"Das Hängen von Frauen dient als Warnung"

Analyse30. Juni 2014, 05:42
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Sexuelle Gewalt in Indien wird auch systematisch genutzt, um untere Kasten zu terrorisieren und zu unterdrücken.

Neu-Delhi - Im Westen fragt man sich, wann die Gewalt gegen Frauen in Indien endlich aufhört. Doch das verkennt, wie tief die Ursachen reichen. Sie berühren nicht nur das Frauenbild, sondern das gesamte Machtgefüge Indiens, das auf Ungleichheit und dem Kastenwesen beruht und großen Teilen der Bevölkerung fundamentale Rechte verweigert.

Vergewaltigung und andere Formen sexueller Gewalt werden in Indien auch systematisch als Waffe benutzt, um Frauen und untere Kasten zu unterdrücken und die eigene Macht zu verteidigen. Die jüngsten Fälle, wo Mädchen missbraucht und erhängt im Bundesstaat Uttar Pradesh gefunden wurden, könnten dies kaum deutlicher illustrieren.

Politiker verteidigen Täter

Uttar Pradesh ist mit 200 Millionen Einwohnern der größte Bundesstaat in Indien. Regiert wird er offiziell von Akilesh Yadav, faktisch von seinem Vater Mulayam Singh Yadav. Der Ex-Verteidigungsminister ist Chef der Regionalpartei SP, Mitglied des Parlaments in Delhi und hat ein Herz für Vergewaltiger. "Jungs sind halt Jungs. Und machen mal Fehler", buhlte er jüngst im Wahlkampf um Stimmen.

Mulayam gehört der Yadav-Kaste an, die in Uttar Pradesh das Sagen hat. Bei den Landeswahlen 2012 hatte seine SP den Sieg geholt, doch bei den Bundeswahlen im Frühjahr 2014 stürzte sie auf fünf Sitze ab, während die Hindupartei BJP von Narendra Modi 71 der 80 Sitze holte.

Rache nach Wahlen

Im Nachgang kam es in drei Wahlbezirken der Yadav-Familie zu brutalen Gewalttaten gegen Frauen, darunter der Doppelmord an den beiden Mädchen in Badaun. Die Opfer stammten aus unteren Kasten, die mutmaßlichen Täter aus der Yadav-Kaste.

Ziele vermuten, dass die beiden Mädchen sterben mussten, weil ihre Familien die BJP gewählt hatten. "Diese Vergewaltigungen haben nichts mit Sex zu tun, es geht nur um die Kaste", sagt der Politologe Badri Narayan. "Vergewaltigung ist ein Werkzeug der Unterdrückung, der Strafe, der Erniedrigung. Das Hängen von Frauen an Bäumen dient als Warnung."

Besonders brutale Fälle in Indien

Lange hat der Westen Indien als demokratisches Gegenbild zu China romantisiert. Tatsächlich kann Indien auf vieles stolz sein. Aber das darf nicht die chronische Gewalt ignorieren. Laut den offiziellen Zahlen wird in Indien, gemessen an der Einwohnerzahl, nicht mehr vergewaltigt als in Europa. Doch die Dunkelziffer liegt vermutlich wesentlich höher.

Was viele Taten unterscheidet, ist die Brutalität. Gruppenvergewaltigungen sind die Regel. Zudem lassen es die Täter meist nicht dabei bewenden, dem Opfer sexuelle Gewalt anzutun. Oft richten sie die Mädchen so zu, dass sie unfruchtbar werden, oder entstellen Gesicht und Körper. Den Opfern, wenn sie überleben, wird damit der Weg zurück in ein normales Leben für immer versperrt.

In dieser Hinsicht erscheinen die Taten eher typisch für Kriegssituationen. Viele Soziologen sehen die Gewaltwelle gegen Frauen als Ausdruck eines brutalen Geschlechter- und Kastenkrieges, der unter Indiens vermeintlich friedfertiger Oberfläche tobt. Gut möglich, dass der Konflikt weiter eskaliert und mit ihm auch die Gewalt gegen Frauen.

Rechtlose Kasten

Noch immer herrscht in ländlichen Regionen wie Uttar Pradesh das grausame Kastensystem. Am unteren Ende stehen die Dalits, wie die Unberührbaren sich nennen. Knapp 200 Millionen Inder gelten als Dalits. Ähnlich rechtlos sind die 100 Millionen Adivasi, die Eingeborenen. Vielerorts setzen Männer höherer Kasten Gewalt - auch sexuelle - ein, um ihre Vorherrschaft zu zementieren.

Doch Indien ändert sich. Die Massenproteste von Delhi vor anderthalb Jahren haben ins ganze Land ausgestrahlt. Immer mehr Frauen begehren auf. Auch die unteren Kasten beginnen, auf ihre Rechte zu pochen. Die Eltern der ermordeten Mädchen weigerten sich, die Leichen vom Baum zu nehmen, und bestanden darauf, dass die Polizei ermittelt. Sie wissen, dass sie damit ihr Leben riskieren. Vätern werden schon einmal Arme und Beine abgehackt und Mütter krankenhausreif geprügelt, weil sie zur Polizei gingen.

Der Kampf um ein neues Indien hat erst begonnen. Er wird nicht Jahre, sondern Jahrzehnte dauern. Als zehntausende Menschen zur Jahreswende 2012/2013 vor den Toren des Präsidentenpalastes Wasserwerfern trotzten, ging es nicht nur um Gewalt gegen Frauen. Es ging um nichts weniger als das Machtgefüge Indiens. (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi, DER STANDARD, 30.6.2014)

  • In vielen Protestaktionen, wie hier in Neu-Delhi, wird der jüngsten Opfer  gedacht, die in Uttar Pradesh tot gefunden wurden.

    In vielen Protestaktionen, wie hier in Neu-Delhi, wird der jüngsten Opfer gedacht, die in Uttar Pradesh tot gefunden wurden.

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