Waluliso: Love und Peace und FKK

2. Juli 2014, 05:30
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Zum 100. Geburtstag des Wiener Friedensaktivisten und Politikerschrecks

Wien - Wäre Waluliso ein Kind der jetzigen Zeit, hätte er wohl Millionen von Likes auf Facebook, müsste aber auch so manchen Shitstorm auf Twitter über sich ergehen lassen. Was ihm vielleicht egal wäre, weil er in seiner lockeren Toga ohnehin keine Tasche für so etwas wie ein Smartphone hatte und in Händen (fast) immer Apfel und Hirtenstab hielt. Derart ausstaffiert, geschmückt außerdem noch mit einem Olivenkranz, zog er jahrelang als Friedensaktivist, Politikernervensäge und Touristenattraktion durch Wien. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden.

Am 2. Juli 1914, nur vier Tage nach dem Attentat auf Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo, kam in Wien-Ottakring Ludwig Anton Weinberger zur Welt. Der Wickerl, wie man ihn später auch nannte, wuchs in seinen ersten Jahren nicht nur im Krieg, sondern auch in ärmlichen Verhältnissen und zum Teil im Heim auf. Vielleicht predigte Weinberger deshalb viele Jahre seines Lebens den Frieden und den Verzicht auf materiellen Überfluss.

Irgendwann um seinen sechzigsten Geburtstag nahm der gelernte Buchbinder, der aber die meiste Zeit als Knecht und Schildermaler tätig war, den Fantasienamen Waluliso an. Es ist ein Initialwort, gebildet aus den jeweils ersten beiden Buchstaben der Begriffe Wasser, Luft, Licht, Sonne. "Ich bin der Botschafter des Friedens", ließ Waluliso Passanten auf dem Stephansplatz wissen, anderen schrie er auf dem Graben oder am Naschmarkt "Friede auf Erden!" hinterher.

Yassir Arafat und Lady Di

Bereits in den 1970er-Jahren sammelte der passionierte Nacktbader zehntausende Unterschriften für den Erhalt der Donauinsel und der Lobau als Naherholungsareal - und des dortigen FKK-Bereichs. Bei Staatsbesuchen der Protagonisten des Kalten Kriegs in Wien demonstrierte er oft an vorderster Friedensfront für eine Abrüstung.

Er schüttelte Yassir Arafat und Eduard Schewardnadse die Hände, auch Prinz Charles und Lady Di. Der damaligen Bürgermeister Helmut Zilk bescherte Waluliso sogar Auslandsauftritte vor dem Weißen Haus in Washington, auf Moskaus Rotem Platz und vor der Berliner Mauer.

Später sprach Zilk aus, was viele über den Friedensengel, der auch kräftig schimpfen konnte, dachten: "Je populärer er wurde, desto schwieriger war es ja mit ihm. Am Anfang war es nur eine Rolle, dann eine Sendung, am Schluss hat er sich als Guru gefühlt."

Wickerl Weinberger starb am 21. Juli 1996 in Wien. Sein selbsterworbenes Grab auf dem Zentralfriedhof erinnert an ihn. Und die Walulisobrücke, ein Pontonsteg über die Neue Donau auf "seine" Donauinsel. (mcmt/simo, DER STANDARD, 2.7.2014)

Ansichtssache auf: derStandard.at/Panorama

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