Folgenreiche Zahnschmerzen

1. Juli 2014, 18:11
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Péter Eötvös' Oper "Der Goldene Drache" an der Oper Frankfurt: Nach Roland Schimmelpfennigs gleichnamigem Stück entstanden, setzt sie auf surrealen Charme

Frankfurt - Ein Komponist wie Péter Eötvös schreibt seine Opern nicht für die Schublade, sondern für die Bühne. Und dort landen sie auch - avanciert, aber ohne esoterische Attitüde. Die Geschichten sind zumeist eng an literarische Vorlagen gebunden; vor allem seine Drei Schwestern (nach Anton Tschechow) haben längst einen Platz im Repertoire gefunden.

Als Auftragswerk der Oper Frankfurt und des Ensemble Modern hat er jetzt Roland Schimmelpfennigs (vor fünf Jahren im Wiener Akademietheater vom Autor selbst uraufgeführtes) Stück Der Goldene Drache zum Musiktheater geformt. Wohl weil der vielschreibende Erfolgsautor sein Stück selbst zum Libretto eingedampft hat, ist auch dessen besondere Melange aus hintergründigem Witz und Welthaltigkeit erhalten geblieben.

Dies betrifft zunächst den Text, den man im Bockenheimer Depot (einer originellen Nebenspielstätte der Oper Frankfurt) auch ohne Übertitelung Wort für Wort versteht. Mit seiner dezidierten Geste des Vorführens aller 18 Rollen durch die fünf Protagonisten entfaltet er allein schon den Charme eines ganz eigenen Sprachsounds.

Mit seiner Musik knüpft Eötvös in den auf neunzig Minuten verteilten 21 Szenen genau da an. In seinen wie Perlen aneinandergereihten Miniaturen scheint das Orchester an allen Enden gleichzeitig zu funkeln und die ariosen Aufschwünge einzurahmen. So entsteht ein mit Rhythmus grundiertes Parlando. Nach dem Auftakt, bei dem die 16 Musiker des Ensemble Modern ohne ihre Instrumente auf das Spielpodest von Hermann Feuchter klettern und mit allen erdenklichen Küchengeräten auch so eine Art Musik machen, übernimmt dann der Komponist vom Pult aus. Wie nebenbei erfährt man, wie Putzenmüssen oder Zahnschmerzen klingen können.

Ein kleiner Chinese

Erzählt wird die Geschichte des kleinen Chinesen, der illegal im China-Thai-Vietnam-Restaurant Der Goldene Drache arbeitet und schlimme Zahnschmerzen bekommt, aber den Arzt nicht rufen kann. Diese Studie aus den Hinterzimmern der Arbeitswelt dreht ins Surreal-Groteske ab, wenn ihm seine Landsleute den schmerzenden Übeltäter mit der Rohrzange ziehen und er dabei verblutet. Der Zahn landet in der Suppe einer Stewardess und tritt eine ebenso lange Reise an wie der tote kleine Chinese, den sie in den Fluss werfen - in der Hoffnung, er möge auf diesem Wege zurück nach Hause gelangen.

Wenn die Geschichte kippt, wird auch die Musik mit zunehmenden Anteilen fernöstlicher folkloristischer Elemente opernhafter und melancholischer - und dies auch mit einer betörend schönen und traurigen Abschiedsarie des kleinen Chinesen. Insgesamt unterläuft Eötvös die strukturelle Verfremdung des Textes durch eine wachsende emotionale Empathie für seine Akteure. Vor allem für den kleinen Chinesen.

Auch Regisseurin Elisabeth Stöppler baut mehr auf das Komödiantische und die Poesie der Geschichte und weniger auf ihre denkbaren politischen Implikationen. Hinter dem vollgerümpelten Spielpodest erhebt sich eine riesige Drachen-Collage aus dem Strandgut der Zivilisation. Sie vermag natürlich nach allen Regeln des atmosphärischen Zaubers zu funkeln, bis sie am Ende langsam in sich zusammensinkt.

Authentische Interpretation

Da der Komponist am Pult stand und die Koauftraggeber und -produzenten (das Ensemble Modern) vor ihm saßen, darf man von einer authentischen Interpretation dieser trotz aller Traurigkeit am Ende gemütserheiternden Musik ausgehen.

Die erstklassigen Protagonisten taten ein Übriges - ob nun Kateryna Kasper als "junge Frau" und "der Kleine", ob Hedwig Fassbender, die als "Frau über sechzig" und auch als "Enkeltochter" oder "Ameise" glänzte, oder das wunderbare Herrentrio aus Simon Bode, Hans-Jürgen Lazar und Holger Falk. Wobei sich keiner nehmen ließ, als Kellnerin oder als Stewardess zu glänzen. Frankfurt ist hier ein neues Musiktheater gelungen, das Freude macht und obendrein auch gute Aussichten auf ein langes Bühnenleben hat. (Joachim Lange aus Frankfurt, DER STANDARD, 2.7.2014)

  • Buntheit in optischer und musikalischer Form: "Der Goldene Drache" - das neue Werk des ungarischen Komponisten Péter Eötvös.
    foto: rittershaus

    Buntheit in optischer und musikalischer Form: "Der Goldene Drache" - das neue Werk des ungarischen Komponisten Péter Eötvös.


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