1914: Auch die Schüler waren kriegsbegeistert

30. Juni 2014, 09:02
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Hundert Jahre später recherchieren Jugendliche aus Niederösterreich, welche Spuren die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts in ihrer Heimat hinterlassen hat 

Schallaburg - "Wie ich mit meinem Zeppelin einen nächtlichen Angriff auf London machte", lautet der Titel eines Schulaufsatzes von 1914, er steht symptomatisch für die damalige Kriegseuphorie, die auch die Jugend weitgehend erfasst hatte.

Etwa den Dresdner Gymnasiasten Walter Huth, der im August desselben Jahres noch in aller Eile das "Notabitur" ablegte, um möglichst rasch als Freiwilliger in den Krieg ziehen zu können.

Oder die Schülerin Hertha Strauch aus Lothringen, die sich nach Kriegsausbruch umgehend als Krankenschwester beim Roten Kreuz meldete.

Schon bald fing sie an, ihre Erlebnisse in einem Tagebuch festzuhalten: "Auf der Bahn furchtbar viele Verwundete. Und was für welche! Auf hundert kommen 80 schwere Fälle", notiert sich die damals 17-Jährige. Trotz allem schlussfolgert sie: "Da heißt's halt Zähne zusammenbeißen und immer noch ein aufmunterndes Wort für unsere lieben Jungen haben."

All das belegen zahlreiche Zeitdokumente aus der bisher umfangreichsten Ausstellung über den Ersten Weltkrieg: "Jubel und Elend" heißt sie passenderweise, besichtigen kann man sie im Renaissanceschloss Schallaburg.

Einen geradezu beängstigenden Eindruck machen die Kinderzeichnungen aus jener Zeit: blutüberströmte Soldaten, feuernde Kanonen und brennende Städte. Es lässt sich gut nachvollziehen, wie wirksam die Kriegspropaganda bereits auf die Jugend wirkte: So spielten Schüler mit einem Miniaturfeldlazarett, hängten kleine Soldatenfiguren an den Christbaum oder schoben sich beim Kartenspiel den Schwarzen Peter in Form des Kaisers zu.

Kirchenglocken als Munition

Wie denken Schüler heute über den Ersten Weltkrieg? Elf niederösterreichische Schulen, vom Stiftgymnasium bis zum Sonderpädagogischen Zentrum, setzten sich im Rahmen der Ausstellung mit den Spuren ihrer lokalen Vergangenheit auseinander.

Jugendliche aus Sankt Leonhard etwa schrieben in einer fiktiven, aber plausiblen Schulchronik die Ereignisse von 1918 nieder. Sie berichten von Jugendlichen, die im Zuge der Lebensmittelknappheit in die örtliche Fleischerei einbrechen. Oder recherchieren nach, wie sich der Dorfpfarrer weigerte, die Kirchenglocken dem Militär zur Munitionsherstellung zu überlassen: "Meine Kirche soll Menschen töten?"

Die Schüler aus Purgstall hingegen gingen in einem Kurzfilm dem damals hochmodernen Kriegsgefangenenlager nach, das sich auf dem Gelände ihrer Heimatgemeinde befand. 80.000 Soldaten waren dort inhaftiert - und auch hier spiegelte sich die Vielfalt der Monarchie wieder: In einer eigenen Kirchenbaracke gab es hintereinander jüdische, katholische, protestantische, orthodoxe und muslimische Gottesdienste.

Einer der Gefangenen - ein russischer Soldat - blieb übrigens nach Kriegsende in Purgstall und lebte in der Ortsgemeinschaft bis zu seinem Tod in den 60er-Jahren.

Der Standortleiter der Schallaburg, Peter Fritz, richtet in der Abschlusspräsentation mahnende Worte an die Schüler: Im Gegensatz zu heute sei Frieden kein Wert an sich gewesen, sondern äußerte sich in Zeiten des Mangels als Wunsch nach mehr Essen: "Wurde die Essensration erhöht, war Frieden kein Thema mehr." Auch habe es einen unerklärlichen Widerspruch gegeben: "Je gebildeter die Leute waren, desto kriegsbegeisterter waren sie auch."

Hertha Strauch, die als Schülerin noch begeistert vom Krieg schwärmte, veröffentlichte ihre Notizen 1931 in einem Tagebuchroman: "Die Katrin wird Soldat". Es ist ein pazifistischer Antikriegsroman geworden. (Max Miller (18), DER STANDARD, 30.6.2014)

  • Zeitdokumente vom Ersten Weltkrieg: Kinderzeichnung einer Schlacht ...
    foto: könig, reichlin-meldegg, schallaburg/fuchs

    Zeitdokumente vom Ersten Weltkrieg: Kinderzeichnung einer Schlacht ...

  • ... der "Kriegs-Struwwelpeter" und ...
    foto: könig, reichlin-meldegg, schallaburg/fuchs

    ... der "Kriegs-Struwwelpeter" und ...

  • ... ein propagandistisches Kartenspiel.
    foto: könig, reichlin-meldegg, schallaburg/fuchs

    ... ein propagandistisches Kartenspiel.

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