Wiener Stadthallenbad offen, Klagen laufen

30. Juni 2014, 17:29
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1522 Tage nach Beginn der Sanierungsarbeiten ist das Wiener Stadthallenbad am Montag geöffnet worden. 20 Millionen Euro wurden veranschlagt, nach zahlreichen Pannen dürfte es mindestens sechs Millionen mehr kosten

Wien - Es war knapp vor Weihnachten 2011, da posierten Wiens Stadtrat Christian Oxonitsch (SP) und Peter Hanke, Chef der Wien-Holding, gemeinsam mit einem rot-weißen Schwimmreifen am Sprungturm und kündigten vor Journalisten die baldige Eröffnung des Wiener Stadthallenbades an.

Zweieinhalb Jahre später - eine eigentümliche Definition von "bald" - wurde wohlweislich von einer ähnlichen Inszenierung abgesehen: Nach massiven Pannen und Verzögerungen bei der im Mai 2010 begonnenen Sanierung wurde das Stadthallenbad am Montagnachmittag wieder für alle Gäste geöffnet - exakt 1522 Tage nach Beginn der Arbeiten. Ursprünglich war ein Eröffnungstermin im Herbst 2011 angepeilt worden.

"Soft Opening"

Sandra Hofmann, die Geschäftsführerin des Stadthallenbads, sprach bei einem Rundgang durch das Areal von einem "Soft Opening". Kleinere Arbeiten würden noch durchgeführt, die aber für Badegäste nicht wahrnehmbar seien. Das nur für Schwimmsportler zugängliche 50-Meter-Trainingsbecken einen Stock unterhalb des Hauptbeckens ist bereits seit neun Monaten geöffnet.

Wer an dem Desaster der missglückten Sanierung Schuld trägt, werden Richter wohl erst nach jahrelangen Rechtsstreitigkeiten klären. Für die Arbeiten hatte der Wiener Gemeinderat 17 Millionen Euro genehmigt - plus 20 Prozent Spielraum für nicht planbare Zusatzkosten. Das Budget von rund 20 Millionen Euro konnte nach dem Debakel inklusive Baustopp und gerichtlicher Beweissicherung nicht gehalten werden.

Regressforderungen

Georg Driendl, der Anfang 2013 gekündigte Generalplaner der Sanierungsarbeiten, wurde laut Hofmann auf 6,8 Millionen Euro geklagt. "Mit diesen Regressforderungen sind wir im Budgetplan", sagte Hofmann dem Standard. Was auch heißt, dass die Arbeiten rund 6,8 Millionen Euro mehr als veranschlagt gekostet haben. Dafür müsste der Steuerzahler aufkommen, sollte das Stadthallenbad vor Gericht verlieren.

Davon geht man bei der Muttergesellschaft Wien Holding, die eine 100-Prozent-Tochter der Stadt Wien ist, aber nicht aus. "Im Rahmen der gerichtlichen Beweissicherung wurden 300 Planungsfehler des Generalplaners festgestellt", sagte Konzernsprecher Wolfgang Gatschnegg.

Gegen Driendl läuft zudem eine Feststellungsklage: Werden in den kommenden Monaten weitere Fehler finanziell bewertet, könnten laut Wien-Holding die Forderungen auf 15 Millionen Euro steigen. Driendl selbst wehrte sich im Dezember 2013 im Standard-Gespräch: Lecks in den Becken seien von ihm erst Ende 2011 entdeckt worden, als sie wieder befüllt werden konnten. Die Existenz der Lecks sei der Stadt aber seit Jahren bekannt gewesen. Driendl hatte die Wien-Holding Mitte 2013 auf unbezahlte Honorare in Höhe von 860.000 Euro verklagt. "Die kalte Dusche für die Steuerzahler kommt noch", sagte ÖVP-Gemeinderätin Isabella Leeb.

Bad fasst 999 Menschen

Die Badegäste, die das Stadthallenbad über den neuen Eingang bei der Hütteldorfer Straße betreten, dürfen sich vorerst über wiedergeöffnete Indoor-Schwimmmöglichkeiten in der diesbezüglich nicht gerade gut aufgestellten Stadt freuen. Das Stadthallenbad fasst 999 Menschen, der Sauna- und Wellnessbereich wurde neu gestaltet und ausgebaut.

Die Preise wurden angehoben: Kinder und Jugendliche zahlen drei Euro pro Tag, für Erwachsene kostet der Eintritt sechs Euro. Mit Sauna sind es acht Euro für Jugendliche und 16 Euro für Erwachsene. Geöffnet ist großteils bis 21.30 Uhr. (David Krutzler, DER STANDARD, 1.7.2014)


Die Stadthallenbadsanierung - eine Odyssee

Mai 2010: Die Arbeiten für die Generalsanierung des 1974 von Roland Rainer erbauten und denkmalgeschützten Stadthallenbads beginnen. Der Komplex soll technisch auf Vordermann gebracht, der Garderoben- und Wellnessbereich erneuert und der Haupteingang verlegt werden. 17 Mio. Euro sind budgetiert. Der Abschluss ist für Herbst 2011 geplant.

Dezember 2011: Sportstadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ) kündigt die Wiedereröffnung des Bades für Februar 2012 an. Architekt und Generalplaner Georg Driendl begründet die Verzögerung mit massiven Schäden an den Stahlbetondecken des Gebäudes - eine Folge der jahrzehntelang undichten Wasserbecken, wie er erklärt.

Jänner 2012: Völlig überraschend veranlassen Sportamt, Wien-Holding und Stadthalle wenige Tage vor dem geplanten Eröffnungstermin einen sofortigen Baustopp und leiten eine gerichtliche Beweissicherung ein, um etwaige Fehler des Generalplaners bzw. der ausführenden Firmen zu erheben. Erstmals wird von massiven Schwierigkeiten im Zuge der Sanierung berichtet. Unter anderem gibt es undichte Stellen in den Becken und technische Gebrechen des Hubbodens. Der Eröffnungstermin im Februar ist damit gestorben. Generalplaner Driendl verteidigt sich insofern, als die aufgetretenen Probleme nicht in seinen Aufgabenbereich fielen und daher für ihn nicht vorhersehbar gewesen seien.

Februar 2012: Parallel zur laufenden Prüfung wird der Baustopp zumindest teilweise aufgehoben. In einzelnen Bereichen wird wieder gearbeitet.

Mai 2012: Abgesehen von den undichten Becken treten weitere Baumängel auf. Auch frisch verlegte Fliesen fallen von den Wänden. Hier wird ebenfalls eine Beweissicherung eingeleitet.

September 2012: Eine erste Probebefüllung der Bassins wird durchgeführt. Sie soll Aufschluss in Sachen Dichtheit und Tragfähigkeit geben.

Oktober 2012: Das Kontrollamt zerpflückt den Sanierungsablauf. Im Prüfbericht werden u.a. "grundsätzliche Fehler" bei der Projektvorbereitung (Verzicht auf eingehende Zustandserfassung und -beurteilung) und beim Projektmanagement (unklar definierter Sanierungsumfang) angeführt. Die Oppositionsparteien ÖVP und FPÖ sehen den "Bauskandal" nun amtlich bestätigt.

Dezember 2012: Das Sanierungsdebakel beschert Sportstadtrat Oxonisch (SPÖ) einen Misstrauensantrag der Rathaus-Opposition. Dieser wird von der rot-grünen Mehrheit im Gemeinderat jedoch abgeschmettert.

Jänner 2013: Die Stadthalle gibt bekannt, dass die Beweissicherung in der Endphase sei und bereits "eine Vielzahl von Mängeln in der Planung und Ausführung der damit beauftragten Firmen" festgestellt worden seien. Außerdem hat man sich inzwischen von Generalplaner Driendl getrennt. Als Zieltermin für den Sanierungsabschluss wird nun Ende 2013 genannt.

Juni 2013: Das Sanierungsdebakel hat auch strukturelle Folgen. Das Stadthallenbad wird organisatorisch aus der Stadthalle herausgelöst und nun als eigene Kapitalgesellschaft geführt, die zu 100 Prozent der Wien-Holding gehört. Die bisherige kaufmännische Stadthallen-Geschäftsführerin Sandra Hofmann wird Chefin der neu gegründeten GmbH.

September 2013: Das Stadthallenbad wird teilweise wieder eröffnet. Dank erfolgreicher Dichtheitsprüfung kann ab Ende September im Trainingsbecken wieder geschwommen werden. Für herkömmliche Badegäste bleibt die Anlage weiter geschlossen. Eine mehrwöchige Probebefüllung des Hauptbeckens wird in Aussicht gestellt. Selbst wenn alles glatt läuft, könne das Bad frühestens im Sommer 2014 wieder in Vollbetrieb gehen, heißt es.

Dezember 2013: Die Causa wird endgültig zum Fall für das Gericht. Die Stadthalle klagt Driendl auf 5,6 Mio. Euro wegen Planungsfehler und nicht erbrachter Leistungen. Dieser hat zuvor seinerseits 800.000 Euro an ausstehenden Honoraren von der Stadthalle gefordert. Der Ex-Generalplaner verteidigt sich und sieht die entstandene Misere nicht in seinem Verantwortungsbereich.

13. Jänner 2014: Die Wien-Holding gibt bekannt, dass nun sämtliche Becken - also auch das große Hauptbecken - dicht sind. In den nächsten Wochen sind noch Arbeiten in Sachen Bäderhygiene notwendig, die bis März dauern werden. Danach müssen noch Mängel im Bereich der Bodenverfliesungen behoben werden.

26. Februar 2014: Es wird ein Termin für die Eröffnung genannt. Diese sei im Sommer geplant, heißt es. Die Bäderhygiene funktioniert laut Wien-Holding inzwischen "einwandfrei"

30. Juni 2014: Es ist so weit. Die Generalsanierung des Wiener Stadthallenbads ist großteils abgeschlossen. Der Betrieb wird in vollem Umfang wieder aufgenommen.

  • Die Generalsanierung ist abgeschlossen.
    foto: christian fischer

    Die Generalsanierung ist abgeschlossen.

  • Nach Fehlplanungen kann im Wiener Stadthallenbad wieder geschwommen werden.
    foto: christian fischer

    Nach Fehlplanungen kann im Wiener Stadthallenbad wieder geschwommen werden.

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