Mit Begeisterung und dem kleinen Trick

1. Juli 2014, 17:24
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Vor allem die Begeisterung der Fans und auch das brasilianische Improvisationstalent ließen die WM bisher zu einem Erfolg werden

Viele Autos wären nicht durch die Inspektion gekommen. Bis São Paulo haben sie es aber dennoch geschafft. Hunderte zum Teil selbst umgebauter Wohnmobile reihen sich aneinander. Dazwischen sind auf Betonboden kleine Zelte aufgebaut. Über allem weht die blau-weiße argentinische Fahne. "Bienvenidos hermanos" (Willkommen, Brüder) steht am Eingang des improvisierten Campingplatzes im Sambódromo im Norden von São Paulo, das die Stadtverwaltung wie auch das Gelände an der Formel-1-Strecke in Interlagos kurzerhand für die Gäste zur Verfügung stellte.

Bis zu 100.000 argentinische Fans sind anlässlich des Achtel- finales zwischen der vergötterten Albiceleste und der Schweiz nach São Paulo gekommen, der Großteil, ohne Eintrittskarten zu besitzen. Nur zwölf Prozent der 65.000 Tickets gingen an argentinische Fans. Augustín Aguirre aus Buenos Aires, 37 Jahre alt, gehörte nicht zu den wenigen Glück- lichen. Er hat extra ein Auto gekauft, um seine Mannschaft begleiten zu können. Der VW-Bus Baujahr 1983 ist Schlafplatz für ihn und seine drei Freunde. "Für uns ist das ein Riesenabenteuer."

Als Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff die "Copa das Copas", die Weltmeisterschaft der Weltmeisterschaften, versprochen hatte, erntete sie viel Spott. Ein Drittel der Stadien war bei Anpfiff nicht fertig, U-Bahn-Anbindungen blieben auf dem Papier. Egal, ob in den WM-Austragungsorten Curitiba oder Fortaleza - auf den Flughäfen wurden Passagiere an bunt bemalten Pappendeckelwänden vorbeigeführt, hinter denen sich Baustellen verbargen.

Spät, eigentlich erst mit Anpfiff der Endrunde, ließen sich die Brasilianer vom Fußballfieber packen. Jetzt, nach mehr als zwei Wochen, fällt die Bilanz erstaunlich positiv aus. Größere organisatorische Pannen gab es nicht. Wenn doch, wurden sie mit dem brasilianischen "jeitinho", der kleiner Trick genannten Improvisationskunst, ausgeglichen.

Insgesamt wurden zwar mehr als 120 Demonstrationen von WM-Kritikern gezählt. Die Teilnehmerzahl lag aber bei durchschnittlich unter 280 Personen. Auch die angekündigten Streiks von Polizei, Busfahrern und Sicherheitskräften konnten bisher abgewendet werden.

Unter dem Firnis

"Man darf zwei Dinge nicht vermischen", sagt der bekannte brasilianische Schriftsteller Luiz Ruffato. "Der Fanatismus der Brasilianer und ihre besondere Beziehung zum Fußball haben nichts mit der Kritik an der WM zu tun." 2007, als die WM an Brasilien vergeben wurde, sei das ganze Land von einerm Siegestaumel erfasst worden. "Erst später haben wir gemerkt, dass wir im Grunde für politische Ziele benutzt wurden", fügt Ruffato hinzu. Die Enttäuschung habe sich dann in den Massendemonstrationen im vergangenen Jahr niedergeschlagen. Jetzt seien die Menschen von den Spielen begeistert. "Das überdeckt vieles."

Dennoch bleiben einige Fakten. Brasilien hat mit mehr als neun Milliarden Euro (rund 28 Milliarden Reais) an öffentlichem Geld die teuerste WM aller Zeiten ausgerichtet. "Die WM ist ein Beispiel für die Verantwortungslosigkeit des Staates", sagt der Ökonom und ehemalige Direktor der Zentralbank, Gustavo Franco, in einem Interview. Die Stadien seien mit Geld errichtet worden, das de facto nicht existiere.

Auch die hoch gesteckten Erwartungen der Tourismuswirtschaft konnten bis jetzt nicht erfüllt werden. Rund 485.000 ausländische Touristen sind in den ersten drei Juni-Wochen nach Brasilien gereist, die Hälfte davon kam aus Lateinamerika. Viele von ihnen sind allerdings mit einem kleinen Budget ausgestattet und bringen weder Hotels noch Restaurants die kalkulierten Umsätze. Auch die beiden größten Inlandsfluggesellschaften TAM und Gol haben im Juni nur ein Plus von zehn Prozent bei den Ticket- verkäufen ausgemacht, was weit unter den Erwartungen lag.

In Wirklichkeit seien die ökonomischen Effekte der WM gering, für die Industrie in Brasilien sogar leicht negativ, sagt Stefan Szymanski, Ökonom an der Universität Michigan und Fußballexperte. Allerdings hätten Regierungen oder Interessenverbände auch vor vorangegangenen Weltmeisterschaften völlig übertriebene Erwartungen geschürt. (Susann Kreutzmann, DER STANDARD, 2.7.2014)

  • Die Blase der Begeisterung sorgt für eine positive Bilanz nach mehr als  zwei Wochen Fußball-WM. Mit der Kunst des "jeitinho" und ihrem  Fanatismus für den Fußball gleichen die Gastgeber viele Mängel aus.  Probleme werden noch ausgeblendet.
    foto: apa/krzazynski

    Die Blase der Begeisterung sorgt für eine positive Bilanz nach mehr als zwei Wochen Fußball-WM. Mit der Kunst des "jeitinho" und ihrem Fanatismus für den Fußball gleichen die Gastgeber viele Mängel aus. Probleme werden noch ausgeblendet.

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