Serbischer Opfermythos

Kolumne30. Juni 2014, 17:48
74 Postings

Die Abwesenheit aller serbischen Politiker bei Versöhnung stiftenden Gedenkveranstaltungen war ein Zeichen des Unmutes wegen der von vielen Serben als eine Provokation betrachteten Initiative

Mit dem folgenschweren Attentat des jungen bosnischen Serben Gavrilo Princip vor 100 Jahren in Sarajevo begann Europas "kurzes Jahrhundert" der Katastrophen (Eric Hobsbawm). Dass die komplexe Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs Historiker, Publizisten und Leser noch immer fasziniert, bestätigt die Flut von Büchern, Ausstellungen und Gedenkveranstaltungen.

Die Frage, ob man Princip als einen Helden der serbischen Nation oder als einen terroristischen Brandstifter betrachten soll, der die Welt des friedlichen Aufschwunges zum Einsturz brachte, trennt bis heute die Serben im ehemaligen Jugoslawien von der demokratischen Öffentlichkeit des Westens. Die Abwesenheit aller serbischen Politiker bei sämtlichen internationalen und Versöhnung stiftenden Gedenkveranstaltungen in Sarajevo, so auch beim Gedenkkonzert der Wiener Philharmoniker, war ein symbolkräftiges Zeichen des Unmutes wegen der von vielen Serben als eine Provokation betrachteten Initiative.

Unabhängig von dem einhelligen Wunsch der führenden Belgrader Politiker, den Anschluss an die EU zu erreichen und deshalb auch die Kontroversen um die Zukunft der zur Unabhängigkeit gelangten, abtrünnigen, mehrheitlich albanischen Provinz Kosovo zu entschärfen, konnte man von ihnen, geschweige denn vom Präsidenten des serbischen Teilstaates in der bosnischen Föderation (Republika Srpska, RS), Milorad Dodik, kaum erwarten, dass sie bereit wären, den serbischen Opfermythos um Gavrilo Princip über Bord zu werfen. Man darf trotz der Europarhetorik der Belgrader Führungsspitze nicht vergessen, dass sie alle fast ausnahmslos ihre Karrieren im Dienste von Slobodan Milosevic, dem gescheiterten Architekten des großserbischen Nationalismus, gemacht hatten.

Der angesehene deutsche Südosteuropa-Historiker Holm Sundhaussen zog in seinem großen Werk über Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten (Böhlau, 2012) die Schlussfolgerung: Keiner der postjugoslawischen Staaten habe sich mehr als zwanzig Jahre nach dem Ende konsolidieren können: "Alle leiden noch unter den direkten und indirekten Folgen der Kriege sowie ihren psychischen und sozialen Verwerfungen. Keiner der neuen Staaten wird - auf sich gestellt - die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bewältigen können. Ein großes Zerstörungswerk wurde erfolgreich vollendet."

Nirgends ist die Lage so beunruhigend wie in dem durch das Dayton-Abkommen geschaffenen künstlichen Staat Bosnien-Herzegowina mit drei Staatsnationen (Bosniaken, Serben und Kroaten). Das Echo des 100. Jahrestages des Attentats in den serbischen Medien und die wiederholte Drohung Dodiks mit der Abspaltung der RS von Bosnien (der Standard 30.6) bestätigen Sundhaussens Diagnose über "die jugoslawische Krise in bosnischer Neuauflage".

Gerade im Hinblick auf die Verankerung Sloweniens und Kroatiens in der EU und die Erfolge Albaniens und sogar des Kosovo auf dem langen Weg nach Brüssel fühlen sich viele Serben mehr denn je als die Verlierer der Balkangeschichte. Die internationale Gemeinschaft darf also die Brisanz des serbischen Opfermythos nicht übersehen. Die europäische Option für Serbien muss glaubwürdig angeboten werden. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 1.7.2014)

Share if you care.