardat: Lieber verweigern, als in virtuelle Gefahrenzone begeben? Oder wahltaktischer Fehler?

@rudifussi: Ja, sie kommunizieren im geschützten Bereich. Wahltaktisch? SPÖ braucht bei sinkender Wahlbeteiligung eh nur Pensionisten. Bei VP ähnlich.

@derStandardat: Im Netz geht's oft wüst zu. Was tun gegen notorische Pöbler und Quartalsirre? Ignorieren, gnadenlos wegmoderieren oder als Fanal lassen?

@rudifussi: Ignorieren oder sperren. Ich vertraue auch auf eine gewisse Selbstreinigungskraft der Userschaft. Aber ja, die digitale Psychiatrie gibt es.

@derStandardat: Jedes Gewitter endet irgendwann, dann ist die Luft rein. Was bleibt vom "Shit"-Sturm?

@rudifussi: Es kann eine nachhaltige Beschädigung bleiben oder es kann folgenlos sein. Wir wissen aber von Kühen, dass Sch**** trocknet und abfällt. :-)

@derStandardat: Welche Lehren sollten Social-Media-aktive Politiker aus den Bundeshymnenvorfällen im Netz ziehen?

@rudifussi: Kommunikation ist nur Symptom, Ursache ist schlechte Politik, die auf Machterhalt fokussiert. Kurz: Sie sollen endlich ihren Job machen.

@derStandardat: Die Netz-Community pocht gern auf die "Demokratie" im Netz. Wie kann man die Umgangsformen dort verbessern?

@rudifussi: Wer nicht an Diskussion interessiert ist und herumpöbelt, wird auch keine Antwort kriegen. An "Hasspostern" und Idioten wird's nie mangeln.

@derStandardat: Und Sie als "heavy user" mit 40.700 Tweets seit 2011 - immer gesittet und im Schönsprech-Modus unterwegs?

@rudifussi: Nein, ich bin schon ein "pain in the ass" zeitweise und überschreite hin und wieder die Grenze des guten Geschmacks. Real und online.

@derStandardat: Also schon Tweets gelöscht und auf die Gnade des Vergessens in Twitter-Land hoffen müssen?

@rudifussi: Ja, auch schon Tweets gelöscht. Auf Gnade kann jemand wie ich nicht hoffen, und das finde ich verdammt richtig so.

@derStandardat: Alles gesagt? 140 Zeichen reichen? Oder dürfen's 140 Bonus-Zeichen extra sein?

@rudifussi: Wünsche mir Politiker, die tun, wovon sie überzeugt sind, und Berater wie mich nicht brauchen. Das wäre schlecht für mich, aber gut fürs Land. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 3.7.2014)

Rudolf Fußi (35), Gründer und Geschäftsführer der Kommunikationsagentur "Mindworker", berät Unternehmen und politische Organisationen, arbeitet zurzeit an der Entwicklung des Österreich-Projekts der "NZZ" mit, war 2002 Initiator des Anti-Abfangjäger-Volksbegehrens. Bloggt auf rudifussi.at.

  • Seit 2013 findet sich der "Shitstorm" auch im Duden: "Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht".
    foto: dpa / jens kalaene

    Seit 2013 findet sich der "Shitstorm" auch im Duden: "Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht".

  • "Die Interaktion verzeiht keine Lügen, keine platten Botschaften. Social Media ist die härteste, direkteste Feedbackschleife", sagt Kommunikationsexperte Rudolf Fußi.
    foto: apa/neubauer

    "Die Interaktion verzeiht keine Lügen, keine platten Botschaften. Social Media ist die härteste, direkteste Feedbackschleife", sagt Kommunikationsexperte Rudolf Fußi.

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