Deutsch für Inländer

Kommentar der anderen1. Juli 2014, 17:42
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Zwischen Österreichisch und Ösisch: Die unlängst aufgelegte Broschüre über Österreichisches Deutsch ist kein Lehrstück. Dafür enthält sie zu viele Fehler und Fehleinschätzungen

Vor gut vier Wochen wurde die Broschüre "Das österreichische Deutsch als Bildungs- und Unterrichtssprache" (BÖD) vom Unterrichtsministerium veröffentlicht. Sie stellt eine Reaktion auf den ständig steigenden Einfluss des Deutschländischen Deutsch (DD) auf das Österreichische Deutsch (ÖD) dar. Die Publikation ist bildungspolitisch wichtig und seit der Veröffentlichung des Österreichischen Wörterbuchs im Jahre 1951 die einzige Maßnahme zur Statusverbesserung des ÖD. Das ist an sich eine erfreuliche Wendung, da der Begriff "Österreichisches Deutsch" bisher im Deutschunterricht keine Rolle gespielt hat.

Die Ministerin gibt im Vorwort der Broschüre die Ziele vor: "Kindern die Vielfalt ihrer Sprache zu eröffnen und den Stellenwert des österreichischen Deutsch als eigenständige und gleichberechtigte Varietät der deutschen Standardsprache zu vermitteln." Gewünscht sei ein "(selbst-)bewusster Umgang mit der deutschen Sprache ...". Lobenswerte Zielsetzungen, die leider nicht erfüllt werden. Denn die Eigenständigkeit und Gleichberechtigung des ÖD wird nicht vermittelt.

Man wertet das Österreichische Deutsch vielmehr symbolisch und auch grafisch ab. Bereits im Titel der Broschüre ist das Adjektiv im Begriff "Österreichisches Deutsch" eingeklammert und blassgrau gesetzt, während "Deutsch" fett gedruckt ist. Das ÖD wird zudem auf die Standardsprache reduziert, was international unüblich ist. Das schließt alle anderen Sprachformen des Österreichischen Deutsch im schulischen Kontext quasi aus. Zusätzlich dazu wird der Status vieler traditioneller österreichischer Ausdrücke (z. B. in einem Gedicht von Christine Nöstlinger) als "umgangssprachlich" herabgestuft, während deutschländische Wörter alle als Standard qualifiziert werden. Ängstlich wird auch versichert, man wolle sich nicht "abgrenzen", "keinesfalls geht es darum, 'österreichisches Deutsch' (...) gezielt zu unterrichten".

Sprachlich abgrenzen

Welches Deutsch als das ÖD soll denn unterrichtet werden und wie schafft man Sprachbewusstsein, wenn man sich sprachlich nicht abgrenzt? Eine nationale Varietät dient doch dazu, die Identität ihrer Sprecher zu verdeutlichen, und macht einen deshalb nicht gleich zu einem Nationalisten. Besonders wichtig ist den Autoren der Broschüre auch, dass es "Österreichisch" als Sprache nicht gibt - was zwar formell richtig ist, aber de facto nicht der Sprachwirklichkeit entspricht.

Eine Suche auf Google ergibt 500.000 Treffer, in denen diese Sprachbezeichnung vorkommt und von Menschen verwendet wird, um ihre "Normalsprache/Alltagssprache" zu kennzeichnen. Diesen Umstand hätte man thematisieren müssen, statt den Begriff rigide abzulehnen.

Und welchen pädagogischen Sinn hat es, wenn man in einer Übung die Sprachbezeichnung "Ösisch" verwendet? Zur Symbolik gehört auch die Schreibung der Varietätennamen "österreichisches Deutsch", "deutschländisches Deutsch" und "Schweizer Deutsch". ÖD und DD sind demnach aufgrund der klein geschriebenen Adjektive keine Eigennamen, SD ist durch die Endung "-er" beim Adjektiv jedoch einer.

Das ist (nicht nur) pädagogisch verwirrend, sondern sachlich falsch, weil Varietätennamen Eigennamen sind, schließlich gibt es diese Sprachformen (wie das jeweilige Land) nur ein einziges Mal. Zu erwarten wäre auch gewesen, dass grundlegende Publikationen zum ÖD erwähnt oder berücksichtigt werden, leider ist auch das nicht der Fall. Es gibt keine Literaturliste und keine Hinweise auf informative Internetseiten (oedeutsch.at) bzw. Hinweise auf andere Publikationen, die in den letzten 35 Jahren erschienen sind. Wichtige Informationen und Lehr- und Lernmaterialien werden den Lehrern so vorenthalten wie zur Aussprache des Österreichischen Deutsch (aussprache.at; speechdatweb.at), Radiosendungen (radio.oedeutsch.at), Sprachübungen (woerterwelt.at) usw.

Befremdend wirkt auch, dass die Autoren so tun, als ob die Forschung zum ÖD erst mit dem Variantenwörterbuch (2004) begonnen hätte. Das ist sachlich falsch; sie begann Anfang der 1980er-Jahre. Ein eigenes Kapitel sind schließlich die Übungen, die insgesamt unzureichend und ohne Hinweise auf die Schulstufe sind, in der sie verwendet werden sollen. In 35 Übungen werden nach unserer Zählung lediglich 65 österreichische Wörter, sieben Redewendungen, neun Wörter mit besonderen Aussprachemerkmalen und fünf grammatische Merkmale präsentiert. Das ist völlig unzureichend. Die Übungen sind teilweise fehlerhaft, wie z. B. Übung 11 auf Seite 19, wo von 18 Gegenüberstellungen vom ÖD zum DD acht falsch oder ungenau sind. Seltsam ist auch, dass das Forschungsprojekt, das auf Seite 10ff vorgestellt wird und der Broschüre den Namen gibt, in der Konzeption und in den Fragestellungen auf einer Diplomarbeit basiert, die bereits 2008 an der Universität Graz verfasst wurde. Die meisten Ergebnisse wurden schon dort publiziert.

Fazit: Eine große Chance wurde mit dieser Broschüre leichtfertig vertan, weil sie der Förderung des ÖD nicht dient, sondern eher schadet. Man sollte die Broschüre daher überarbeiten und im September neu veröffentlichen, damit das Österreichische Deutsch im Schulunterricht an österreichischen Schulen auf zuverlässiger Grundlage endlich den gebührenden Stellenwert bekommt. (Leo Heinz Kretzenbacher, Rudolf Muhr, DER STANDARD, 2.7.2014)

Leo Heinz Kretzenbacher ist Germanist an der School of Languages and Linguistics der University of Melbourne, Australien. Er ist Mitglied internationaler Forschungsprojekte über plurizentrische Sprachen.

Rudolf Muhr ist Sprachwissenschaftler und Leiter der Forschungsstelle Österreichisches Deutsch an der Uni Graz. Es forscht seit 35 Jahren über das ÖD und ist seither in der Lehrerausbildung tätig.

  • Ein Wordle der Broschüre: Das Wort "Gleichwertigkeit" (ganz links) kommt darin nur sehr klein vor.
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    Ein Wordle der Broschüre: Das Wort "Gleichwertigkeit" (ganz links) kommt darin nur sehr klein vor.

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