Argentiniens Di Maria brach den Bann

1. Juli 2014, 21:06
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Die Schweiz verabschiedet sich hoch erhobenen Hauptes erst nach der Verlängerung vom brasilianischen Turnier. Die Argentinier mussten alles ins Zeug legen. Angel di Marias Tor knapp vor Ende der Verlängerung war der karge Lohn

São Paulo – Ottmar Hitzfeld, einer der erfolgreichsten Trainer überhaupt, geht also doch schon in Pension. Zuvor aber legte er Vladimir Petković, seinem Nachfolger als Nationalcoach der Schweizer, eine ziemlich hohe Latte. Denn dem 1:0 von Angel di Maria in der 118. Minute ging im WM-Achtelfinale am Dienstag ein beinharter, lange Zeit unentschieden hin- und herwogender Kampf mit Argentinien voraus, der erst mit dem Schlusspfiff in der 123. Minute zu Ende war. Argentinien war zwar vorgewarnt durch die Schweizer Leistungen in der Vorrunde, schien aber doch überrascht von der Qualität und Kampfkraft des Gegners – von der Kampfkraft ganz besonders.

Die reguläre Spielzeit verlief durchaus nach der Eidgenossen Plan. Die Albiceleste, dank Lionel Messi durch die Vorrunde beinahe getänzelt, wusste um der Schweizer Widerborstigkeit. Trainer Alejandro Sabella ließ die so stolzen Offensivkünstler sich auch defensiv verdingen. Selbst Messi war ab und zu hinter der Mittellinie zu sehen.

Das hatte freilich einen ziemlich spieltötenden Grund: Dort bot Taktiker Hitzfeld den Kampf der tausend Nadelstiche an. Und weil der schwedische Schiedsrichter Jonas Eriksson von Anfang an eine hohe Schnalztoleranzgrenze zeigte, ging es dort auch recht ordentlich zur Sache.

Allfällige Vorstöße der Argentinier wurden nicht im, sondern knapp nach dem Ansatz unterbunden, was vor allem Angel di Maria mehrmals zu spüren bekam. Umgekehrt war man aber auch kein Kind von Traurigkeit. Eriksson lieferte damit ein ganz gutes Beispiel dafür, dass anfängliche Zurückhaltungen bei Gelben Karten und zeitweiliges Laufenlassen eine flotte Partie eher verhindern als fördern.

Torchancen waren ausgesprochen selten. In Halbzeit eins gab es bei Argentinien gar keine, Messi, Di Maria und Gonzalo Higuaín scheiterten nicht bei, sondern jeweils kurz vor einer Chance.

Anders die Schweizer. Die konnten ihr gut geschultes Ruckzuck nach Balleroberung umsetzen, kamen aber im Grunde auch nur zu zwei echten Möglichkeiten. In der 17. Minute legte nach einem Corner Xherdan Shaqiri dem auf dem Elfer wartenden Granit Xhaka auf. In der 39. Minute lief der erst 21-jährige Josip Drmic einen perfekten Konter, der nur deshalb nichts wurde, weil Drmic durch die geradezu Mr.-Bean-artigen Bewegungsmuster des argentinischen Goalies Sergio Romero zu überrascht war.

Romero wollte den Konter auf Neuer-Manier, also außerhalb des Sechzehners, parieren, bekam dann aber doch Angst vor der eigenen Courage, lief zurück. Und Drmic, entgeistert darob, schupfte ihm den Ball in die sonst auch noch mehrmals deutlich ungeschickten Hände.

Es war insgesamt ein taktisch diszipliniertes, nicht neutrales, sondern neutralisierendes Spiel, das erst eine leichte Schlagseite Richtung Schweiz hatte. Dann übernahm Argentinien aber das Kommando. Solche Umgewichtungen geschahen jedoch nur im Millimeterbereich.

Und so ging es – zum vierten Mal in diesem Achtelfinale – in die Verlängerung, wo Krampf keine Metapher mehr war. Einen Schweizer Ballverlust im Mittelfeld nutzte Messi zu einem allerletzten Sprint. Di Maria spielte den zu Ende. Stephan Lichtsteiner, der Ballverlierer, war "klarerweise enttäuscht". Anderserseits aber auch "stolz, wir haben ein hervorragendes Match gespielt". Ottmar Hitzfeld, dessen Bruder in der Nacht auf Dienstag an Leukämie verstarb, gratulierte zu einer "großartigen Leistung. Ich bin stolz auf diese Mannschaft." (wei, DER STANDARD, 2.7.2014)

WM-Achtelfinale, Dienstag

Argentinien - Schweiz 1:0 n.V. (0:0)
Sao Paulo, Arena Corinthians, 63.255 Zuschauer, SR Eriksson (SWE)

Tor: Di Maria (118.)

Argentinien: Romero - Zabaleta, F. Fernandez, Garay, Rojo (105. Basanta) - Gago (106. Biglia), Mascherano, Di Maria - Messi, Higuain, Lavezzi (74. Palacio)

Schweiz: Benaglio - Lichtsteiner, Djourou, Schär, Rodriguez - Behrami, Inler - Xhaka (66. Fernandes), Shaqiri, Mehmedi (113. Dzemaili) - Drmic (82. Seferovic)

Gelbe Karten: Rojo, Garay bzw. Xhaka, Fernandes

  • Angel di Maria beendet es böhmisch.
    foto: ap/fernandez

    Angel di Maria beendet es böhmisch.

  • Die Schweiz hat das Nachsehen.
    foto: apa/epa/moreira

    Die Schweiz hat das Nachsehen.

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