Die besten Indie-Games im Juni: Auf zu leblosen Planeten

Ansichtssache30. Juni 2014, 10:46
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So viele Spiele, so wenig Zeit: Auch Auskenner haben Mühe, im ständig weiterwuchernden Dschungel der Indieszene den Überblick zu behalten. Umso besser, dass es zunehmend Sendungsbewusste gibt, die als furchtlose Kuratoren den Wildwuchs sichten. Nachdem Terry Cavanaghs fantastische Freeware-Schau freeindiegam.es ja seit einiger Zeit nicht mehr unter den Upgedateten weilt, treten andere in die Bresche. Besonders das noch im Softlaunch befindliche, aber schon sehr empfehlenswerte Warpdoor, Forest Ambassador und Mike Roses Indie Game A Day sind als Wegweiser durch die obskureren Ecken der Indie-Welt höchst empfehlenswert.

Ein anderes Grundbedürfnis erfüllt das erfrischend unprätentiose itch.io - “a simple way to distribute your indie games online for free”. Trotz all der Wegweiser bleibt natürlich die Qual der Wahl. Auch das “Best of Indie” des Monats kann nur aus der Vogelperspektive auf die - subjektiv - größten und schönsten Titel der vergangenen Wochen hinweisen. Konsolenbesitzer seien vertröstet: Die auf der E3 angekündigten Großtaten im Indiebereich sind im Kommen - bis dahin haben - wie immer - die Heimcomputer die Nase vorn. Hier sind sie, die spannendsten Indie-Spiele des Monats Juni.

screenshot: hersteller

Among The Sleep (Windows, Mac, Linux - 19,99 Euro)

Als zweijähriges Kleinkind allein unterwegs im nächtlichen Horrorhaus - die Ausgangssituation für das First-Person-Spiel des norwegischen Entwicklers überzeugte nicht nur die Unterstützer auf Kickstarter, sondern auch im GameStandard-Review. Tolle Atmosphäre, eine einzigartige Perspektive, außergewöhnliches Sounddesign und mehr Story, als beim ersten Anspielen offensichtlich ist, trösten ein wenig über die nicht gerade üppige Spieldauer von etwa zweieinhalb Stunden hinweg. Wie damals schon gesagt: “‘Among The Sleep’ ist kein Spiel für die Jumpscare-Fraktion, die sich auf YouTube hinter ihren Let’s-Playern verschanzt und sich im Minutentakt erschrecken lassen will, sondern ein cleveres erzählerisches Experiment mit einzigartiger Perspektive. In seinen zwei Stunden - am besten am Stück gespielt - unterhält es auf überaus originelle und spannende Art und Weise.”

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Lifeless Planet (Windows, 15,99 Euro)

Auf den ersten Blick sieht “Lifeless Planet” aus wie eines jener halb niedlichen Spiele für ganz junge Spieler: Unser trügerisch klein aussehender Astronaut stapft wie ein Spielzeugmännchen anfangs ohne nennenswerte Herausforderungen über die Oberfläche eines scheinbar leblosen Planeten. Doch wer hier niedliches Casual erwartet, hat weit gefehlt: Mit überraschender Ernsthaftigkeit breitet David Board in seinem Erstlingsspiel vor unseren staunenden Augen ein hintergründiges, atmosphärisch dichtes Hard-Science-Fiction-Action-Abenteuer auf, das vom konstanten “Sense of Wonder” lebt, Spieler mit sanft in der Schwierigkeit ansteigenden Sprung- und sonstigen Rätseln bei Laune hält und vor allem durch seine berückende, im Spielverlauf von sechs Stunden immer wieder überraschend abwechslungsreiche Atmosphäre begeistern kann. Die Expedition, die ganz ohne Waffen auskommt, lässt Anklänge an das große “Journey” ebenso wie an den Klassiker “The Dig” wach werden. Wer nur irgendwie gerne in Spielen auf Reisen geht, ist “Lifeless Planet” einen Besuch schuldig.

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Ascendant (Windows, Mac, Linux 7,50 Euro)

Wenn das Schlagwort “Rogue-like-like” fällt, spitzen Masochisten die Ohren: Prozedurale Generierung, endlose Abwechslung, aber auch knackige Härte sind die Markenzeichen des legendären Gamedesigns aus der Spielefrühzeit. “Ascendant” lebt wie “Spelunky”, “Risk of Rain” oder “The Binding of Isaac” vom unnachahmlichen Mix aus Permadeath und Zufallsgenerator, wählt sich aber das Genre des sidescrollenden Beat ‘em us als Wirtskörper: Als nur allzu sterblicher Halbgott kämpfen wir in immer neu generierten Welten mit einer sich stets verändernden Vielzahl an Waffen und Power-ups gegen immer gemeiner werdende Gegnermassen, bis uns der Tod unbarmherzig an den Spielstart zurückbefördert. Klingt frustrierend, doch der Profi weiß: Was uns umbringt, macht uns härter. Optisch erfreut “Ascendant” mit Cartoon-Grafik im Stil des großartigen “Guacamelee!”, ohne allerdings dessen Unverwechselbarkeit zu erreichen. Hart, bunt, sehr herausfordernd: “Ascendant” ist eher nichts für Gelegenheitsspieler. Wer allerdings bei “Spelunky” regelmäßig Olmec auf die Mütze gibt und “Risk of Rain” mit zugemachten Augen durchspielt, hat mit “Ascendant” etwas Neues, um sein Diamantgebiss daran zu schärfen.

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A Story About My Uncle (Windows, 12,99 Euro)

Wer behauptet, dass die Mischung von Sprungpassagen und First-Person-Perspektive immer in Wahnsinn und Verderben enden muss, sollte sich von “A Story About My Uncle” eines Besseren belehren lassen. In der charmant überdrehten und fantasievollen Gute-Nacht-Geschichte ist man dank Superanzug in wahnwitzigen Sprungmanövern samt Energielassoeinlagen auf der Suche nach dem verschwundenen, titelgebenden Onkel. Die nett-skurrile Fantasy-Welt ist ein Highlight, doch die Hauptattraktion ist das beinahe euphorisierende Gefühl, das sich bei erfolgreicher Absolvierung der schier aberwitzigen Sprungmanöver einstellt. Dank präziser Steuerung und fairem Savepoint-System kommt nur wenig Frust auf - bei der knackig kurzen Spieldauer von knapp vier Stunden ein Segen. First-Person-Akrobatik für alle, die sich immer schon wie Spider-Man mit Affenzahn herumkatapultieren wollten.

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Qbeh1 -The Atlas Cube (Windows, Mac, 8,99 Euro)

Fast meint man einen kleinen Trend zur Ich-Perspektive im Juni zu erkennen, und doch sind die drei First-Person-Titel in dieser Auswahl unterschiedlich wie Tag und Nacht. Wo “Among The Sleep” auf beunruhigende Atmosphäre und “A Story About My Uncle” auf adrenalingetränkte Akrobatik setzt, verführt das patschert benamste “Qbeh1 - The Atlas Cube” seine Spieler zu kontemplativem Grübeln und meditativer Entspannung. Ausgestattet mit unterschiedlichen Würfelchen durchqueren Spieler die traumhaft-ruhigen Szenerien und erfreuen sich an sanfter Puzzle-Überwindung  und einem fast meditativen Gefühl friedlicher Entspannung, das vom perfekt passenden Soundtrack aufs Beste untermalt wird. “Qbeh1” ist eine trügerisch simple, aber dennoch wahre Freude für entspannte Erforscher.

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Und sonst?

Freunde des klassischen Adventures bekommen mit Double Fines “Broken Age” nun auch auf Apples iOS-Geräten Futter, sollten aber auch einen Blick auf das einzigartige “Blood & Laurels” werfen - sehr viel näher war man selten an der berüchtigten “Interactive Novel”: Als armer Poet steht man im glorreichen Rom zur Kaiserzeit vor kniffligen Entscheidungen - und die haben tatsächlich Gewicht, weil die anderen Figuren in diesem Roman zum Mitmachen einen eigenen Kopf, sprich: ausgeklügelte AI besitzen.

Ganz andere Adrenalstöße haben unerschrockene Alpha-Erforscher im Early Access zu “The Forest” zu erwarten. Auch wenn das Geschäftsmodell in den letzten Wochen wegen des knapp am Kriminellen entlang schrammenden Verhaltens einzelner Abzocker nicht gerade für Positivschlagzeilen gesorgt hat, bietet es tapferen Alpha-Testern im Falle von “The Forest” schon jetzt adrenalintreibenden Zugang zu einer Single-Player-Robinsonade, die dank blutrünstiger Kannibalen Sandbox-Survival-Horror vom Feinsten ist. Weniger Experimentierfreudige mögen allerdings noch zuwarten: Auf dieser Baustelle klaffen noch einige Löcher.

Freunde und Verehrer liebevoll neu interpretierter Retrokost kommen hingegen an" Shovel Knight" für PC, Wii U und 3DS nicht vorbei: Als Ritter mit Schaufel springt und kämpft man sich in dieser überaus gelungenen Hommage an die großen Zeiten von "Zelda" und "Metroid" durch ein mit modernen Annehmlichkeiten gesegnetes Old-School-Abenteuer, bei dem nicht nur Nostalgikern das Herzchen hüpft. (Rainer Sigl, derStandard.at, 30.6.2014)

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