Für weltmeisterwürdige Performance braucht es mehr

Analyse29. Juni 2014, 15:19
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Brasilien und Chile lieferten sich im Achtelfinale den erwartet engen Schlagabtausch

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Der für die Gastgeber glückliche Ausgang spiegelt nicht unbedingt die spielerischen Verhältnisse wider. Denn Chile entwickelte rasch seinen für bislang jeden Gegner äußerst unangenehmen Rhythmus und hielt Brasilien wie zuvor Spanien und ansatzweise auch die Niederlande über weite Strecken in Schach. Mit koordiniertem Pressing fielen die Chilenen in jene als weiße Räume zu bezeichnenden Leerstellen ein, die sich im brasilianischen Aufbauspiel ein weiteres Mal mit erschreckender Deutlichkeit auftaten.

In diesem Sinn erwies sich auch die von der Papierform her defensivere Taktik der Chilenen mit ihrer Fünferkette samt doppelt besetztem Mittelfeldzentrum im Vollzug als dynamischer, flexibler und im Endeffekt auch gefährlicher als die mehr nominelle als tatsächliche Wucht der Gastgeber.

Die spezifische Qualität der Chilenen lag in der weitgehend schnörkellosen, spielfreudigen Interpretation dieses nach hinten so dicht wirkenden Systems, das einzig in der einen oder anderen Verschleppungsattitüde der beiden Superstars Vidal und Sanchez Sackgassen vorfand.

Auf der Gegenseite wirkte es phasenweise so, als würde in Hulk eine Art hünenhafter Superheld im Alleingang sämtliche Mängel und Defizite der brasilianischen Offensive kompensieren wollen. Den möglicherweise verletzungsbedingt schwächelnden und oft mehr als nötig tändelnden Neymar, den beinahe bis zur Unsichtbarkeit verblassenden Oscar und vor allem den mit jedem Spiel rat- und orientierungsloser wirkenden Fred, der in Jo nach einer Stunde einen in jeder Hinsicht adäquaten Ersatz fand.

So lag es schließlich weitgehend an der kollektiven defensiven Disziplin, dass man potenzielle Kalamitäten so weit wie möglich vom Strafraum fernhalten konnte. Für eine weltmeisterwürdige Performance braucht es freilich mehr als die Angst vor dem Scheitern. Es stellt sich die Frage, ob es weiterhin reichen wird, sich Spiel um Spiel in Richtung Titel zu zittern. Gegen die bislang effizienten Kolumbianer könnte das zu wenig sein.

(Helmut Neundlinger / Umsetzung für derStandard.at: Florian Gossy und Markus Hametner, 23.6.2014)

DIE ANALYTIKER: FASresearch mit Sitz in Wien und Brüssel war bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 sowie bei der EM 2008 und 2012 im Einsatz und beobachtet exklusiv für den Standard auch Österreichs Qualifikationsspiele. Team: Ruth Pfosser, Helmut Neundlinger, Wolfgang Streibl, Harald Katzmair, Agnes Chorherr und Andreas Scheicher

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