Fahrradbetriebene Nebelmaschine

30. Juni 2014, 17:20
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Bengolea & Chaignaud sowie Hinterreithner & Deutschbauer bei der Sommerszene

Salzburg - Sie sind richtig bunte Vögel: originell, queer und cool. Das französische Choreografen-Duo Cecilia Bengolea und François Chaignaud schillert und hat Glanz. Jetzt, in seinem aktuellen Stück Dub Love, das am Wochenende bei der Sommerszene Salzburg zu sehen war und im Juli bei Impulstanz gezeigt wird, stellt es sein Licht unter den Scheffel.

Bekannt wurde das Paar mit Stücken wie Pâquerette oder Castor et Pollux. Einmal gab es Penetration, dann Zirkusakrobatik, was im nach Attraktionen hungernden Veranstaltermilieu sofort geschätzt wurde. Die erste überzeugende Arbeit lieferten sie 2009 mit ihren luftdicht in schwarzes Plastik verpackten Sylphides.

In Dub Love tanzen Chaignaud und Bengolea zusammen mit Ana Pi, ihrer Partnerin seit dem Vorgängerstück Twerk, in Spitzenschuhen und Körperstrümpfen zur Livemusik des Dubplate-DJ High Elements. Der Dub stammt aus Jamaika, wo vor 40 Jahren die Reggae-Musik neu aufgemischt wurde. Chaignaud, Bengolea und Pi haben sich die anspruchsvolle Aufgabe gestellt, zu den Dub-Sounds neu in die modernen Ballettcodes einzugreifen.

Mit vielen Solo- und Trioformationen oder -posen deuten die Tänzer im Wummern der Musik auf meist halbdunkler Bühne eine Auseinandersetzung mit dem Spitzentanz an. Diese geriet bei der österreichischen Erstaufführung in der Salzburger Arge zum Wackelbild. Den hohen technischen Anspruch des Balletts kann man konterkarieren. Aber das ist hier offenbar nicht das Ziel. Daher wurde der unsichere und verstolperte Auftritt - vor allem von Chaignaud und Bengolea selbst - zu einem echten Downer. Da fehlten einfach Trainings und Proben.

Solche Probleme hatten die Salzburger Choreografin Lisa Hinterreithner und der Wiener Künstler Julius Deutschbauer nicht. Ihr Duo automatisch - idiotisch - als ob - genau, von der Sommerszene in den Mönchsberg-Kavernen präsentiert, hielt, was es versprach.

Hinterreithner überführt die surrealistische Methode der Écriture automatique vom geschriebenen in einen live gesprochenen Text. Deutschbauer hat sich mit einer Urtext-Fassung der Choreografin auseinandergesetzt und daraus eine Installation erarbeitet, deren 15 Stationen in der Performance bespielt werden. Da gibt es unter anderem eine "Werner ist tot"-Computertastatur, eine fahrradbetriebene Nebelmaschine, eine tränenreiche "Heulstation" oder eine Sprichwort-Box. Hinterreithner als rabulierende Rachegöttin und Deutschbauer als ihr ernster, von einer Übersetzerin (Ela Piplits) begleiteter Exeget schießen sich auf das Entsetzen ein, das die Banalität der Existenz auslösen kann.

Die beiden Produktionen passen in ihrer Dekadenz wunderbar zusammen. Mit ihrem ästhetizistischen Nihilismus repräsentieren Bengolea/Chaignaud unsere Zeit. Gegen diesen Nihilismus formulieren Hinterreithner/Deutschbauer sehr österreichisch Widerspruch: als abgründigen Witz. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 1.7.2014)

  • Dub Love bei der Sommerszene Salzburg.
    foto: pascal victor/artcomart

    Dub Love bei der Sommerszene Salzburg.

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