Was wurde eigentlich aus Griechenland?

Kolumne1. Juli 2014, 17:59
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Die oberflächliche Stabilisierung hat am Grundproblem nichts geändert

Was ist eigentlich aus Griechenland geworden? Das Land, das als Mitverursacher und Hauptopfer der Eurokrise galt? Das Land, in dem die harten Sparmaßnahmen den Mittelstand großflächig verarmen ließen und auf der einen Seite linksradikale, auf der anderen Seite neonazistische Parteien ins Kraut schießen ließen? Wo die Arbeitslosigkeit (offiziell) nach wie vor bei 27 Prozent steht, seit 2010 zwei Hilfspakete der EU, des IWF und der EZB von 240 Milliarden Euro notwendig waren und von einem dritten gemunkelt wird?

Ein kurzer Lokalaugenschein in Athen zeigt: Der Tourismus ist wieder in voller Blüte, die Massen drängen sich durch das vor fünf Jahren eröffnete Akropolismuseum (das es immer noch nicht geschafft hat, einen Katalog in Deutsch oder Englisch aufzulegen). Andererseits sind in der Innenstadt zahllose kleinere Geschäfte geschlossen, und praktisch jede Hausmauer ist mit Graffiti beschmiert. "Ein Zeichen von Frustration", sagt ein Bekannter, der selbst ein altes Haus renoviert (und an der ungebrochenen Bürokratie schier verzweifelt).

Premierminister Antonis Samaras, ein Konservativer, ist optimistisch. Griechenland hat den Staatsbankrott vermieden, das Budget halbwegs stabilisiert und sogar Steuern eingetrieben, allerdings eher von denen, die schon früher die Hauptlast trugen: "Samaras hat den einzigen gesunden Teil der Gesellschaft zu Tode besteuert, die obere Mittelklasse", sagt ein Ökonom. "Ich habe ihn gewählt, weil er das Land über Wasser gehalten hat, aber es passiert zu wenig bei strukturellen Reformen."

Demnächst soll der Energiesektor teilprivatisiert werden, die Gewerkschaften und die linksradikale Opposition Syriza laufen dagegen Sturm und versuchen, die Regierung Samaras damit zu Fall zu bringen. Die Gewerkschaft öffentlicher Dienst streikt wieder einmal, einfach so. Die Zeiten, wo Putzfrauen bei der staatlichen Olympic Airways mehr verdienten als das "middle management" und die Busfahrer der städtischen Verkehrsbetriebe 3000 Euro bekamen, seien zwar vorbei, sagt der Ökonom, aber "Griechenland braucht unbedingt eine Reform der Methode, mit der es sich selbst regiert". Jeder erwarte alles vom Staat, wolle diesem aber nichts geben. "Wir sind in einem politisch-ökonomischen System eingesperrt, das sich selbst nicht tragen kann." Der produktive Sektor sei viel zu klein, die Verwaltung viel zu groß und ineffizient. Die vielen kleinen Geschäftsleute, die das System am Laufen hielten, seien erschöpft. Griechenland sei vielleicht "die letzte sowjetische Ökonomie in Europa".

Das Fazit des Athener Ökonomen: Es gibt eine oberflächliche Stabilisierung, aber am Grundproblem der Dreiteilung der griechischen Gesellschaft hat sich nichts geändert. Es gibt viele Reiche, die immer noch nicht ihren Anteil leisten, es gibt eine privilegierte Klasse im öffentlichen Sektor, die trotz Sparen noch ganz gut lebt, und den ausgebluteten Mittelstand, der alles trägt.

Das hat nichts mit dem "Spardiktat der Deutschen" zu tun (Merkel mit Hitlerbärtchen), das ist die Grundstruktur Griechenlands seit Jahrzehnten. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 2.7.2014)

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