Flüchtlingsdrama auf Berliner Schuldach 

1. Juli 2014, 19:35
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In Berlin-Kreuzberg besetzten Flüchtlinge eine Schule, um ein Aufenthaltsrecht in Deutschland zu erzwingen. Nach einer Woche hat die grüne Bezirkschefin nun doch die Räumung des Gebäudes beantragt

Berlin - Man könnte es für eine Performance halten. Auf dem Dach eines mehrstöckigen Gebäudes in der Kreuzberger Ohlauer Straße steht eine Handvoll Männer. Einer von ihnen schwenkt eine rote Fahne, sie alle brüllen nacheinander: "Freedom! Freedom!" Immer wieder treten sie ganz nah an die Brüstung heran und winken.

Doch es gibt hierfür keinen Applaus. Der Auftritt der Menschen auf dem Dach ist ein Akt purer Verzweiflung. Rund 50 Flüchtlinge haben sich vor einer Woche in der ehemaligen Schule des Bezirks verschanzt. Sie wollen ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland.

Bisher geduldet

"Was haben wir zu verlieren?", sagt Ali aus dem Tschad und fügt das Erwartete hinzu: "Gar nichts." Er selbst hat schon alles aufgegeben: Heimat und Familie. Über Libyen schlug er sich vor zwei Jahren nach Berlin durch, dort stieß er vor auf das Flüchtlingscamp auf dem Kreuzberger Oranienplatz, wo dutzende Asylwerber monatelang ausharrten - geduldet von der grünen Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann.

Als es im vorigen Winter zu kalt wurde, zogen viele der Flüchtlinge in die Schule um. Diese sollte ein Provisorium für die kalte Jahreszeit sein. Doch es kamen immer mehr Leute, die Unruhe im Haus wuchs, die Müllhalde im Hof auch. Im Mai wurde ein Mann in der Schule erstochen, er hatte sich mit einem anderen um die einzige Dusche gestritten.

Sechs Monate seien zu wenig

Also versuchte Herrmann die Sache so lösen: Sie forderte die Menschen auf, die Schule zu verlassen und in Ersatzquartiere umzuziehen. Sechs Monate sollten sie fix in Deutschland bleiben können, der Fall jedes Einzelnen geprüft werden.

"Aber das reicht nicht", sagt Ali und sortiert Informationsbroschüren auf dem Oranienplatz. Immer noch gibt es dort einen Infostand, der 25-Jährige betreut diesen tagsüber. Nachts schläft er unter einem Baum im Park. Zuerst hat er auch in der Schule gelebt. Doch als er diese vor drei Tagen kurz verlassen wollte, ließ ihn die Polizei nicht mehr zurück.

Schule weiträumig abgesperrt

Diese ist seit Tagen allgegenwärtig. Der Bereich um die Schule ist weiträumig abgesperrt. Michel aus dem Libanon hat seinen kleinen Imbiss genau in der Sperrzone, doch sowohl die Tische als auch die Theke sind leer und blitzblank geputzt. "Ein Wahnsinn ist das, kein Mensch kommt mehr zu mir essen", sagt er. Er hat Verständnis für den Protest, der mittlerweile außer Kontrolle geraten ist. Aber als Geschäftsmann sagt er: "Die Polizei muss doch endlich mal eingreifen und was tun."

Doch genau dies tat diese tagelang nicht. Schließlich hätte zunächst Herrmann ein Räumungsansuchen stellen müssen. Doch die grüne Politikerin zögerte und zögerte - bis der Polizeipräsident Klaus Kandt ein Ultimatum stellte: Bis zum gestrigen Dienstag müsse eine Entscheidung fallen. Entweder werde geräumt, oder die Polizei werde abziehen.

Drohen mit Suizid

Zwischenzeitlich ließen die Flüchtlinge wissen, dass sie bereit seien, vom Dach in den Tod zu springen, falls die Polizei anrücke. Die Offerte des Bezirks lehnen sie ab. "Wir sagen klar: Wir werden das Gebäude nicht verlassen, bevor wir Papiere bekommen, für alle, die sich in der Schule aufhalten." Diese Botschaft übermittelten sie auf einer improvisierten Pressekonferenz auf dem Dach.

"You have no power. You have nothing in your hands besides your guns" - "Ihr habt keine Macht. Ihr habt nichts in euren Händen außer euren Waffen", riefen sie dazu. "Verstehen die Leute denn nicht, dass wir nichts zu verlieren haben und zu allem bereit sind?", fragt Ali aus dem Tschad mehr sich selbst und stapelt die Infoblätter neu.

Am Dienstagnachmittag schließlich ersuchte Herrmann um Räumung der Schule. Die Polizei handelte nicht sofort. Sie beriet erst einmal mit Psychologen, wie am besten vorzugehen sei. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, 2.7.2014)

  • Seit eineinhalb Jahren protestieren Flüchtlinge in Berlin für bessere  Lebensbedingungen. Viele lebten zunächst in einem Camp in Kreuzberg, dann  besetzten sie eine leerstehende Schule.
    foto: epa/ali

    Seit eineinhalb Jahren protestieren Flüchtlinge in Berlin für bessere Lebensbedingungen. Viele lebten zunächst in einem Camp in Kreuzberg, dann besetzten sie eine leerstehende Schule.

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