Bewährte Namen und nur ja keine Provokation

1. Juli 2014, 18:00
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Bisher setzte die seit 1996 an wechselnden Orten stattfindende Manifesta auf künstlerischen Nachwuchs. Nun, in der St. Petersburger Eremitage, bricht Kasper König als Kurator mit der Tradition

St. Petersburg Gleichzeitig illustriert die Manifesta 10 einen Trend, der zuletzt gerade in Russland zu beobachten war: Nachdem zeitgenössische Kunst auch hier lange Zeit nach einer Ausweitung ihrer Grenzen strebte, wird nun eine Art geordneter Rückzug angetreten. Vordergründig wird dies mit repressiven russischen Gesetzen in Verbindung gebracht. In der Eremitage ist aber auch von einer Personalie die Rede: Beobachter spekulieren über eine für 2014 zu erwartende Pensionierung von Langzeitdirektor Michail Piotrowski durch das russische Kulturministerium. Allzu Kontroverses auf der Manifesta, so eine Befürchtung, könnte dazu führen, dass er durch einen radikalen Gegner zeitgenössischer Kunst abgelöst würde.

Kasper König verzichtet in seiner Hauptausstellung, die großteils im ehemaligen Gebäude des Generalstabs gezeigt wird, auf Titel und ein manifestartiges Thema. Er vermeidet Provokantes und setzt auf bewährte Namen: Bereits im Eingangsbereich präsentiert König eine Arbeit des Holländers Erik van Lieshout, der für seine Installation ein Kellergewölbe nachbaut und darin ein ironisches Doku-Video über mäusejagende Eremitage-Dienstkatzen zeigt.

Thomas Hirschhorn auch plastisch eindrucksvolle Installation Abschlag gilt bereits jetzt als zentrales Fotomotiv dieser Manifesta: Sie zeigt ein zur Hälfte eingestürztes Haus und gewährt Einblicke in nicht gänzlich zerstörte Zimmer, an deren Wänden Schlüsselwerke der russischen Avantgarde im Original prangen. Der Schweizer möchte dabei auf einst versteckte und nun wieder sichtbare Traditionen einer radikalen Kunst des frühen 20. Jahrhunderts verweisen.

Der Belgier Francis Alÿs, ebenso eine Größe im internationalen Kunstbetrieb, erfüllte sich mit der Manifesta gar einen linken Jugendtraum: In den 1970ern wollte er als Teenager aus der belgischen Provinz in die Sowjetunion aufbrechen. Sein fahrbarer Untersatz hatte damals jedoch bereits an der deutschen Grenze den Geist aufgegeben. Diesmal funktionierte es: Lada Kopeika Project dokumentiert gewitzt jene Reise, die mit einem inszenierten Unfall seines sowjetischen Lada im Innenhof des Winterpalais in St. Petersburg endet.

Interessant auch österreichische Positionen: Josef Dabernig, von dem gerade im Mumok eine Werkschau läuft, zeigt seinen Film River Plate mit Badeszenen aus dem Kanaltal, Otto Zitko hat mit roter Farbe Wände bemalt und aus gegebenem Anlass den Slogan "Nie wieder Krieg!" hinzugefügt. Maria Lassnig ist gar mit einer Miniretrospektive vertreten. Sie ist dabei eine von insgesamt elf verstorbenen Ausstellungsteilnehmern - ein Novum für die ehemalige Nachwuchsbiennale.

Selbstzensur

Die vorsichtige Kuratierung wird vor allem in der Auswahl postsowjetischer Kunst deutlich: König präsentiert zwar eine Maidan-Dokumentation des Ukrainers Boris Michajlow, doch dabei handelt es sich vordergründig um fotografische Porträts. Die Videoarbeit von Jelena Kowylina mutet dagegen nahezu als politisch opportun an: Die Russin hatte sich zuletzt als lautstarke Befürworterin der Krim-Annexion positioniert - die Verwendung einer patriotischen Hymne als Soundtrack lässt keinerlei Zweifel an ihrer großrussischem Haltung.

Einer Selbstzensur kommt die Reduzierung des 2013 verstorbenen Petersburger Künstlers Wladislaw Mamyschew-Monroe auf eine Dragqueen nahe: Der Monroe-Darsteller hatte sich in seinem Spätwerk zu einem der pointiertesten politischen Künstler des Landes entwickelt und in Fotos und Videos den Putin-Kult persifliert. Doch der russische Präsident bleibt in der Präsentation völlig ausgespart.

Auch im Eremitage-Hauptgebäude weicht der Kurator Risiken aus: Wohl aus Angst vor einem Gesetz, das "Propaganda" von Homosexualität sanktioniert, tragen Marlene Dumas Porträts berühmter schwuler Künstler aus Russland den unverfänglichen Titel Große Menschen. Eher uninspiriert hängt Gerhard Richters kanonisches Gemälde Ema (Akt auf einer Treppe) in einem Saal, der ohnehin permanent für Wechselausstellungen verwendet wird.

Kunstgestank

Als Störfaktor könnte sich lediglich Joseph Beuys' Installation Wirtschaftswerte erweisen: Wegen seines möglicherweise gesundheitsschädlichen Gestanks, der bei chemischen Zersetzungsprozessen von Margarine entsteht, probte das Aufsichtspersonal den Aufstand und bezeichnete die Arbeit Besuchern gegenüber als "Diversion".

Für Aufregung dürfte allerdings das von der polnischen Kuratorin Joanna Warsza konzipierte Manifesta-Begleitprogramm im öffentlichen Raum sorgen: Als die rumänische Künstlerin Alexandra Pirici zur Eröffnung Statisten am berühmten Reiterdenkmal von Peter dem Großen liegen ließ, wurden diese von einem Pensionisten gleich als "Missgeburten" beschimpft, die das Andenken eines "Zaren und Gottes" beleidigten.

Warszas Programm zeichnet sich auch sonst durch pointierte Interventionen aus: Der litauische Künstler Deimantas Narkevicius hatte sich traditionelle Kosakenlieder gewünscht, die wohl nicht ganz zufällig gleich zur Eröffnung des Programms erklangen. Rechtsextreme, die als Kosaken aufgetreten waren, hatten in den letzten Jahren in St. Petersburg wiederholt gegen zeitgenössische Kunst demonstriert.

Die Manifesta hatte vergangene Woche Glück, es blieb ruhig. Vielleicht nicht zufällig: Denn Petersburger Kosaken, so hieß es kürzlich in einem vom ukrainischen Geheimdienst abgehörten Telefonat, würden derzeit in der Ostukraine Krieg führen. (Herwig Höller aus St. Petersburg, DER STANDARD, 2.7.2014)

  • Der litauische Künstler Deimantes Narkevicius ließ zur Eröffnung der Manifesta traditionelle Kosakenlieder absingen.
    foto: herwig höller

    Der litauische Künstler Deimantes Narkevicius ließ zur Eröffnung der Manifesta traditionelle Kosakenlieder absingen.

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