Was die Umgebung mit dem Denken macht

3. Juli 2014, 18:03
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Forschungsplattform für Kognitionswissenschaften widmet sich optimalen Arbeitsräumen und Museen

Wien - Gebäude zu schaffen, in denen der Geist nur so sprüht und die Ideen sprießen wie von selbst: Das ist das Ziel des Konzeptes namens "Enabling Spaces", zu Deutsch so etwas wie "Ermöglichungsräume". Es gilt dabei, Produktionshallen genauso wie Großraumbüros so zu gestalten, dass sie nicht nur technisch und architektonisch optimiert sind, sondern auch kulturelle, emotionale, soziale und die spezifischen organisatorischen Bedürfnisse mitberücksichtigen.

"Wir fragen uns: Wie kommt das Neue in die Welt? Und wie kann man räumliche Strukturen so designen, dass sie bei Innovationsprozessen hilfreich sind?", schildert Markus Peschl. Der Kognitionswissenschafter und Wissenschaftstheoretiker ist einer der Leiter der Forschungsplattform Cognitive Science der Uni Wien. Vergangene Woche stellte sich die seit 2011 bestehende fachübergreifende Initiative bei einer Veranstaltung im Wissenschaftsministerium vor. Bei Kognition handle es sich um sämtliche Phänomene im Alltag, die mit Geist und Gehirn zu tun haben, erklärte der Co-Leiter der Forschungsplattform, der Psychologe Helmut Leder. "Dazu zählen Planen, Denken, Bewusstsein, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Fühlen, Lernen, Hineinversetzen", zählt Leder auf.

"Kognition passiert aber nicht nur im Kopf", betont Peschl, "sondern auch in Interaktion mit der Umwelt. Wir denken in und mit der Umwelt." Dieser umfassende Ansatz führt auch zu ganz konkreten Anwendungen. Derzeit entwickelt Peschl etwa in einer wissenschaftlichen Kooperation mit den Innovationsarchitekten theLivingCore ein   Konzept für ein Innovationszentrum eines Pharmakonzerns. In einem EU-Projekt wird außerdem erforscht, wie Cockpits gestaltet sein müssen, um in kritischen Situationen die bestmöglichen Lösungsstrukturen vorzufinden.

Eine Art Ermöglichungsraum soll auch die Cognitive-Science-Research-Plattform sein - um die Proponenten der hierzulande noch jungen Kognitionswissenschaften zu bündeln und dadurch neuen Ideen und Projekten an den Start zu verhelfen. Entstanden aus der Kybernetik-Bewegung der 1950er-Jahre, vereinen die Kognitionswissenschaften heute so unterschiedliche Disziplinen wie Biologie, Psychologie, Philosophie, Neurowissenschaften und Linguistik. Dementsprechend werden naturwissenschaftliche mit geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Methoden verknüpft.

Drei Jahre verlängert

Drei Jahre nach der Gründung wurde die Plattform, an der sechs Fakultäten beteiligt sind, nun für weitere drei Jahre verlängert. Immerhin wurden aus einem "Startkapital" der Uni Wien in Höhe von 300.000 Euro rund 2,2 Millionen an Drittmitteln eingeheimst, unter anderem beim Wissenschaftsfonds FWF und der Forschungsförderungsgesellschaft FFG. Ziel für die kommenden Jahre sei es, Wien als "Hotspot der Kognitionswissenschaften" zu etablieren und engere Kooperationen mit der Veterinärmedizinischen Universität, der Wirtschaftsuni, der TU oder auch dem Kunsthistorischen Museum aufzubauen, sagt Peschl.

Ein Schwerpunkt von Helmut Leder ist auch die Kunstwahrnehmung. Gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Raphael Rosenberg erkundet Leder in einem vom Wiener Technologiefonds WWTF geförderten Projekt die Grundlagen des ästhetischen Erlebens. Mithilfe von Eyetracking, also der Verfolgung der Augenbewegungen, analysieren die Wissenschafter die kognitiven Prozesse beim Betrachten von Kunstwerken.

In einer eben erst im Magazin PlosOne veröffentlichten Studie zeigte sich, wie sehr die ästhetische Wahrnehmung von der Umgebung abhängig ist: So nahmen sich Versuchspersonen in einem Museum länger Zeit, um vieldeutige Bilder anzusehen, als Personen, die die Bilder im Labor betrachten. Außerdem sollen die Unterschiede bei der Wahrnehmung zwischen Männern und Frauen sowie zwischen Vertretern verschiedener Kulturen ausgelotet werden.

Ein weiterer Schwerpunkt widmet sich den kognitiven Fähigkeiten von Tieren - um Rückschlüsse auf die Evolution der menschlichen Intelligenz zu ziehen. (kri, DER STANDARD, 2.7.2014)

  • Wie man über ein Bild denkt und wie lange man es betrachtet, hängt auch von den Räumlichkeiten ab.
    foto: apa/epa

    Wie man über ein Bild denkt und wie lange man es betrachtet, hängt auch von den Räumlichkeiten ab.

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