Messi gegen Schweiz an- und abwesend

Analyse2. Juli 2014, 14:36
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Die Strukturanalyse der Partie Argentinien - Schweiz dokumentiert eine auf asymmetrischen Spielanlagen beruhende Neutralisierung

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foto: fasresearch

Auf beiden Seiten der Begegnung zwischen Argentinien und der Schweiz erhielt die Verhinderung gegnerischer Entfaltung über weite Strecken den Vorzug gegenüber dem Bemühen um Lösungen.

Deutlich zu unterscheiden waren die Teams jedoch in ihren Strategien. Argentinien praktizierte Dominanz über Ballbesitz und intensive Binnenzirkulation, was sich an den ausgeprägten Beziehungsstrukturen in der Viererkette und zum zentralen Mittelfeld erkennen lässt. Die Schweizer suchten ihr Heil in einer profunden Absicherung des potenziellen Gefahrenherdes namens Messi und einer generell lauernden Spielanlage, die in Behrami den Mann fürs Grobe (sie Zweikampfnetzwerk), in den an diesem Abend oft indisponierten Inler die Umschaltstelle und in Shaqiri den geradezu manisch irrlichternden Zauberlehrling fand.

Offensiv fanden die Schweizer bei weitem nicht jene Räume zur spielerischen Entfaltung vor, wie sie etwa die deutsche Defensive tags zuvor den Algeriern gewährte. Trotz durchaus vergleichbarer kämpferischer Intensität unterschied sich die Begegnung zwischen Argentinien und Schweiz vom bisher vielleicht spektakulärsten Schlagabtausch der WM durch konsequente Ereignisarmut vor den jeweiligen Strafräumen.

Das vielbeschworene Phänomen Messi lässt sich netzwerkanalytisch als eine Art "anwesende Abwesenheit" fassen. Denn auch in jenen Spielzügen, an denen er nicht partizipierte, schien er zumindest in den Köpfen seiner Mitspieler als Option stets präsent zu sein. Im Spielaufbau ergab sich dadurch ein paradoxes Szenario – so als würde das Team gleichzeitig immer mit einem Mann mehr und einem weniger agieren. Kompensiert wurde dieses numerische Dauerprekariat durch einen um solide Verknüpfung von Breite und Tiefe bemühten Spielaufbau. Mascherano und Gago teilten sich diesbezüglich die Agenden an den zentralen Schaltstellen, während der offensiv orientierte Außenverteidiger Rojo und der auf den Flanken aktive Flügelstürmer Di Maria für vertikale Impulse sorgten. (Helmut Neundlinger/Umsetzung für derStandard.at: Florian Gossy und Markus Hametner - 2.7.2014)

DIE ANALYTIKER: FASresearch mit Sitz in Wien und Brüssel war bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 sowie bei der EM 2008 und 2012 im Einsatz und beobachtet exklusiv für den Standard auch Österreichs Qualifikationsspiele. Team: Ruth Pfosser, Helmut Neundlinger, Wolfgang Streibl, Harald Katzmair, Agnes Chorherr und Andreas Scheicher.

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