Der Historiker als Fiebermesser

3. Juli 2014, 18:29
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Bernhard Thonhofer erforscht das Lebensgefühl der Grazer im Kriegssommer 1914

Das Gefühl der Unsicherheit bringt auch ein Bedürfnis nach Solidarität hervor - und die Abwehr von Kritik. So war es auch kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als in Österreich schon die geringste Kritik an diesem Unterfangen mit beträchtlicher Aggression geahndet wurde. "Deshalb wagte es auch kaum jemand, sich offen gegen den Krieg auszusprechen", ist der Grazer Zeithistoriker Bernhard Thonhofer überzeugt.

Die Zweifel und Ängste vor allem der "kleinen Leute" bahnten sich dennoch ihren Weg: Sie zeigten sich als Kritik an den steigenden Lebensmittel- und Mietpreisen, in Form von Hamsterkäufen, als Angst vor Verwundung und Tod und immer wieder in den blutigen Zusammenstößen zwischen Soldaten und Zivilisten. Anzeigen aufgrund von Verbaldelikten standen auf der Tagesordnung. Wer es im angeheiterten Zustand lustig fand, die Serben statt die Österreicher hochleben zu lassen oder die Wacht am Rhein nicht mitsingen wollte, brachte sich in echte Gefahr.

Für seine Dissertation über die Stimmung in der Grazer Bevölkerung während der ersten vier Kriegsmonate durchforstet der 29-Jährige alle verfügbaren Quellen: Zeitungen, Akten und Verordnungsblätter, Gesetzestexte und Vereinspublikationen. Sein vorläufiges Fazit: "Der Topos einer umfassenden Kriegsbegeisterung muss entlang mehrerer Parameter wie Alter, Geschlecht, Schicht etc. relativiert werden. Es gab ein breit gefächertes Stimmungsgeflecht, in dem kriegsaffirmative und nicht kriegsaffirmative Momente oft parallel verliefen."

Während es in Deutschland zu großen Demonstrationen gegen den Krieg kam, formierte sich weder in Graz noch in irgendeiner anderen österreichischen Stadt ein so breiter Widerstand. Immerhin war es die Monarchie, die auf dem Spiel stand, und die Ängste der Menschen waren offenbar nicht groß genug, um eine pazifistische Bewegung auszulösen. Welche tieferen Ursachen dies verhinderten und warum auch die Sozialdemokratie keinen Widerstand leistete, will der Nachwuchsforscher in seiner umfangreichen Arbeit - bis jetzt sind es schon 350 Seiten - noch genauer analysieren.

Den Abschluss seiner Dissertation, aus der auch ein Buch hervorgehen soll, hat Thonhofer für das nächste Jahr geplant. "Heuer würde meine Publikation in der Flut der Texte zum Ersten Weltkrieg sicher untergehen", sagt er. Es steht ihm also noch ein Sommer in den Archiven bevor.

Und wie soll es beruflich weitergehen, wenn er das lange gehegte Geisteskind aus seiner Obhut entlässt? "Mein Ziel war lange eine wissenschaftliche Laufbahn", bekennt der geborene Linzer. "Mittlerweile sehe ich die Chancen auf so eine Tätigkeit aber realistischer und fahre auf Sicht. Ich werde mich deshalb auch im Kulturbereich umsehen."

Neben seiner Leidenschaft für die Zeitgeschichte und die belletristische Literatur hat Thonhofer übrigens auch eine starke Neigung zur Musik - insbesondere zum Progressive Rock, den er mit seiner Gruppe Mischmaschine auf der Gitarre und dem Klavier auch selbst produziert. "Wir machen aber keine Wohlfühlmusik, und tanzen kann man dazu auch nicht", grinst er. Gefälligkeit ist für den jungen Historiker eben ein Kriterium, auf das er aus vollem Herzen pfeift - und zwar im eigenen Rhythmus. (Doris Griesser, DER STANDARD, 2.7.2014)

  • Bernhard Thonhofer: Historiker und Rockmusiker.
    foto: privat

    Bernhard Thonhofer: Historiker und Rockmusiker.

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