"Ich bin Franzose und für Algerien. Voilà!" 

27. Juni 2014, 18:23
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Die Erfolge Algeriens werden in Frankreich enthusiastischer gefeiert als jene der Équipe Tricolore. Und sie führen zu Zusammenstößen mit der Polizei. Die extreme Rechte heizt die Stimmung mit gezielten Falschmeldungen an

Paris - Frankreich staunt. Die spontansten Freudenfeste in den Straßen von Paris bewirken nicht die einheimischen Bleus, sondern die algerischen Fennecs, die Wüstenfüchse. Tausende ihrer Anhänger strömten in der Nacht auf Freitag zu den Champs-Élysées, wo sie mit endlosen Hupkonzerten und "One two three, viva l'Algérie!"-Chören die Achtelfinalqualifikation ihrer Mannschaft feierten. Daneben kam es aber auch in mehreren Städten zu Ausschreitungen. Bei den Champs-Élysées attackierten Jugendliche die Bereitschaftspolizei, die mit Tränengaseinsätzen reagierte. Ähnliche Szenen gab es in der südfranzösischen Hafenstadt Marseille sowie in Industriestädten wie Roubaix. In Lyon brannten Autos, Motorräder und Bushaltestellen, Schaufenster gingen zu Bruch. 114 Randalierer wurden verhaftet.

Nach Algeriens Sieg über Südkorea eine Woche zuvor war Innenminister Bernard Cazeneuve nach Lyon gereist, um die Polizeioperationen zu leiten. Gereizt war die Stimmung auch, weil Rechtsextremisten zu einer Gegenkundgebung aufgerufen hatten. Sie war verboten worden und fand schließlich nicht statt. Dafür verbreitete ein Kollektiv "anti-racaille" (Anti-Gesindel) Falschmeldungen, das Pariser Einwandererquartier Barbès brenne. Und in der Nähe von Lyon sei eine Kirche in Brand gesteckt worden. Die Rechtsextremistin Marine Le Pen erklärte, die Algerien-Fans seien durch einen "Geist der Revanche" gegen Frankreich angetrieben.

Voilà!

Die Franzosen beobachten die überbordende Reaktion der Algerien-Fans im eigenen Land mit gemischten Gefühlen. Zum Ausdruck kommt die ganze Schwierigkeit einer bilateralen Beziehung, die geprägt bleibt durch den Algerienkrieg (1954 bis 1962) und Banlieue-Ghettos. Die meisten Immigrantensöhne und -töchter der zweiten Generation sind Doppelstaatsbürger, der Fußball erinnert nun an diesen gerne verdrängten Umstand. Eine Pariser Radiojournalistin fragte Freitagfrüh einen Fan der Fennecs, ob er denn nicht Franzose sei. Die lachende Antwort: "Ja ich bin Franzose, und für Algerien. Voilà!"

Ähnlich denken im 23-köpfigen Kader Algeriens wohl etliche Spieler. 17 von ihnen sind in Frankreich geboren und aufgewachsen, weshalb sie zugleich den französischen Pass besitzen. Als Junioren hatten sie für Frankreich gespielt, bevor sie die Seite wechselten. Dies geschah meist nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil sie in der französischen Auswahl nicht weiterkamen. Einige behaupten, sie seien diskriminiert worden durch jene berüchtigten "ethnischen" Quoten, für die sich Ex-Nationaltrainer Laurent Blanc 2011 schließlich entschuldigen musste. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 27./28.06.2014)

  • Algerien feiert in Frankreich.
    ap/paris

    Algerien feiert in Frankreich.

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