Goodwood: Lord March gepflegt auf Speed

Ansichtssache30. Juni 2014, 11:30
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Beim Festival of Speed fahren aktuelle wie historische Boliden auf dem Privatgelände des Earl of March and Kinrara ein Berghatzerl. derStandard.at besuchte die Latifundien 

Ob es jetzt stimmt oder nicht - die Vorstellung, dass Frederick Gordon-Lennox, der 9. Duke of Richmond, 1936 die Basis für das Festival of Speed aus einer Not und Laune heraus gründete, ist jedenfalls eine schöne. "Ich habe das Grundstück dafür, am Wochenende eh nichts zu tun, und wenn ein paar gut Betuchte ihr Geld in meine Kasse legen, sollen sie halt hinterm Haus den Hügel rauffahren." Schöne Vorstellung, eigentlich.

Historisch gesehen schaut die Sache ein wenig anders aus. 1948 hatte das Flugfeld, welches die Regierung auf dem Grund des Duke of Richmond errichten ließ, ausgedient, und der Ring rundherum war zum ersten Mal Austragungsort eines Rennens. Inzwischen findet auf der Rundstrecke jedes Jahr im Herbst das Goodwood-Revival statt.

Stets Ende Juni, heuer am vergangenen Wochenende, findet bei Lord March, wie der Enkel von Frederick Gordon-Lennox kurz genannt wird, das Festival of Speed statt. Das Rückgrat des "FOS" bildet ein Bergrennen, bei dem historische und aktuelle Rennwagen, meist prominent besetzt, bei einer Art ambitioniertem Schaulauf die Klinge kreuzen.

foto: goodwood festival of speed

Was als Wochenendbelustigung für echte Petrolheads begann, hat sich bis heute zu einem Fest ausgewachsen, das rund 180.000 Besucher aus aller Welt nach Chichester in West Sussex zieht. Hier kann man nicht nur die Rennwagen, für die schon der Opa in seinen wilden Jahren geschwärmt hat, aus aller Nähe betrachten, sondern trifft auch auf Rennfahrer wie John Surtees (li.), Kimi Räikkönen (re.), Felipe Massa, Damon Hill, Lewis Hamilton oder Sébastien Loeb.

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foto: goodwood festival of speed

Letzterer hat mit 44,60 Sekunden auch das Bergrennen mit dem Peugeot 208 T 16 "Pikes Peak" für sich entscheiden können. Vor Michael Bartels im Maserati MC 12 "Goodwood Cent 100", der nach 45.82 Sekunden durch das Ziel schoss.

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foto: goodwood festival of speed

Bei der Zeit ist schnell klar: Einen Großglockner haben sie in Sussex nicht – nicht einmal eine Höhenstraße. Über 1,16 Meilen, umgerechnet nicht einmal zwei Kilometer, führt eine schmale Straße einen Hügel hinauf. Links und rechts ist dieser bessere Weg von Strohballen gesäumt – gleich dahinter stehen die Fans, quasi direkt an der Strecke. Und das ist wohl eine weitere Faszination des Festival of Speed.

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foto: goodwood festival of speed

Diese Begeisterung nehmen Automobilhersteller gerne als Rückenwind, um ihre aktuelle Palette auszustellen, Showcars zu zeigen und auch, um Neuvorstellungen zu präsentieren. Nissan tat das auch - und präsentierte einen Ausblick auf die Zukunft, die Studie Concept 2020 Vision.

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foto: derstandard.at/gluschitsch

Im Vorfeld spekulierten auch einige Insider darüber, ob Mazda hier seinen neuen MX-5 präsentieren wird – denn der Wagen verkauft sich auf der Insel wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Daraus wurde dann leider doch nichts, und Mazda, das in Goodwood auch gleich 25 Jahre MX-5 feierte, stellte stattdessen ein auf 750 Stück limitiertes Sondermodell des Roadsters vor.

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Darüber hinaus präsentierte Range Rover den Sport SVR, Jaguar den 575 PS starken F-Type Project 7, Ford den neuen ST. Vom fetten Hot-Rod bis zum Renault Twizy wird alles nach Goodwood gekarrt, was vier Räder hat. Nicht viel anders schaut die Sache bei den Motorrädern oder Fluggeräten aus. Ein Spaziergang durch Goodwood ist eine Reise durch die Geschichte der motorisierten Mobilität mit all ihren Auswüchsen.

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"Ich finde es spannend, alte und neue Autos so nah beieinander zu sehen", sagt Sarah, die mit ihrer Tochter Bathleen im Schatten eines Pavillon sitzt und auf ihren Mann und Sohn wartet. "Sie sind wahre Auto-Enthusiasten und gerade drüben bei Infinity." Gelangweilt wirken die beiden Damen aus Wales aber nicht, erzählen, dass der Funke der Begeisterung auch auf sie überschlägt, gewinnen dem Festival of Speed aber noch einen weiteren Aspekt ab. "Wir sind das ganze Wochenende da und genießen es, als Familie etwas zusammen zu machen."

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foto: goodwood festival of speed

Zu ihren persönlichen Höhepunkten zählt neben dem Hill Climb auch die Moving Motorshow, bei der am Donnerstag, aktuelle Serienwagen die Bergstrecke unter die Räder nehmen. "Man gewinnt einen anderen Eindruck von den Autos, wenn man sie in Bewegung sieht, finde ich", sagt Bathleen, die sich nicht so sehr für die schieren Leistungsdaten interessiert. Denn die Technik, ob Elektro-, Hybrid-Antrieb oder die der Verbrennungsmotoren, sei etwas "over my head", sagt sie. Aber als ein Ferrari über die Piste hinter ihr donnert, kann sie doch nicht anders, als den Kopf zu heben und sich umzudrehen. Doch sie sieht nicht bis zum Asphaltband. Zu viele Menschen stehen inzwischen an der Strecke. Also setzt sie sich wieder hin und genießt den Blick auf das Goodwood House, während der altehrwürdige Freddie Spencer seine Honda ausführt.

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Nur um kurz einen Überblick zu bekommen: Goodwood von oben, im Zentrum das Festivalgelände, rechts davon einer (sic!) der Parkplätze. Ein Spaziergang über diesen ist übrigens nicht weniger spannend als der Festivalbesuch. Die Besucher, die können, reisen nämlich gerne standesgemäß an. Nachteil: Mit einem alten Rolls oder Bentley fällt man hier nicht wirklich auf.

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Zurück im Geschehen: Wer den Schönheitswettbewerb unter dem Titel "Stil und Luxus" sucht, geht einfach immer nur in die Richtung, aus der ein ständiges Seufzen aus hunderten Gesichtern kommt.

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Die ausgestellten Autos stammen natürlich nicht nur von der Insel, sondern werden aus der ganzen Welt nach Sussex gekarrt.

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Man nimmt es diesem Ford GT 40 gar nicht übel, dass er die Sicht auf eines der Nebengebäude des Goodwood House verstellt.

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Am Donnerstag in der Früh sind die Champagner-Ausschänke noch menschenleer. Bis Mittag ändert sich das Bild aber deutlich.

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Auch das ist Goodwood. Lieber würden Mütter wohl ihre Männer an die Leine nehmen, aber wie bei den Autos fängt man eben auch hierbei am besten klein an.

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Die Katzenschau zieht vor allem die Lordschaft an. Zylinderzählen in aller Ruhe, danach vielleicht ein Tee.

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Nur wenige Schritte weiter ist diese Pferdeschau. Einige Mustangs stehen friedlich auf der Koppel. Das war nicht immer so.

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Wenn schon, dann gleich richtig. Ein Geschäft, das sein Geschäft mit dem Geld der beinharten Cineasten macht, bietet bei einer Auktion die Replica von Niki Laudas Ferrari 312T an, die im Film "Rush" eingesetzt wurde. Bei Interesse: Hier geht's zum Auktionshaus. 

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Die Autohersteller gehen in Goodwood neue Wege und zeigen nicht nur einfach ihre Vehikel, sondern binden die Besucher aktiv ein. Bei Skoda radelt man bis aufs Dach des Pavillons, bei Ford nimmt man die Gegenrichtung – in einem riesigen Filzpantoffel runterrutschend. Gewonnen hat das Herstellerduell aber sicher Land Rover, die eine Trial-Piste aufbauten, die dank Hydraulik-Systeme einmal steil bergauf und Sekunden später ebenso bergab geht.

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Während Bonhams im Goodwood House seine Schätze der nächsten Versteigerung präsentiert, geht ein Händler andere Wege und schraubt seine Boliden einfach in den englischen Boden.

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Der Insel-ÖAMTC ist als einer der Goodwood-Partner natürlich auch mit dabei und stellt aus, womit die gelben Engel seinerzeit in England unterwegs waren.

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Ein Rahmenprogramm zum Ausruhen gibt es natürlich auch. Während auf der einen Seite des Geländes ein kultige Rockband spielt, intoniert das Sax-Quartett "Hello Dolly" und das "Pink Panther Theme". Dementsprechend teilt sich auch das Publikum auf.

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McLaren zeigt den neuen 650er, aber auch die Formel-1-Historie. Im Drivers Club sogar ein bisserl exklusiver, samt rotem Teppich und umrandender Absperrung.

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Mit dem "Rennwagen Schnelltranporter" hat Mercedes seinerzeit die Konkurrenz demoralisiert. Als Basis diente ein 300SL.

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Noch einmal Mercedes Benz, noch einmal Rennwagen. Diesmal aber Grand Prix aus 1914 mit einem 4,5-Liter-4-Zylinder.

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Sport- und Rennwagen, zum Greifen nahe, das ist Goodwood.

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Der extrem futuristische Mazda RX500 aus dem Jahr 1971 wurde mit einem Zweischeiben-Wankel angetrieben. Das Heck zeigt dem nachfolgenden Verkehr durch grün, orange und rot leuchtende Birndln an, ob der Rex gerade beschleunigt, seine Geschwindigkeit hält oder bremst. Die Heckampel hat sich bis heute nicht durchgesetzt – und Mazda stellte sogar die Serienproduktion des Wankelmotors ein.

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Den Innenhof vor den Pferdestallungen hat sich Maserati gekrallt und zeigt in einer Sonderschau historisches Fuhrwerk, aber auch das Jubiläums-Concept-Car Alfieri.

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Am Sonntag hüpften dann noch Rallye-Recken vom Schlag eines Mitsubishi Evo III, Talbot Sunbeam oder Subaru Impreza 555 durch Lord Marchens Wäldchen. Auch dieser Saab 96 durfte sich kurz wieder einmal jung und ein bisserl böse fühlen. (Guido Gluschitsch, derStandard.at, 30.6.2014)

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