Agda Bavi Pain: Anfang der tristen Welt

27. Juni 2014, 18:43
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Der slowakische Autor hat mit seinem Roman "Am Ende der Welt" eine Punkballade geschrieben, seine anarchischen Texte unterschreibt er heute noch mit "Europain"

Die Comic-Zeichnung eines Killers mit zwei rauchenden Pistolen in den Händen auf knallig rotem Grund ziert das Cover von Koniec sveta. Die Kritik bezeichnete Am Ende der Welt als "erste Punkballade" der slowakischen Literatur. Ihr Verfasser Agda Bavi Pain wurde 2006 mit dem großen slowakischen Literaturpreis ausgezeichnet. Auf die Frage, ob der Name ein Pseudonym sei, antwortete der schlaksige Endvierziger verschmitzt: "Nein, das ist kein Pseudonym. Hat man sich aber mein Branding einmal gemerkt, vergisst man es nicht mehr." Man dürfe aber an das englische Wort für Schmerz denken.

Wie auch immer es sich mit seiner Identität tatsächlich verhält, ein Faible für Verschleierung und Obskures hatte der seit 1990 in Bratislava lebende Agda Bavi Pain schon immer. Während seiner Schulzeit im ostslowakischen Kosice begann er sich für Satanismus zu interessieren - weil das verboten war, wurde er sogleich Mitglied einer Teufelssekte: "Meine Gegenwelt zum Kommunismus bestand aus Tattoos, Heavy Metal, Punk und Okkultismus." Es folgten die ersten Schreibversuche und Publikationen im Samisdat. Auf seiner Homepage wird man bis heute mit "Hellcome!" und Pistolenschüssen begrüßt.

Sein bisher einziger Roman Am Ende der Welt verknüpft all diese Motive und eine Orgie an Mord und Totschlag zu einer literarischen Milieustudie über eine dem Verfasser offenbar von innen vertraute Welt - zumindest was das wilde Sprachengemisch seiner Romanfiguren aus Ungarisch, Slowakisch und Romanes betrifft. Robert Kuchta, der Protagonist des Buches, besteigt frühmorgens, noch vor Sonnenaufgang, den Schnellzug 601. Die Reise führt von Leopoldov, wo sich das größte Gefängnis der Slowakei befindet, Richtung Osten in einen Film noir: "Dunkelheit. Sie füllt den ganzen Raum aus, lastet jedoch nicht auf ihm. Die Klotür geht mit einer bestimmten Bewegung auf und schlägt auch gleich wieder zu. Robi Kuchta ist drin. Das Schummerlicht der schwachen, pulsierenden Neonröhre nimmt dem Gestank kein bisschen an Intensität. Der Zug schwankt. Robi stützt sich mit einer Hand an der Wand ab, mit den Fingern der anderen umklammert er seinen Penis und pisst alles um sich herum voll."

Kuchta, den seine Freunde "Vajsz" nennen (in den Mythen der Slawen ist nicht vom "schwarzen Schaf" die Rede, sondern vom "weißen Raben"), beginnt einen Rachfeldzug, dessen Initiator ein ominöser Leutnant Luckay ist. In den Hinterhöfen, Bars und schmierigen Hotelzimmern des einstigen Kaschau ist eine Zeitlang von diversen Morden in Budapest und Belgien nur die Rede, dann geht es zur Sache selbst. Ein gewisser Lopez, der Zigeuner Dulus mit Sonnebrille und die Nutte Norika, mit der Kuchta ein Kind hat, sind nur Staffage für ein Gemetzel, in dem Halsschlagadern durchtrennt und viele Fangschüsse gesetzt werden. Retrospektiv meint Agda Bavi Pain über die Gewaltexzesse seines Buches ohne jeglichen Sarkasmus: "Ich habe kleine Kriminelle und Gangster, den normalen Untergrund der damaligen Slowakei beschrieben - einfach zu überleben war schwierig. Diese Leute haben sich wirklich angestrengt!"

Für Das Ende der Welt steht bei Pain nicht das legendäre Romaghetto Lunik IX von Kosice, sondern die Hauptstadt Bratislava. Dort wird Kuchta nach seiner Rückkehr in einem Lift erschossen. Er ist die 18. Leiche an einem Tag. Der Mörder ist eine schattenhafte Gestalt mit roten Haaren, möglicherweise der Teufel selbst. Was die Verwendung von "sex, crime and money" - die hauptsächlichen Ingredienzien zahlreicher osteuropäischer Bücher der vergangenen zwanzig Jahre - betrifft, ist Am Ende der Welt zweifellos der Spitzenreiter. Trashiger als Agda Bavi Pain war kein Autor: "Die Schlampe saugt den toten Eisenphallus in ihren glitschigen tiefen Mund ein, bis es Luckay nach hinten biegt. Er sieht die Sterne. Die Schlampe zieht ein paar Mal an der kalten Zigarre, schmatzt, stöhnt mit vollem Mund, und einen Moment später ist es vorbei."

Touristen statt Roma

Das lange Finale des Buches trägt sich in der Hauptstadt zu, wo ein Bandenkrieg tobt. Luckay, der böse Cop, hat Kuchtas Freundin Norika übernommen und versucht, verkleidet als Frau und vielleicht geschlechtsumgewandelt, das Land zu verlassen. Weiter als nach Wien kommt er nicht. Erst beim Showdown ist er wieder bei sich: "Eine Pistole in der einen Hand, eine Pistole in der anderen Hand, eine Pistole hinter dem Gürtel. Da helfen auch zitternde Knie nicht." Der alle Genreklischees erfüllende Autor erlaubt sich einen selbstironischen Witz: "Mit letzter Kraft schüttelt er eine Hand aus, wie ein Schüler, der nicht mehr weiterschreiben kann." Dass er mit seiner Krimipersiflage einen Blick hinter die Fassaden von Bratislava warf, davon ist Agda Bavi Pain noch immer überzeugt: "Es gibt diese Stadt eigentlich nicht. Bratislava hat - wie das ganze Land - immer ein Schattendasein geführt. So war es in der Monarchie, während der Diktatur und in der Tschechoslowakei." Die vielen Roma, auf die man im Zentrum von Bratislava traf, seien verschwunden, weil das Leben für sie zu teuer wurde - an ihre Stelle sind Touristen getreten. "Bratislava ist ohnehin nicht die Slowakei!"

Sein Geld verdient Pain wie viele, die das Land noch nicht verlassen haben, mit Drehbüchern für tschechische Fernsehkrimis, Werbung und Sitcoms. Die wenigen slowakischen Autoren, die im Westen Erfolg haben, seien ihm zu angepasst: "Mein Leben ist besser als das jener Scheintoten, das die alten Herren des früheren slowakischen Schriftstellerverbandes führten." Seinen Traum vom rebellischen Künstlertum erfüllt er sich als Mitarbeiter eines Marionettentheaters für Erwachsene, das lange durch die Slowakei tingelte. Auch hier geht es um "sex, crime" und diverse Vampire der Gegenwart - mittlerweile in einem kleinen Theater in Bratislava.

Und was war mit Kosice, der europäischen Kulturhauptstadt 2013? - "Das ging spurlos an mir vorüber - ich kam dort nicht vor. Am Ende der Welt war für diese Veranstaltung zu kompromisslos." Allerdings gelang es Pain, ein Jahrzehnt nach der Fertigstellung des Romans die Mittel für eine Verfilmung aufzutreiben. Staatliche Förderungen bekam er nicht. Mittlerweile wurde der Film auf einigen Festivals gezeigt.

Noch ein Jahrzehnt nach 1989 sah Bratislava wie der Anfang jener traurigen Welt aus, deren Tristesse sich von der Donau bis nach Wladiwostok erstreckt. Mittlerweile gilt die Region europaweit als jene mit den höchsten Auslandsinvestitionen. Für den Undergroundveteranen Agda Bavi Pain hat sich wenig geändert: "Wissen Sie, was Robert Fico, unser Regierungschef, antwortet, wenn man ihn auf jene Zeit anspricht? 'Ich kann mich an 1989 nicht erinnern!'" Ob Agda Bavi Pain, der heute Gedichte schreibt, einen weiteren Roman verfassen wird, weiß er nicht. Den Namen, mit dem er seine anarchistischen Texte unterzeichnet, ließ er sich patentieren - "Europain!" (Erich Klein, Album, DER STANDARD, 28./29.6.2014)

Ein europäisches Karussell

Zwischen 2006 und 2012 nominierten lokale Jurys aus 16 Ländern (Bosnien, Bulgarien, Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Türkei, Ukraine und Ungarn) Autorinnen und Autoren, aus denen eine internationale Jury, zuerst unter dem tschechischen Schriftsteller Jiří Gruša (1938–2011), dann unter seinem ungarischen Kollegen György Dalos Preisträger aussuchte, die mit dem Bank-
Aus tria-Literaris-Preis für Prosa, einer Auszeichnung für den besten Lyrikband sowie sieben "Writer in Residence"-Stipendien von KulturKontakt Austria gewürdigt wurden. Die Aktion „Ein europäisches Karussell“, im Rahmen deren der Standard zehn Texte osteuropäischer Autoren pu bliziert, will einen Beitrag zur verstärkten Rezeption osteuropäischer Literatur leisten. Es werden Autoren besucht und mit ihrer Literatur in der Landschaft präsentiert: vom Roadmovie zum Road-Feuilleton.

Zum "Europäischen Karussell" erscheint ein Kartonschuber mit neun Bänden 2222 S., € 75 plus zehn Euro Versand kosten, versandkostenfrei für STANDARD-Abonnenten.

Die Aktion wird unterstützt von: DER STANDARD, Bank Austria Literaris, Ö1 und dem Wieser-Verlag.

Zu beziehen über Ihre Buchhandlung oder über: office@wieser-verlag.com, Fax: 0463/370 36, per Post: Wieser-Verlag, 8.-Mai-Straße 12, 9020 Klagenfurt/Celovec. Ö1 spielt "Karussell"-Texte wöchentlich in "Ex Libris" (jeweils Sonntag 16 Uhr).

www.wieser-verlag.com

  • Neubaugebiet Petrzalka in Bratislava: "Es gibt diese Stadt eigentlich nicht", sagt Agda Bavi Pain, "sie hat - wie das ganze Land - immer ein Schattendasein geführt."
    foto: robert newald

    Neubaugebiet Petrzalka in Bratislava: "Es gibt diese Stadt eigentlich nicht", sagt Agda Bavi Pain, "sie hat - wie das ganze Land - immer ein Schattendasein geführt."

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