Prozess in Wien: Richterin misstraut Gutachter

30. Juni 2014, 14:21
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Ein 57-Jähriger soll die Betreuerin seiner Ex-Freundin mit dem Umbringen bedroht haben. Ein Gutachter sagt, er sei zurechnungsfähig, die Richterin glaubt das eher nicht

Wien - Eigentlich sind Sachverständigengutachten in Strafprozessen nur Hilfsmittel für das Gericht, um über Schuld und Unschuld von Angeklagten zu entscheiden. Gerade psychiatrischen Experten kommt in der Realität aber die entscheidende Rolle zu. Im Fall von Heinrich S. ist das anders: Richterin Minou Aigner misstraut der Einschätzung des Sachverständigen.

Kurt Meszaros ist zu dem Verfahren gegen S. wegen schwerer Nötigung und Widerstands gegen die Staatsgewalt unentschuldigt nicht erschienen. Der Verteidigerin Adelheid Möller wurde nur ausgerichtet, er komme nicht; Richterin Aigner hat gar nichts von dem Universitätsdozenten gehört.

Seit 1983 besachwaltet

Dabei ist die Richterin überzeugt, dass die Anwesenheit des Experten dringend notwendig wäre. Kommt dieser doch in seinem Gutachten zum Schluss, dass der seit 1983 besachwaltete S. zurechnungsfähig sei - obwohl sich in der Verhandlung ein gegenteiliger Eindruck ergibt.

Am 18. Februar soll der 57-Jährige der Mitarbeiterin einer Sozialeinrichtung mit dem Umbringen und seinem Selbstmord gedroht haben, wenn diese ihn nicht mit seiner Ex-Freundin reden lasse.

Erinnern kann er sich daran nicht. "Wieso nicht?", fragt Aigner. "Ich habe einen Haufen Medikamente genommen und Alkohol getrunken." Genauer: Psychopharmaka, Rohypnol, zwei Liter Rotwein.

"Mein Arzt hat mir verschrieben, dass ich statt der Kreislauftabletten zwei bis vier Achtel Rotwein pro Tag trinken soll", sagt der Angeklagte. "Und warum haben Sie dann zwei Liter getrunken?" "Weil ich angefressen war, dass sich die Yvonne zwei Tage nicht gemeldet hat."

Missverständnis mit Edgar Wallace

Er habe versucht, sie telefonisch zu erreichen, aber nur mit der Betreuerin gesprochen. "Dann hat es an der Tür geklingelt, und ich habe aufgelegt. Ein Freund hat mir DVDs gebracht, auch einen Edgar-Wallace-Film, den ich gleich eingelegt habe."

Als sein Handy läutete, habe er es auf den Boden geschmissen, warum, kann er nicht erklären. Anschließend bekam er einen seiner regelmäßigen epileptischen Anfälle. Als er sich wieder gefangen hatte, drückte er die Wiederwahltaste seines Mobiltelefons.

Zunächst sei Yvonne dran gewesen. "Hat die was gesagt?", fragt Aigner. "Nein. Aber ich habe sie an der Stimme erkannt." "Dann muss sie ja was gesagt haben." S. überlegt. "Wer is?", lautete Yvonnes Frage, fällt ihm ein.

Dann sei die Betreuerin am Apparat gewesen, die ihm mitteilte, seine Ex-Freundin wolle nichts mehr von ihm wissen. "Ich bin in der Wohnung auf- und abgegangen, und genau wie ich beim Fernseher war, hat in dem Film wer gesagt, er bringt alle um", glaubt der Angeklagte an ein Missverständnis.

Mehrere Suizidversuche

Er selbst habe am Ende nur seinen Selbstmord angekündigt, sei zum Fenster der Wohnung im 7. Stock gegangen und habe sich hinausgebeugt. "Haben Sie schon vorher einmal versucht, sich umzubringen?", fragt Aigner nach.

Der über 20-mal Vorbestrafte hat es versucht. Mehrmals. Unter anderem, in dem er sich vor den Zug schmeißen wollte und im letzten Moment von den Gleisen gezerrt wurde. Er zeigt auch Narben von Schnittverletzungen an seinem Arm.

An den Polizeieinsatz im heurigen Februar kann er sich nur mehr dunkel erinnern. "Es hat an der Tür geläutet. Dort sind dann drei Polizisten gestanden." Und angeblich Yvonnes Betreuerin, die ihm einen Zettel und die Parte seines Bruders aushändigte.

Höfliche Exekutivbeamte

"Und was haben die Polizisten gemacht?", will Aigner wissen. "Die sind hereingekommen, einer hat aus dem Fenster geschaut und gesagt, die Rettung kommt gleich." Er habe sich hingesetzt und weitergetrunken und -geraucht. "Die Stimmung war also höflich?" "Ja."

Anders im Rettungswagen. "Da sind sie dann zusammen mit dem Sanitäter über mich hergefallen. Putschbumm!" Ob er vielleicht beim Aussteigen die Polizisten mit Schlägen und Tritten attackiert habe? "Nein, ich bin gestolpert."

Richterin will neues Gutachten

Nach der Einvernahme beschließt Aigner, die Verhandlung auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Sie will ein genaueres Gutachten - von einer anderen Sachverständigen. Die Zeugen schickt sie wieder heim, denn sie will unbedingt, dass die Expertin anwesend ist, um die Reaktion von S. auf deren Aussagen zu beurteilen. (Michael Möseneder, derStandard.at, 30.06.2014)

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