Mailänder Mode: Mit Stecktuch und Adiletten

1. Juli 2014, 10:13
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Die Mailänder Mode verordnet sich eine Verjüngungskur: Junge Designer werden in die Auslage gerückt. Gut eingeführte Labels wie Prada, Zegna oder Armani dominieren aber dennoch die Männermode-Kollektionen für kommendes Frühjahr.

Armani, Versace, Prada, Dolce & Gabbana: Für jüngere Mailänder Designer ist es schwer, aus dem Schatten dieser Modegiganten zu treten. Die Marken mit den klingenden Namen teilen sich den Markt in Mailand untereinander auf - und das seit Jahrzehnten. Übrig bleiben meist nicht mehr als ein paar Brösel vom Kuchen. Doch um diese raufen sich immer mehr junge Modemacher.

Ihre Namen gehen noch nicht so leicht von der Zunge wie die der großen Alten. Sie sind in ihren Dreißigern, heißen Andrea Pompilio, Massimo Giorgetti oder Andrea Incontri und werden in der Modeszene seit einigen Saisonen als neue Hoffnungsträger gehandelt. Doch erst seitdem sich auch die italienische Modekammer eine Verjüngungskur verordnet hat und mit Jane Reeve eine Präsidentin angetreten ist, die sich die Neuordnung der italienischen Mode zum Programm gemacht hat, folgen den Versprechungen erste sichtbare Taten.

Beim Accessoiregiganten Tod's darf sich seit dieser Saison Andrea Incontri als neuer Menswear- Designer versuchen, Andrea Pompilio "berät" die Anzugmarke Canali und Giorgio Armani stellt schon seit mehreren Saisonen seine heiligen Hallen jungen Modemachern für ihre Modeschauen zur Verfügung. Pompilio ist einer von ihnen. Streetwear trifft bei ihm auf die formale Herrengarderobe, plissierte Hemden lugen unter Pullis mit Lochmustern hervor, an den Füßen tragen seine Models Adiletten, auf den Nasen futuristische Aviator-Brillen. Und wer ein neuer Armani werden will, der weiß sein Logo (A.P.) gut sichtbar auf den Klamotten anzubringen.

Auch Massimo Giorgetti ist darin geübt. Mit seinem Label MSGM ist er zum Liebkind der jungen Modeszene avanciert, und das zu Recht. Muster und Farben sind Giorgettis Leidenschaft, die Inspiration kommt von der Straße. Flaggen zieren in seiner Kollektion die Hoodies und Parkas, die Schnitte sind weit, die quietschbunten Sandalen bequem. Seitdem die Umsätze partout nicht wieder in Fahrt kommen wollen (2013 fiel der Männermodeumsatz noch einmal um 0,6 Prozent auf 8,52 Milliarden Euro) ist das Design wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt.

Einer der klingenden Mailänder Namen ist Ermenegildo Zegna. Dem Export sei Dank stimmen hier zwar die Zahlen, designmäßig war es aber an der Zeit, dass man ein Schäuflein zulegt. Mit dem Engagement von Stefano Pilati hat man das gemacht, und mit seiner neuen Kollektion darf er jetzt auch endlich zeigen, was in ihm steckt: Seine Silhouette steht im Widerspruch zu all den taillierten Gigolo-Anzügen, die Mailands Straßen dominieren. Die Sakkos etwas länger und höher geknöpft, die Hosen flattrig und an den Knöcheln eng und umgeschlagen. Die farblich wunderbar abgestimmten Teile strukturieren nicht den Körper, sie umwehen ihn.

Ähnlich war das diesmal auch bei Tomas Maier der Fall. Der Deutsche hinter Bottega Veneta widmete seine Kollektion Tänzern, die viel Bewegungsfreiheit brauchen. In seinen Kaschmir-Jogginghosen können sie draußen tanzen, die sandfarbenen Hemden schauen auch aufgeknöpft gut aus, unter den abstrakt gemusterten Pullis haben selbst vor Muskeln strotzende Körper gut Platz. So teuer seine Mode ist, so abgewetzt schaut sie aus. An diesen Widerspruch hat man sich in der Luxusmode gewöhnt.

Miuccia Prada hat auf dem Bruch mit herkömmlichen Gepflogenheiten ein ganzes Imperium aufgebaut. Der braune Pulli mit Zopfmuster schaut überm Streifenhemd frisch, der wie Plastik schimmernde Ledermantel begehrenswert aus. Denim steht in ihrer jüngsten, sowohl für Frauen als auch für Männer designten Kollektion im Mittelpunkt. Die Nähte sind farblich abgesetzt, an den Füßen tragen die Models wahlweise Trekking-Sandalen oder Techno-Sneakers. Wirklich neu ist (außer den vielen Denims) wenig, die Konzentration aber auf einige Prada-Themen überzeugt.

Reduktion bei Diesel & Co

Reduktion scheint diese Saison ein Mailänder Motto zu sein. Bei Diesel hält sich Designer Andreas Melbostad auffallend zurück, schmale Bikerjacketts und minimalistische Uniformjacken kombiniert er zu perfekt sitzenden Jeans. Dolce & Gabbana variieren endlos ein Torero-Thema, wofür man ihnen das Etikett für die Langeweiler der Saison auf die Brust heften müsste. Bei Versace lässt sich Donatella von Kuba inspirieren. Das Ergebnis ist nackte Haut, absurde Netzshorts und ein Paar pinke Doppelreiher.

Am überzeugendsten unter den großen Namen ist aber Giorgio Armani. Die Hosen bei Emporio sind knöchelkurz, bei den Oberteilen spielt er mit Steppmuster und Streifenoptik. Die Farbpalette umfasst alle Schattierungen von Grau, Blau, Weiß und Schwarz, Kritzeleien überziehen die Sohlen der Sneakers. Die Leichtigkeit, mit der der bald Achtzigjährige seine grafischen Kollektionen zusammenstellt, müssen die Jungen erst einmal hinkriegen. Glücklicherweise haben sie dafür noch ein paar Jährchen Zeit. (Stephan Hilpold aus Mailand, DER STANDARD, 1.7.2014)

  • Andrea Pompilio ist ein neuer Name in der Mailänder Modeszene. Die  formale Herrengarderobe trifft bei ihm auf legere Sportswear.
    foto: ap/giuseppe aresu

    Andrea Pompilio ist ein neuer Name in der Mailänder Modeszene. Die formale Herrengarderobe trifft bei ihm auf legere Sportswear.

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