Die Friedensbewegung endete in der Wachstube

2. Juli 2014, 05:30
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Friedensbewegungen kamen in Österreich nach 1945 eher schaumgebremst daher. Dennoch waren sie vielfältig

Wien/Klagenfurt - "Natürlich", sagt Werner Wintersteiner, zähle auch die außergewöhnliche Persönlichkeit eines Waluliso, der heuer seinen 100. Geburtstag feiern würde, zur österreichischen Friedensbewegung. "Sein Apfel, diese Symbolik der Natur und diesen Frieden mit der Natur, den er verkörpert hat, war von einer schönen, schlichten, unpolitischen Menschlichkeit", sagt Wintersteiner, der das Zentrum für Friedensforschung und Friedenspädagogik an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt leitet. Der Wissenschaftler widmet sich unter anderem auch der Aufarbeitung der Geschichte der österreichischen Friedensbewegung nach 1945. Einer Bewegung, die alles andere denn homogen gewesen sei, sagt Wintersteiner.

Die Geschichte der österreichischen Friedensbewegung müsse im Plural gelesen werden, denn es handle sich um sehr viele, heterogene Bewegungen. Da gebe es den spirituellen Zugang eines Waluliso - nach dem Motto: Zuerst den Frieden in sich selbst finden, um ihn der Welt geben zu können. Dann die andere Position, die ein friedliches Zusammenleben nur unter optimalen gesellschaftlichen Strukturen sieht. Hier gehe es um eine klare Veränderung der politischen Machtverhältnisse.

Völlig andere soziale Träger

Wintersteiner: "Die Anti-Atom-Bewegungen in den 1950er-Jahren waren etwas ganz anderes als die Flower-Power-Hippie-Bewegung. Da haben wir völlig andere soziale Träger, letztlich auch mit unterschiedlichen Werten und Orientierungen."

In Österreich sei natürlich alles schaumgebremst dahergekommen. Auch deshalb, weil die großen Konflikte, die weltweit mit den Friedensbewegungen ausgetragen wurden, in Österreich nicht so zum Tragen gekommen seien. Österreich war neutral und aus dem Ost-West-Konflikt herausgenommen worden. In Österreich sei es eher nur zu Gesten der Solidarität mit internationalen Bewegungen gekommen. Etwa im Zuge der Wiederbewaffnung Deutschlands nach 1945, gegen die Neutronenbombe oder im Umfeld des NATO-Doppelbeschlusses, wo es um die Stationierung von Atom-Mittelstreckenraketen ging. Das habe in Österreich durchaus Ängste ausgelöst. Wintersteiner: "Da hat der Kampf gegen eine atomare Gefahr eine ganz reale, große Bedeutung auch für uns gehabt. Ebenso die Angst, dass in einer atomaren Konfrontation alle getroffen werden."

Manifest gegen die Wiederbewaffnung

Andere Konflikte sind in Österreich "voll ausgetragen" worden, etwa bei den Versuchen bestimmte Waffenarten wie Abfangjäger, oder den Aufbau eines österreichische Militärs zu verhindern. Letztes sei "eine sehr schwache, aber interessante Bewegung" gewesen, sagt Wintersteiner. Weil sich Schriftsteller wie H. C. Artmann sich engagiert hätten. Wintersteiner: "Artmann schrieb ein Manifest gegen die Wiederbewaffnung Österreichs, das poetisch sehr schön war. Dann hat es einen Demonstrationszug von glaube ich sieben Demonstranten gegeben. Er endete sofort in der Wachstube. Das literarische Manifest war interessant, hat aber keine soziale Wirkungen entfaltet."

In den Anti-Atom-Bewegungen rund um das geplante Atomkraftwerk Zwentendorf habe der Zukunftsforscher Robert Jungk die inhaltlichen Zusammenhänge zwischen Atomkraftwerken und der Atomwaffenforschung aufgezeigt. Und wie schwer absehbar diese Technologie sei, die zur Einschränkung von Bürgerrechten und gewissen Formen strukturelle Gewalt führe. "Dieser enge Konnex wurde hier in Zwentendorf thematisiert", sagt Wintersteiner.

Momentan sehe er kein Szenario für ein Wiedererstarken einer breiten Friedensbewegung. "Friedensbewegungen sind Wellenbewegungen, es gibt Momente einer großen, breiten Kraft aus dem Nichts heraus. Dazu bedarf es aber einer Fokussierung auf ein großes Thema. Das sehe ich zurzeit nicht."

Ökopazifistische Strömungen

Von den Friedensbewegungen hätten letztlich vor allem die Grünen durch die ökopazifistischen Strömungen profitiert, aber nicht nur sie. "In den Bewegungen der 1980er-Jahre waren sehr stark sozialdemokratische, die katholische und evangelische Jugend engagiert. Auch die junge ÖVP", sagt Wintersteiner.

Völlig neue Formen des Protestes, aber natürlich auch der Kommunikation hätten die neuen medialen Plattformen im Internet auch für die Friedensbewegungen erschlossen. Hier fänden durchaus reale Demonstrationen in einer neuen Öffentlichkeit statt. Man habe, sagt Wintersteiner, den Erfolg dieser neuen Protestebenen virtuell beobachten können: etwa bei den Aufständen in den Ländern des Arabischen Frühlings.

Die Friedensbewegungen haben auch in Österreich eine bunte, vielfältige Geschichte hinter sich. Eine große neue Bewegung ist momentan nicht in Sicht, sagt der österreichische Friedensforscher Manfred Wintersteiner. (Walter Müller, DER STANDARD, 2.7.2014)

  • Nicht nur die Grünen profitierten von den Friedensbewegungen nach 1945, sagt der Friedensforscher Werner Wintersteiner.
    foto: ap/villagran

    Nicht nur die Grünen profitierten von den Friedensbewegungen nach 1945, sagt der Friedensforscher Werner Wintersteiner.

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